Wanderschuhe oder Turnschuhe? Warme Jacke oder reicht die dünne? Sind auch schicke Klamotten notwendig? Viele Menschen stehen in diesen Tagen wieder grübelnd vor ihren Koffern. Um mit dem richtigen Gepäck in den Urlaub aufzubrechen, muss man die Zukunft in Gedanken vorausnehmen und bisherige Erfahrungen abrufen können. Das kann nervig sein. Doch zum Glück hat die Evolution die Menschheit auf solche Situationen vorbereitet.

Unser Gehirn ist ziemlich gut darin, Erfahrungen aus der Vergangenheit zu speichern. Daraus lässt sich ableiten, was man heute tun sollte, um morgen ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Zwar schützt so ein planerisches Vorgehen nicht vor Enttäuschungen oder Fehlentscheidungen. Doch es vergrößert die Erfolgschancen.

Lange hatten Wissenschaftler diese Form von Weitsicht für ein spezielles Talent des Menschen oder zumindest seiner näheren Verwandtschaft gehalten. Doch davon kann offenbar keine Rede sein. Im Fachjournal Science berichten Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Universität im schwedischen Lund, dass sogar Raben die unterschiedlichsten Pläne für die Zukunft schmieden.

Besser als Kleinkinder

Dabei ist das eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. Etliche Versuche mit Kleinkindern zeigen, dass selbst Menschen nicht als Planungs-Genies geboren werden. So haben Jonathan Redshaw und Thomas Suddendorf von der University of Queensland im australischen St. Lucia Drei- und Vierjährige vor verschiedene Aufgaben gestellt. Sie sollten zum Beispiel das passende Werkzeug auswählen, um eine Kiste zu öffnen. Oder sie erfuhren, dass „Ellie, der Elefant“ gern Bananen frisst. Also galt es, aus einer Kollektion von Plastikobst den gewünschten Leckerbissen zu holen und die Handpuppe damit zu füttern.

Das war für alle Kinder kein Problem, wenn sie das Werkzeug oder Obststück gleich zum Einsatz bringen konnten. Anders sah die Sache dagegen aus, wenn sie zwischendurch für eine Viertelstunde aus dem Raum geführt und abgelenkt wurden. Erst nachdem eine Sanduhr abgelaufen war, durften sie dann ein Werkzeug oder eine Frucht wählen und mit zurücknehmen.

Sie mussten sich also nicht nur an die Aufgabe erinnern, sondern auch voraussehen, dass sie den jeweiligen Gegenstand demnächst brauchen würden. Die meisten Dreijährigen waren damit überfordert, bei den Vierjährigen klappte das schon deutlich besser. Offenbar beginnen Menschen ungefähr in diesem Alter, mental in die Zukunft zu reisen.

Fünf Minuten Bedenkzeit

Ganz ähnliche Versuche haben Wissenschaftler inzwischen auch mit Menschenaffen gemacht. Auch die zeigten sich oft erstaunlich weitblickend. So haben Nicholas Mulcahy und Josep Call vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig etlichen Orang-Utans und Bonobos beigebracht, mit einem Werkzeug einen Leckerbissen aus einem Apparat herauszuholen. Anschließend stellten sie den Tieren zwei für diesen Zweck geeignete und sechs ungeeignete Hilfsmittel zur Verfügung.

Nach fünf Minuten Bedenkzeit mussten die Affen den Raum verlassen und sich eine Zeit lang in einem Wartezimmer aufhalten. Dann durften sie zurückkommen und sich erneut an dem Futterapparat versuchen. Die meisten Tiere bekamen rasch heraus, wie sie bei diesem Test zum Erfolg kommen konnten. Vorausschauend nahmen sie ein passendes Werkzeug mit in den Warteraum und brachten es später wieder mit. Bei den erfolgreichsten Affen konnte sogar eine ganze Nacht zwischen der Werkzeugauswahl und der Rückkehr zum Apparat liegen.

Hundefutter und Erdnüsse

Allerdings bestanden regelmäßig nur Menschenaffen solche Tests, andere Affenarten scheiterten. Deshalb gilt die Fähigkeit zur mentalen Zeitreise als Erbe des letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen, der vor etwa 14 Millionen Jahren lebte. Dass auch Raben, Krähen und Co. verblüffend vorausschauend sind, passt daher nicht so recht ins Bild. Denn im Stammbaum sind sie recht weit weg vom Menschen positioniert. Doch es gibt inzwischen viele Hinweise, dass die Vögel in dieser Hinsicht ähnlich begabt sind.

Eichelhäher zum Beispiel sind durchaus in der Lage, ein üppiges und abwechslungsreiches Frühstücksbuffet zu planen. Das hat ein Team um Nicky Clayton von der University of Cambridge in Großbritannien herausgefunden. Jeden Morgen haben die Forscher ihre Versuchsteilnehmer entweder in einen Teil ihres Käfigs ohne Nahrung gelassen oder in einen, in dem es Futter gab.

Nach ein paar Tagen bekamen die Vögel abends Pinienkerne, die sie verstecken konnten. Daraufhin richteten sie ihre Vorratslager gezielt dort ein, wo sie nicht mit einem Frühstück rechneten. In einem anderen Versuch gab es im einen Raum morgens Hundefutter und im anderen Erdnüsse – und die Vögel versteckten abends den jeweils anderen Snack.

Talent für mentale Zeitreisen

Allerdings hatten Wissenschaftler solche planvollen Aktionen bei Rabenvögeln immer nur im Zusammenhang mit dem Anlegen von Vorratslagern beobachtet. Ist das also eine spezielle Anpassung an Zeiten der Nahrungsknappheit? Oder besitzen auch diese Tiere genau wie Menschenaffen und Menschen ein flexibles Talent für mentale Zeitreisen, das sie bei technischen und sozialen Herausforderungen zum Einsatz bringen können?

Um das herauszufinden, haben Can Kabadayi und Mathias Osvath Kolkraben vor verschiedene Aufgaben gestellt. Mal ging es darum, einen Stein passender Größe in eine Box zu werfen, die daraufhin einen Leckerbissen ausspuckte. Dann wieder lernten die Vögel, dass sie bei einem Betreuer einen Plastikdeckel gegen Futter eintauschen konnten.

Aufgeschobene Belohnung

Beide Aufgaben meisterten die Vögel problemlos. In den allermeisten Fällen wählten sie unter verschiedenen Angeboten nicht nur das richtige Werkzeug oder Tauschobjekt aus. Sie hoben beides auch für später auf – egal, ob sie es nach einer Viertelstunde oder sogar erst am nächsten Tag zum Einsatz bringen konnten. Ihr Planungshorizont reicht dabei mindestens 17 Stunden in die Zukunft. Beim Tauschhandel sind sie sogar erfolgreicher als Menschenaffen und stecken selbst vierjährige Kinder in die Tasche.

Und sie legen ein erstaunliches Maß an Selbstbeherrschung an den Tag. Wenn sie die Wahl haben, eine kleine Belohnung sofort zu kassieren oder abzuwarten und dann ein schmackhaftes Stück Hundefutter zu bekommen, entscheiden sie sich fast immer für Geduld. Sie haben also ihre Impulsivität im Griff, um längerfristige Ziele zu verfolgen.

Das alles zeigt, dass Raben keineswegs nur beim Futterverstecken in die Zukunft schauen können. Ihr Weitblick steht dem von Schimpansen und Co. offenbar in nichts nach. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der letzte gemeinsame Ahn von Vögeln und Säugetieren schon vor etwa 320 Millionen Jahren gelebt hat. Dass der damals schon ein Planungs-Genie gewesen sein könnte, halten Wissenschaftler für extrem unwahrscheinlich. Den Hang zur Planwirtschaft muss die Tierwelt also mindestens zweimal unabhängig voneinander erfunden haben.