Esel, Hund, Katze, Hahn – dieses Tierquartett ist eines der bekanntesten aus der Grimm’schen Märchenwelt: die Bremer Stadtmusikanten. Sie lernen sich kennen, weil sie von zu Hause weglaufen – denn ihre Besitzer wollen sie nicht mehr haben. Doch auch in der Realität suchen sich Tiere einen neuen Lebensraum, wenn sie in ihrer Heimat nicht mehr bleiben können. Oft geht es zum Beispiel um mehr Sicherheit. In den Savannen Afrikas sehen Naturschützer derzeit sehr deutlich, wie ständige Lebensgefahr Wildtiere aus ihren angestammten Lebensräumen vertreiben kann. Der massive Boom der Elfenbeinwilderei ist dort auch an den überlebenden Elefanten nicht spurlos vorübergegangen. Etliche Gebiete, in denen früher zahlreiche Dickhäuter lebten, sind mittlerweile weitgehend verwaist.

So waren die Tiere noch vor einigen Jahren häufig außerhalb der Grenzen des berühmten Serengeti-Nationalparks in Tansania unterwegs. Allerdings haben sie offenbar ein feines Gespür dafür, wo die Gefahr am größten ist. Sie halten sich mittlerweile lieber innerhalb des Schutzgebietes auf. Ein ähnliches Sicherheitsbedürfnis zeigen die Dickhäuter auch in anderen Regionen Afrikas. So lebt ein großer Elefantenbestand im Gonarezhou-Nationalpark in Simbabwe. Wegen der massiven Wilderei weichen die Tiere aber nicht über die Grenze nach Mosambik aus. Und aus dem elefantenreichen Krüger-Nationalpark in Südafrika haben Naturschützer vor einigen Jahren sogar gezielt Tiere nach Mosambik umgesiedelt. Doch vor den Gewehren der Wilderer sind viele der Elefanten wieder zurück nach Südafrika geflohen.

Zugvögel suchen Futter

Neben akuter Lebensgefahr verlassen Tiere auch aus Hunger ihre gewohnte Umgebung. Das gilt zum Beispiel für die vielen Millionen Zugvögel, die jedes Jahr ihre Brutgebiete verlassen, um in wärmeren Regionen ihr Futter zu finden. Oder für mehr als eine Million Gnus und Hunderttausende von Zebras und Gazellen, die im Rhythmus von Regen und Trockenzeiten zwischen der Serengeti und dem Masai Mara Schutzgebiet in Kenia hin- und herwandern – immer auf der Suche nach genügend frischem Gras. Diese großen Tierwanderungen entsprechen aus Sicht von Zoologen allerdings weniger einer Flucht, als einem Nomadenleben. Denn Gnus und Zugvögel haben sich einfach auf das jahreszeitlich wechselnde Nahrungsangebot eingestellt.

Doch es gibt auch Ausnahmesituationen, die plötzlich die gewohnte Welt auf den Kopf stellen und es schwer machen, noch genügend Nahrung zu finden. Wie bei den Trauerschnäppern auf der schwedischen Insel Öland Ende der 1950er-Jahre. Bis dato brüteten die kleinen, braun-weißen Singvögel vor allem in den Laubwäldern. Dann aber tauchte auf der Insel ein ziemlich aggressiver Verwandter der Tiere auf. Bei der Konkurrenz um Nahrung erwies sich der Halsbandschnäpper als durchsetzungsfähiger. Die Trauerschnäpper mussten viele Laubwälder räumen und auf Nadel- und Mischwälder ausweichen. Schon in der zweiten Generation fanden sie sich in der neuen Umgebung mühelos zurecht.

In einer Reihe von Experimenten haben Niclas Vallin und Anna Qvarnström von der Universität im schwedischen Uppsala herausgefunden, woran das liegt. Demnach werden die Küken auf die Landschaft geprägt, in der sie aus dem Ei geschlüpft sind. Wenn sie später eine eigene Familie gründen, bauen sie ihr Nest daher am liebsten in einer ganz ähnlichen Umgebung. Den Nadelwald, der für ihre Eltern noch eine Notlösung war, betrachten sie offenbar bereits als Heimat.

Doch nicht immer sind es andere Tierarten, die die angestammte Umgebung streitig machen. Europäische Äschen zum Beispiel erschweren sich auch gegenseitig das Leben. Diese Fische ernähren sich von Wasserinsekten und anderen Kleintieren, die in den Flüssen an ihnen vorbeitreiben. Die stärksten Tiere sichern sich die besten Fanggründe. Wer auf der sozialen Stufenleiter weiter unten steht, muss sich mit schlechteren Plätzen abfinden. Oder anderswo auf Jagd gehen.

Bei Tieren ist das zwar keine bewusste Abwägung. Doch selbst Fischbestände bestehen aus unterschiedlichen Persönlichkeiten. Da lässt sich längst nicht jeder auf eine Reise mit unkalkulierbaren Risiken ein. Wer weiß schließlich, welche Gefahren unterwegs lauern? Und ob sich woanders überhaupt bessere Fanggründe finden lassen? Es sind wohl die besonders mutigen Tiere, die sich trotz allem auf den Weg machen. Bei den Europäischen Äschen gibt es zudem noch einen sozialen Aspekt: Sie gehen eher ungern allein in die Fremde. Diesem Trend sind Paul Hart von der Universität im schwedischen Karlstad und seine Kollegen in einem Aquarium auf die Spur gekommen, in dem die Fische stromaufwärts zu einem neuen Lebensraum schwimmen konnten. Mit einem vertrauten Artgenossen an ihrer Seite taten die Tiere das viel bereitwilliger, als allein oder mit einem Fremden.

In vielen Fällen haben Tiere nicht die Wahl, ob sie gehen oder bleiben. Das gilt zum Beispiel für zahlreiche Orang-Utans auf Sumatra und Borneo. Dort werden die Regenwälder in rasantem Tempo gerodet, um Holz zu gewinnen und Platz für Felder und Plantagen zu schaffen. Die Zerstörung ihrer Lebensräume zwingt die Menschenaffen, in noch verschont gebliebene Waldgebiete abzuwandern. Wichtig sind vor allem reichlich Bäume, die das ganze Jahr hindurch genügend Früchte bieten. Wenn das gewährleistet ist, können die Tiere mitunter in nachhaltig genutzten Wäldern leben.

Brutplätze am Ufer fehlen

Andere Arten haben sich nach der Zerstörung ihrer Lebensräume sogar in gänzlich vom Menschen geschaffene Refugien gerettet. Wie etliche Bewohner der mitteleuropäischen Flussauen. Ursprünglich waren das sehr abwechslungsreiche Landschaften mit einem Mosaik aus Biotopen, das der Fluss immer wieder neu gestaltete. Da gab es vegetationsfreie Kies- und Sandbänke, die von der Strömung regelmäßig umgelagert wurden und auf denen der Flussregenpfeifer brütete. An anderen Stellen hatte der Fluss Steilwände in die Landschaft gegraben, in die Uferschwalben ihre Nisthöhlen bauten. Und für Amphibien wie die Gelbbauchunke, die Kreuz- und die Wechselkröte schuf das Hochwasser immer neue, kurzlebige Tümpel als Kinderstuben.

Inzwischen aber hat der Mensch die meisten Wildflüsse in Mitteleuropa begradigt, ihre Ufer verbaut und ihre Auen zerstört. Viele der Arten, die an den ständigen Wandel angepasst waren, verloren damit ihre Lebensgrundlage. Flussregenpfeifer, Uferschwalben und andere Tiere sind daraufhin oft in Kiesgruben und Steinbrüche ausgewichen. In solchen Abbaugebieten verzeichnet das Bundesamt für Naturschutz mittlerweile einige der größten Bestände von Gelbbauchunken in Deutschland. Gerade während des Abbaus finden die Amphibien dort ideale Bedingungen. Denn sie können die ständig neu ausgebaggerten Tümpel rasch besiedeln. Ihr Nachwuchs kann so unbehelligt von Feinden und Konkurrenten heranwachsen. Die ungewohnte Nachbarschaft von Menschen und Maschinen stört sie offenbar nicht.

Es sind allerdings meist nur einzelne Tiere, die sich nach der Zerstörung ihres Lebensraums auf den Weg in die Fremde machen. Dabei überwinden viele von ihnen keine allzu weiten Distanzen. Entweder sie finden eine Zuflucht in der Nähe ihres Lebensraums oder sie sterben. Schließlich wissen sie nichts über weit entfernte Refugien, die ihnen vielleicht das Leben retten könnten.