Tierarten in Deutschland: Inventur der Natur

Die Feldlerche ist ein Allround-Talent. Sie frisst kleine Tiere, kann aber auch mit Pflanzennahrung ganz gut leben und braucht für ihr Nest bloß ein wenig Platz auf dem Boden. Deswegen zählte der kleine, braune Vogel immer zu den Arten, um die sich Naturschützer garantiert keine Sorgen zu machen brauchten. Doch das hat sich geändert: In den letzten zwölf Jahren ist der Bestand der Feldlerchen in Deutschland stark gesunken, sie gilt inzwischen als gefährdet.

In einer neuen Analyse wurde jetzt nicht nur der Zustand der Lerchen sondern der gesamten Natur in Deutschland untersucht. Fußten vergangene bundesweite Studien immer auf Expertenschätzungen, haben Behörden und Naturschützer für die aktuelle Erhebung zusammengearbeitet. Landschaften wurden kartografiert und 12.000 Stichproben gesammelt, von der Spitze des Feldbergs im Schwarzwald bis auf den Grund der Nord- und Ostsee. Die Proben sollen darüber Aufschluss geben, wie die EU-Richtlinien zum Vogelschutz und zur Flora und Fauna umgesetzt werden. Den Titel „Zur Lage der Natur“, der an die Rede des US-Präsidenten „Zur Lage der Nation“ angelehnt ist, hat die Studie also durchaus verdient. Allerdings musste Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Mittwoch in Berlin eingestehen, dass die „Generalinventur“ teilweise besorgniserregend schlechte Ergebnisse liefert.

Denn wäre der Bericht ein Schulzeugnis, so stünden viele Fünfen und Sechsen darauf. Im Fach „Erhaltung von Lebensraum“ wäre die Bundesrepublik durchgefallen – hier sind die Bedingungen fast im gesamten Land unzureichend (39 Prozent) oder schlecht (31 Prozent). Ausgenommen davon sind nur die Alpen, wo die Besiedlung und Nutzung durch den Mensch gering ist. Im Rest Deutschlands befinden sich Binnengewässer, Quellen, Küsten, Moore, Sümpfe und Grünflächen in einem Zustand, der ihnen nicht erlaubt, ihre ökologischen Aufgaben zu erfüllen. Kein Trost ist da auch der Hinweis im Bericht, dass zumindest bei den „Felsen und Schutthalden“ eine positive Bilanz gezogen werden kann. Am ungünstigsten ist die Lage in Nordwestdeutschland, das dicht besiedelt ist und landwirtschaftlich durch ebene Flächen gut genutzt werden kann.

Bei der Erhaltung der Tierarten hat sich im Vergleich zu einer vorangegangenen Erhebung von 2007 nicht allzu viel geändert. 25 Prozent der Arten erreichen den von der EU geforderten Zustand „günstig“, 29 Prozent befinden sich in einem „schlechten“ und 31 Prozent in einem „unzureichenden“ Zustand.

Einigen Allzeit-Sorgenkindern geht es inzwischen besser, zum Beispiel vielen Fischen, den Fischottern und den Fledermäusen. Auch der Bestand der Wildkatzen hat sich durch Schutzmaßnahmen wie Wanderkorridore stabilisiert. Er wird auf 5 000 bis 7000 Tiere geschätzt. Stark zugenommen hat die Zahl der Seeadler. Nachdem sie im 20. Jahrhundert von menschlichen Jägern beinahe ausgerottet wurden, brüten in Deutschland wieder mehr als 600 Seeadler-Paare ihre Jungen aus. Und auch der Wolf, wenn auch immer noch gefährdet, erholt sich zusehends. 26 Rudel gibt es inzwischen, 19 davon sind fähig, auch Nachwuchs zu gebären. Die Erholung gerade dieser Arten beweise, dass Naturschutz funktioniere, so Hendricks. Da, wo es ihn gebe.

Doch es gibt neue Sorgenkinder: Bei einem Drittel der Brutvögelarten, 84 von insgesamt 270 Stück, ist der Bestand signifikant zurückgegangen. Am stärksten davon betroffen sind die Arten, die auf offenen Flächen und in der Nähe von Siedlungen brüten. Schlecht entwickeln sich zurzeit auch Amphibien, Schmetterlinge, Libellenarten wie die Smaragdlibelle und bestimmte Krötenarten.

Ein großes Problem stellt dabei die sinkende Zahl der Grünflächen dar. „In fast ganz Deutschland ist das Grünland bedroht“, sagte Hendricks. „Das muss uns sehr zu denken geben.“ Grund für den Negativ-Trend ist vor allem die anhaltende Verbreitung der intensiven Landwirtschaft, die auf Monokulturen anstatt auf Pflanzenvielfalt setzt. Dort werden viele Pestizide und Düngemittel verwendet, Grünflächen für mehr Ackerland umgebrochen und Wiesen und Weiden entwässert.
Darunter leidet nicht nur die Feldlerche, sondern auch Mäuse und Hamster, sowie Schmetterlinge und Bienen. Vor allem letztere sind aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Laut Hendricks ist ihre Bestäubung von Nutzpflanzen weltweit 170 Milliarden Euro wert.

Die Bundesumweltministerin verlangte deswegen von den Landwirten, noch mehr als bisher Verantwortung für die biologische Vielfalt zu übernehmen. Sie könnten schon jetzt über EU-Subventionen „öffentliche Gelder für öffentliche Leistungen“ erhalten und sollten diese Chance auch besser nutzen. Gegen die „Vermaisung“, also den drastisch gestiegenen Maisanbau in Deutschland, will Hendricks direkt angehen: „Diesen Trend müssen wir stoppen und sagen: Das reicht jetzt!“ Biogasanlagen sollten in Zukunft mit Pflanzenresten, nicht mit frischem Mais gefüttert werden. Auch der Anbau für Biosprit müsse reduziert werden.

Magnus Wessel, Leiter des Bereichs Naturschutzpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund), sieht die Verantwortung weniger bei den Landwirten als bei der Politik: „Es ist vor allem ein Problem der Agrarpolitik, die vielen Bauern nichts anderes übrig lässt, als intensiv anzubauen.“ Die Subventionen für den Naturschutz müssten ebenso hoch ausfallen wie für den Maisanbau. Die Bundesländer müssten personelle Kapazitäten schaffen, die Einhaltung der Naturschutzgesetze strenger kontrollieren und Finanzhilfen der EU stärker nutzen. Außerdem fordert Wessel ein Pestizidverbot für sogenannte ökologische Vorrangflächen, also Gebiete, die eine besonders große Artenvielfalt aufweisen. Als Erstes müsse auch hier die „größte Baustelle“ der Wiesen und Felder angegangen werden.

Auch der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sieht in der intensiven Landwirtschaft einen Hauptgrund für die Verschlechterung der Lebensräume sowie das Artensterben. Für Nabu-Chef Olaf Tschimpke ist angesichts der rapide schwindenden Zahl von Feldlerchen und Kiebitzen die Lage noch dramatischer als erwartet.

Ministerin Hendricks kündigte an, weitere Schwerpunkte auf die Gewässer zu legen. Dabei stünden in ihrem Ministerium besonders der Hochwasser- und Meeresschutz im Fokus, zwei neue Referate seien zu den Themen eingerichtet worden. „Hochwasserschutz bedeutet auch Naturschutz“, sagte sie. „Wir müssen den Flüssen mehr Raum geben.“ Präventive Arbeit sei besonders jetzt wichtig, wo die Flusspegel niedrig stehen. Die Renaturierung von Flüssen, die nicht mehr für die Schifffahrt gebraucht würden, müsse vorangetrieben werden. Im Meer müssten außerdem die Schutzgebiete ausgeweitet werden, um das Vorkommen von Arten wie dem stark bedrohten Schweinswal weiter zu stabilisieren.

Die beiden EU-Richtlinien, die bei der Untersuchung im Fokus standen, weisen Schutzgebiete für europaweit bedeutende Arten und Lebensräume aus. Diese sogenannten Natura-2000-Gebiete bilden inzwischen das größte Schutzgebietsnetz der Welt und sind der wichtigste Bestandteil des europäischen und deutschen Naturschutzes.

Die EU versucht über die Richtlinien auch, die Folgen des Klimawandels abzumildern. In Deutschland nehmen die Gebiete, die durch die Natura-2000-Richtlinien geschützt sind, 15,4 Prozent der Landes- und 45,4 Prozent der Meeresfläche ein.