Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet den Yetis bescheinigen US-amerikanische Wissenschaftler ein erstaunliches landwirtschaftliches Talent. Zwar handelt es sich bei den neu entdeckten Farmern nicht um die sagenumwobenen Schneemenschen im Himalaya, die bisher noch niemand zu Gesicht bekommen hat. Doch die Lebewesen, die das Team um Andrew Thurber von der Scripps Institution of Oceanography im kalifonischen La Jolla beobachtet hat, wirken fast genauso exzentrisch. Yeti-Krabben sind stark behaarte Krustentiere, die an den Tiefseequellen vor der Küste Costa Ricas eine raffinierte Form von Viehzucht betreiben. Mit welchen Tricks sie dabei arbeiten, beschreiben die Forscher im Fachjournal Plos One.

Erst seit wenigen Jahren wissen Biologen, dass es Yeti-Krabben überhaupt gibt. Ihren populären Namen verdanken diese bizarren Tiefseebewohner ihrem weißlichen Körper und den mit vielen Borsten bedeckten Scheren, die an sehr haarige Arme erinnern. Das erste Mitglied dieser Krebs-Familie wurde 2005 in der Nähe der Osterinsel gefangen und auf den wissenschaftlichen Namen „Kiwa hirsuta“ getauft. Ein Jahr später war Andrew Thurber dann an Bord eines Expeditionsschiffs, das die Tiefsee vor Costa Rica untersuchen sollte. Von einem Tauchgang mit dem Tiefsee-U-Boot Alvin brachten die Forscher damals einen zweiten Meeres-Yeti ans Tageslicht, den sie „Kiwa puravida“ nannten. Und diese Art hat die Forscher nun mit einem merkwürdigen Verhalten verblüfft.

Die etwa neun Zentimeter langen Krabben halten sich gern an jenen Stellen auf, an denen Methan und Schwefelwasserstoff aus dem Ozeanboden quellen. Dort bewegen sie sich häufig in einer Art Tanz, der die Forscher zunächst vor ein Rätsel stellte: „Wir haben beobachtet, wie sie ihre Scheren immer wieder durch die Flüssigkeit schwenkten, die aus einer Methanquelle strömte“, berichtet Andrew Thurber. Was aber sollte das? Fingen die Tiere auf diese Weise vielleicht Bakterien, um ihren Hunger zu stillen? Diese Erklärung schien nahe zu liegen. Schließlich gehören Bakterien zu den wenigen Lebewesen, die ihren Energiebedarf aus chemischen Verbindungen wie Methan und Schwefelwasserstoff decken können. In der Umgebung von Tiefseequellen, wo mangels Licht keine Algen gedeihen, bauen daher ganze Nahrungsketten auf diesen winzigen Überlebenskünstlern auf.

Doch als die Forscher den Yeti-Speiseplan genauer unter die Lupe nahmen, wurde ihnen klar, dass sie es nicht mit einfachen Bakterien-Jägern zu tun hatten. Die Krabben haben es offenbar gar nicht nötig, ihr Futter mühsam aus dem Wasser zu fischen. Stattdessen züchten sie nahrhafte Mikroorganismen auf ihrem eigenen Körper. Zwischen den Borsten auf ihren Scheren gedeihen ganze Herden von nützlichen Bakterien, die sie nur noch absammeln und verspeisen müssen. Dazu besitzen sie sogar mit speziellen Haaren bestückte Mundwerkzeuge, mit denen sie die Nahrung zwischen den Borsten des körpereigenen Viehstalls herauskämmen können. Chemische Analysen des Krebskörpers bestätigten, dass die Tiefsee-Yetis zum größten Teil von diesen selbstgezüchteten Snacks leben.

Ein erfolgreicher Farmer muss allerdings dafür sorgen, dass seine Herde trotz des verspeisten Viehs nicht schrumpft. Und genau dazu dient nach Ansicht der Forscher der seltsame Tanz um die Methanquelle. „Auf diese Weise scheinen die Krabben die Bakterien auf ihren Scheren mit Nahrung zu versorgen“, meint Andrew Thurber. Um seinen Stoffwechsel am Laufen zu halten und gut zu wachsen, brauchen die Mikroorganismen nämlich vor allem einen kontinuierlichen Nachschub an Sauerstoff und an Methan oder Schwefelverbindungen. Den aber kann das Krustentier gewährleisten, indem es seine Scheren durch die Quellen schwenkt und seinem einzelligen Vieh so immer wieder frisches Futter zufächelt. Es führt seine Herde sozusagen auf die fettesten Weiden der Tiefsee.