Salwa Houmsi moderierte über mehrere Stunden die Veranstaltung Tinconline
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BerlinDer Anblick war schon ungewohnt am Anfang. Geschäftsführer Andreas Gebhard und Direktorin Jeannine Koch standen hinter Stehpulten und sprachen auch getragener als gewohnt. Bundespressekonferenz? Rede ans Volk? Nein, nur ein erster Versuch, das Beste aus der Notlage zu machen. Zweimal ist die re:publica in diesem Jahr schon abgesagt worden (nach dem Termin im Mai musste auch das Projekt für August gecancelt werden), weil Großveranstaltungen in den kommenden Monaten nicht erlaubt sind.

Die Macher haben sich entschieden, am 7. Mai eine Online-Veranstaltung zu organisieren. Mehr als elf Stunden Programm soll es auf drei Kanälen geben. „Wir wollen zeigen, was geht“, sagte Andreas Gebhard bei der digitalen Pressekonferenz. Was jedenfalls nicht gehen wird, sind die gewohnten Podiumsdiskussionen mit mehreren Personen. Im Netz sollen höchstens zwei Personen miteinander ins Gespräch kommen, die Zuschauer können Fragen stellen. Oder sich später mit einem der Redner in einem Konferenzbereich zur weiteren Diskussion treffen.  

Wenn also die Netzgemeinde die Macht der bewegten Bilder entdeckt, dann richtig: Es soll nämlich nachher in Gruppenräumen die Möglichkeit geben, die Gespräche zu vertielen. Das Programm wird interaktiv - und nicht linear wie die Gebührenzahler das von ARD und ZDF gewohnt sind. Dazu passt auch der Ansatz, Abstimmungen und Umfragen anzubieten und einen virtuellen Treffpunkt zu errichten. Denn jeder Besucher der re:pulica weiß: Die meisten Talks sind hilfreich für die Allgemeinbildung, aber das intensive Netzwerken findet bei Snacks oder Kaltgetränken im Innenhof der Station statt. Und da das diesmal nicht geht, gibt es eben einen virtuellen Bereich. 

Gebhard wurde bei der Pressekonferenz auch gefragt, wie die Veranstaltung finanziert werden kann. Sponsoren machten mit, antwortete er. Und sagte, dass das Team eigentlich noch mehr zu tun habe als in den Jahren zuvor. In den 53 Programm-Sessions mit insgesamt 89 Sprechern wird es unter anderem um Klimawandel, Verschwörungstheorien, Gewalt im Netz, um Utopien, die Proteste in Hongkong und digitale Bildung gehen. „Wir werden aber auch die Themen, die vermeintlich durch die aktuelle Nachrichtenlage in den Hintergrund getreten sein mögen nicht vergessen: Klimagerechtigkeit und der Rechtsruck und die schrecklichen Vorkommnisse in Halle oder Hanau sind hier nur zwei Beispiele“, sagte Programmleiterin Alexandra Wolf.

Wie so eine Konferenz dann aussehen kann in Zukunft, das wurde ansatzweise am Freitagnachmittag bei der „Tinconline“ deutlich. Tanja und Johnny Haeusler gehörten zu den Mitbegründern der re:publica und stellten dann vor drei Jahren fest, dass so ein Format für Jugendliche fehlt. Und so ging es in Berlin los mit der Tincon, später folgten Konferenzen in Hamburg, in diesem Jahr sollte es auch nach Köln gehen. Stattdessen die Premiere im Netz unter dem Titel „Tinconline“ am Freitag mit insgesamt sechseinhalb Stunden Programm. Am Ende sagte Johnny Haeusler der Berliner Zeitung: „Wir werden das sicher wiederholen – auch wenn wir es kaum erwarten können, unsere Gäste wieder umarmen zu können.“

Quelle: Youtube

Was besonders auffiel: Interaktives Fernsehen ist möglich, wenn die Community weiß, wie das geht. Die Kommentarspalte bei YouTube wurde ständig genutzt, die Interviewer und die Moderatorin Salwa Houmsi gingen auf die Hinweise ein. Manche Diskussion wurde in der Kommentarspalte auch fortgeführt, dort wurden Links und Meinungen geteilt, das Tincon-Team übernahm die Moderation. Und wenn es langweilig wurde, dann war auch das zu bemerken. Dann verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf andere Themen - Spiele beispielsweise.

Die Bild- und Tonqualität während der gesamten Veranstaltung war mit wenigen Ausnahmen erstaunlich gut, zwischendurch gab es kleine Störungen, die aber souverän wegmoderiert wurden. „Anfangs wussten wir gar nicht, an welcher Stelle zuerst nachgebessert werden musste, aber nach kurzer Zeit und mit viel Einsatz aller Beteiligten lief alles rund und hat enormen Spaß gemacht“, sagte Johnny Haeusler.

Die Sängerin Mia Morgan sprach mit der Radiomoderatorin Franziska Niesar darüber, wie es ist, auch in schwierigen und instabilen Zeiten nicht den Mut zu verlieren. Morgan  leidet unter Depressionen und spricht darüber. Zwischendurch wurden dann auch Adressen von Hilfsprojekten in der YouTube-Kommentarspalte angezeigt und Kommentare eingeblendet. „Hey, ich finde deinen Weg total klasse und schön, dass du so offen zum Beispiel über Borderline sprichst. Das wird noch recht selten öffentlich thematisiert. Alles Gute weiterhin“, lautete eine Botschaft.  

Vorher hatten Joseph DeChangeman und Rezo, der mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ Aufmerksamkeit auch bei der Eltern-Generation geweckt hatte, über ihre Zeit bei YouTube gesprochen. Die Konferenz-Teilnehmer stellten Fragen, die die Moderatorin weitergab. So kam dann auch heraus, dass Rezo einen fünfstelligen Betrag für seine Arbeit pro Monat ausgibt.  

Quelle: Youtube

Ein verbindendes Element der Veranstaltung war die Winkekatze, die immer wieder in Beiträgen und auf dem Bildschirm der Moderatorin zu sehen war und liebevoll den Arm bewegte. Was auch zeigte, dass die Macher an Details gedacht hatten. Und so entstand eine Atmosphäre, die an innovative Fernsehformate und klassische YouTube-Produktionen erinnerte. Was auch klar wurde: Abstand zur Kamera hilft. Bei klassischen Zoom-Konferenzen sitzen die Menschen meistens direkt vor der Laptop-Kamera, viele Gäste der Tincoline hielten mehr Abstand. Und wer vor der Kamera steht, wirkt souveräner als sitzende Personen.

DeChangeman und Rezo sprachen über ihr Leben mit YouTube. Und auch über die Kosten, die ihr Beruf als YouTuber verursacht.
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