Die perfekte Verkörperung des Mainstreams: TikTok-Queen Charli D'Amelio tanzt für ihre fast 50 Millionen "Player".
Screenshots einer TikTok-Compilation auf Youtube

BerlinEin Tanz geht um auf der Welt – er heißt „Renegade“. Es ist ein Formationstanz. Millionen Kinder schwenken dazu ihre Unterarme nach rechts und links, lassen sie umeinander kreisen und wedeln mit den Händen vor dem Gesicht. Jedes Kind zappelt alleine vor sich hin, am Esstisch, an der Bushaltestelle. Das sieht lustig aus, wie kleine süße Fische am Haken. 

Aber warum nur zappeln sie alle gleich? Welcher gigantischen Choreografie folgen die Kinder da? Ihr Gegenüber ist kein Mensch, sondern die chinesische App TikTok, ein Kunstprodukt aus Algorithmen und Marketing-Tools. Kaum ein Kind mit Smartphone kann sich ihr entziehen. Hier wird nach dem Takt der Maschine getanzt. Er geht nur wenige Sekunden lang.

TikTok gibt es seit vier Jahren. Das Unternehmen dahinter heißt ByteDance mit Sitz in Peking und ist eines der teuersten Start-ups der Welt. Kaum eine App hat innerhalb so kurzer Zeit einen solchen Zulauf bekommen. TikTok ist derzeit das größte Phänomen im Netz. Mit monatlich einer Milliarde Nutzern hat die App Konkurrenten wie WhatsApp  überholt.

TikTok bietet Kindern und Jugendlichen Musikversatzstücke, kommerzielle Hits, Filter und Schneidetricks, mit denen sie kurze Tanz- oder Spaßvideos von sich drehen können. Durch die Lippensynchronisation erinnern die Filmchen an Karaoke-Darbietungen. Die Nutzer stellen ihre selbst gemachten Videos natürlich dem Unternehmen zur Verfügung. Das wählt dann sorgfältig aus. Teams von „Moderatoren“ genannten Mitarbeitern entscheiden nach Vorgaben des Unternehmens und sortieren nach Ländern, welche Videoschnipsel in welche Schublade kommen, was gepusht wird, was nicht und was zu löschen ist. Den Rest erledigen Algorithmen.

Es ist äußerst schwer, einen genaueren Einblick in die Arbeitsweise des Unternehmens zu bekommen. Auch ein Organigramm gibt es auf Anfrage nicht. Während TikTok von Daten lebt, gibt es kaum Daten über sich selbst preis. Anzahl der Mitarbeiter? Der Nutzer? Umsatz und Gewinn? Wird auf Anfrage nicht beantwortet. TikTok ist in höchstem Maße intransparent, gläsern ist der Nutzer.

Gepusht wird, so scheint es jedenfalls, wenn man sich die TikTok-Stars genauer betrachtet, wer nicht zu jung oder zu alt ist, nicht zu hässlich, wer nicht aus einem Armenviertel kommt, keine schäbige Wohnung hat, wer keine politischen Botschaften übermittelt, wer nirgendwo aneckt. Die erfolgreichsten TikToker landen im „For you" - Feed, wo sie für jeden sofort zu sehen sind. Sie bekommen ein Millionenpublikum und werden dadurch zu Berühmtheiten in der TikTok-Hüpfburg und weit darüber hinaus.

Denn die glatten Köder taugen am besten, um neue Schwärme kleiner Fische anzulocken. Für Kunden und Produkt hat das Unternehmen neue Namen erfunden. Statt Nutzer heißen die zappelnden Fischlein bei TikTok „Creator“. Das Köder sind die „tiktoks“, sekundenkurze Videoschnipsel. Wer ihnen folgt ist kein „Follower“ mehr, sondern ein „Player“. Deren größter Wunsch ist, am Haken zu landen, ein Vorzappler, ein echter Creator zu werden, dem Tausende oder sogar Millionen folgen.

TikTok ist weit mehr als nur eine Video-Plattform, es ist eine Social Media Community, in der die tanzenden Kinder und Jugendlichen sich untereinander austauschen können, natürlich nach den Regeln der App. Wird ein Hit besonders oft zur Untermalung des eigenen Videos ausgewählt, geht er viral. So wie der Renegade Dance zur Musik des Rappers K. Camp.

Die Erfinderin des Renegade-Tanzes, Jalaiah Harmon - Vorbild für Charli D'Amelio

Video: Youtube

In atemberaubendem Tempo wischen die Kinder und Teenies über ihre Smartphones. Auf TikTok muss man sich nicht erst anmelden. Wer die App heruntergeladen hat - was kostenlos und kinderleicht ist - , kann gleich alles ansehen. Das ist äußerst verlockend. Die TikTok-Welt ist ein Kinderparadies, obwohl die Plattform offiziell erst ab 13 erlaubt ist - was nach deutschem Recht immer noch ein Kindesalter ist. Im App Store steht 12 +. TikTok scheint wie gemacht für Kinder, denn sie finden sich in dieser Welt wieder: sie hält einfachste Tänzchen bereit, lustige Streiche („pranks“), Tierfilmchen, Kunststücke, Schminktipps.

Alles erscheint ganz nett, harmlos und fröhlich. Die tanzenden Creators sind adrett, die Mädchen hübsch geschminkt mit strohhalmlangen bunten Fingernägeln, oft bauchfrei, die Jungs meist im Joggingoutfit. Die Kulisse ist in der Regel das eigene Zuhause, hübsch möbliert, die Wände weiß, die Küchen recht leer und sauber, ab und zu taucht auch mal eine zerknautschte Mutter im Hintergrund auf. Die TikToks scheinen aus einer Innenwelt zu kommen, als hätte es schon immer Corona gegeben. Es ist die Innenwelt des Mainstream, in der die TikToker zu Hause sind.

In dieser weltumspannenden digitalen Kinderhüpfburg gibt es trotz ihres infantiles Charakters ein Wort, das selten fällt: Kinder. Das Unternehmen selbst bemüht sich, so weit möglich von Jugendlichen zu sprechen. Eine deutsche Sprecherin schreibt, die Zielgruppe seien die 18 bis 30 Jahre alten Nutzer. Doch warum wirkt vieles auf TikTok so kindisch? Heidi Klum schaut auf ihrem TikTok-Account wie ein Clown über eine viel zu große Brille, Fußball-Stars wie Lewandowski hampeln unbeholfen durchs Bild, die selbst gemachten Sketche der Nutzer unter dem Hashtag der Werbekampagne eines Versandhauses bringen eher Erstklässler zum Lachen.

Kann es sein, dass hier alle nach Kindern fischen, es aber niemand zugeben mag? Das amerikanische TikTok- Sternchen Coco Quinn etwa trägt die Haare blondiert, lutscht lasziv an einem Eis und ist zurechtgemacht als wäre sie ein Teenager. Dabei ist sie elf. Das ist auch kein Geheimnis. Ist Coco ein Vorbild für Achtzehnjährige? Oder für Achtjährige?

Die elfjährige Coco Quinn, auch sie eine extrem erfolgreiche TikTok-Lolita

Video: Youtube

In Deutschland können sich Kinder auf TikTok auch beraten lassen. Zum Beispiel bei einem Mann, der sich dort „Herr Anwalt“ nennt. Dieser Herr, mit dicker Uhr, Krawatte und Büromöbeln im Hintergrund, macht immer „eine Minute Jura“ für seine Follower und beantwortet hier durchaus auch Kinderfragen. Über eine Million junger Zuschauer folgt ihm schon. Ab wann man TikTok nutzen dürfe, sei er gefragt worden. Herr Anwalt blickt schelmisch in seine Kamera und argwöhnt, dass viele der Frager wohl erst zwölf sein könnten.

Er gibt - gern auf Anfrage - auch Tipps. Zum Beispiel was zu tun sei, wenn die Player halbnackte Frauen sehen. Auf TikTok gibt es zahlreiche weibliche Teenies, die sich äußerst körperbetont zeigen. Schließlich wird hier ja viel getanzt. Was also zu tun sei, wenn man etwa auf Pornos stößt, erklärt Herr Anwalt. Er könne da gar nichts tun, sagt er, aber man solle das selbst dem Unternehmen melden. Problem gelöst.

Bei Herr Anwalt ist die Minute wieder rum, aber er ist immer zu erreichen. Nicht per Mail, auch nicht telefonisch, sondern über TikTok. Das scheint so gut zu funktionieren wie beim Rattenfänger von Hameln. TikTok nützt vor allem Leuten wie Herr Anwalt oder Coco Quinn. Was zählt, ist die eigene Reichweite. Der Fang im eigenen Netz. Jeder ist hier sein eigenes Start-up.

Es gibt noch einen auffälligen Schönheitsfehler, der viel über den Mechanismus von TikTok offenbart. Es ist eigentlich weniger ein Fehler als vielmehr der Preis der Gefälligkeit. Vieles, so scheint es, was nicht so schön und glatt ist, wird vom Marketing-Team oder von den Algorithmen weggedrückt. Beim Anschauen der Videos wirkt es, als habe ein dicker Teenager weniger Chancen als ein dünner, ein pickliger weniger als ein geschminkter, ein armer weniger als ein reicher und ein schwarzer weniger als ein weißer. Offiziell möchte das Unternehmen die Nutzer damit vor Mobbing schützen. Kritiker nennen das „Ghosting“: Jemanden wegdrücken, weil er oder sie sich nicht so gut verkaufen könnte.

Das beste Beispiel ist der Renegade-Tanz. Durch ihn wurde eine fünfzehn Jahre alte weiße Teenagerin auf TikTok ganz nach vorne gespült: Charli D’Amelio. Sie gilt als TikTok-Queen mit mittlerweile fast 50 Millionen Followern. Wie viele andere hatte sie den Tanz bei einem ein Jahr jüngeren Mädchen aus Atlanta gesehen, bei Jalaiah, die wesentlich besser tanzen kann, aber schwarz ist. Ihr Zimmer ist auch nicht so schön wie das von Charli. Und ihre Choreografie viel zu kompliziert. Natürlich ist es fast unmöglich, das Urheberrecht von gecoverten Kurztänzen zu schützen.

In diesem Fall allerdings hatte im Februar sogar die „New York Times“ darüber berichtet. Ganz PR-Profi lud Charli D'Amelio das Mädchen daraufhin zum gemeinsamen TikToken ein. Ganz offensichtlich geht es auf TikTok nicht darum, wer am besten tanzen kann, um Originalität oder Kunst geht es schon gleich gar nicht. Es geht darum, den perfekten Mainstream zu finden. Das Mittelmaß, das niemanden überfordert, aber noch die meisten anzieht.

Charli D’Amelio ist die Perfektion dieses Anspruchs. Sie tanzt gut, aber so, dass es alle nachmachen können. Sie ist nicht zu freizügig bekleidet, hat ein perfektes Dauergrinsen, eine hübsche Schwester, vorzeigbare weiße Eltern, ein schönes Zuhause. Das lässt sich auf TikTok optimal verwerten. Es sind also längst nicht nur die Follower, die entscheiden, wer nach vorne kommt. Es ist vor allem das Unternehmen.

Die harmlose Fassade trügt. Wer einen TikTok-Account hat, kann auch Kommentare empfangen. Dem Cybergrooming öffnet das Tür und Tor, also der Belästigung von Kindern durch verbale Übergriffe Erwachsener. Vor zwei Jahren dokumentierte das Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet Übergriffe auf TikTok.

Erwachsene hatten über Kommentare versucht, Minderjährige zu sexuellen Handlungen anzuleiten. Deshalb möchte das Unternehmen die Kommentar-Funktion seit April erst ab sechzehn zulassen. Auch Mobbing ist verbreitet. In der Bravo kann man nachlesen, wie sehr Charli D’Amelio gerade darunter leidet. Die Lehre, die Kinder daraus ziehen könnten: Kann ja nicht so schlimm sein, wenn man dafür reich und berühmt ist.

Am Unschönsten für das Unternehmen sind aber offenbar politische Einlassungen. Hier unterscheidet sich die App auffällig von anderen sozialen Netzwerken. Denn Politisches findet hier kaum statt. Was überrascht, wenn die Zielgruppe doch 18 bis 30 Jahre alt ist. Das Unternehmen möchte das so nicht gelten lassen und verweist unter anderem darauf, dass doch die „Tagesschau“ mittlerweile auch auf TikTok ist. Wer dem Tagesschausprecher Jan Hofer dort zuhört, fühlt sich allerdings fast wie in der „Sesamstraße“.

Gibt man „Joshua Wong“ ein, den Namen eines der prominentesten studentischen Anführer der Protestbewegung in Hongkong, wo TikTok auch genutzt wird, findet man zwar ein paar Menschen gleichen oder ähnlichen Namens, allerdings mit winzigen Follower-Zahlen und null Videos. Interessiert sich auf TikTok niemand für Joshua Wong? Auch Hashtags wie Falun Gong oder Tiananmen haben auf TikTok kaum Follower. Von Facebook-Chef Mark Zuckerberg bis Reporter ohne Grenzen haben viele ihre Zweifel, ob hier nicht Zensur stattfindet. Offiziell sagt das Unternehmen, dass weder zensiert noch Daten nach China weitergegeben werden.

Das legendäre Eyelash-Video von Feroza Aziz. 

Video: Youtube

Es gibt aber eine Teenagerin, die TikTok ein Schnippchen geschlagen hat. Dazu musste sie sich benehmen wie eine Verschwörerin. Es ist die US-Amerikanerin Feroza Aziz. In einem Kurzvideo, das aussieht, als würde sie Schminktipps geben, fordert sie ihre Follower dazu auf, sich über die Unterdrückung der Uiguren durch den chinesischen Staat zu informieren. Das sagt sie, während sie ihre Wimpern zurechtbiegt. Kurz darauf wurde ihr Account abgeschaltet. Offiziell machte das Unternehmen andere Gründe geltend. Doch die Presse hatte ausführlich berichtet.

Nun ist der Clip wieder zu sehen. Aber nicht in China. Denn im Reich der Mitte gibt es kein TikTok. Auch in Hongkong nicht. Hier stellt ByteDance eine ähnliche App namens Douyin zur Verfügung. Dürfen chinesische Kinder darauf auch Herrn Anwalt befragen und frühreife Lolitas wie Coco Quinn bewundern? Warum gibt es TikTok auf der ganzen Welt, aber nicht in China? Was ist der Unterschied zwischen Douyin und TikTok? TikTok Deutschland sagt, da solle man doch bei ByteDance nachfragen.

Zhang Yiming, der milliardenschwere Gründer von TikTok
Foto: IC Fotos

Einer dürfte die Unterschiede kennen. Der Chinese Zhang Yiming, Gründer von ByteDance und Entwickler von TikTok, mit einem geschätzten Vermögen von 16 Milliarden US-Dollar. Der Enddreißiger studierte an einer chinesischen Elite-Universität. Danach arbeitete er unter anderem für Microsoft. Ein Halbsatz auf seinem Wikipedia-Eintrag lässt aufhorchen. Bei Microsoft habe er sich durch die Unternehmensregeln des Unternehmens behindert gefühlt.

Der Mann schuf sein eigenes Imperium in der Volksrepublik China. Hier schien ihn niemand zu behindern. Yiming hat ein gigantisches Marionettentheater aufgebaut. Die Vorstellung läuft schon und die Ränge werden immer voller. Wer an den Fäden zieht, den sieht man nicht. Ein Gespenst geht um auf der Welt. Aber es sieht nicht aus wie Kommunismus. Es sieht aus wie unsere Kinder. Sie tanzen.