In Westafrika wütet das Ebola-Virus so lange und heftig wie nie zuvor. Nach den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation erkrankten rund 1200 Menschen, davon starben mindestens 672. Nicht alle Opfer bleiben namenlos. Sheik Umar Khan, ein an Ebola erkrankter Arzt aus Westafrika, der zur Behandlung nach Hamburg verlegt werden sollte, starb am Dienstag in einer Klinik im Norden von Sierra Leone.

Er hatte sich im Kampf gegen das Virus infiziert. Bereits mehrere Ärzte und Krankenschwestern steckten sich während der Arbeit an. Am Wochenende erlag ein Mediziner des John F. Kennedy Medical Center in Monrovia der Krankheit. Auch zwei Amerikaner, die für eine Hilfsorganisation arbeiten, sind erkrankt. Es sei höchste Zeit, nun wenigstens für das medizinische Personal Impfstoffe einzusetzen, fordert Hans-Dieter Klenk, emeritierter Direktor des Instituts für Virologie der Universität Marburg.

Herr Professor Klenk, wie kommt es, dass sich Ärzte und Krankenschwestern mit Ebola-Viren infizieren?

Um eine Ansteckung zu vermeiden, tragen Ärzte und Krankenschwestern Schutzanzüge, die den ganzen Körper abdecken. Solch einen Anzug einen langen Arbeitstag lang zu tragen, ist aber unangenehm. Es ist heiß, der Anzug nicht belüftet. Mitarbeiter unseres Instituts, die in Guinea an der Ebola-Diagnostik mitarbeiten, haben in diesen Schutzanzügen Temperaturen von 46 Grad Celsius gemessen. Da wischt man sich vielleicht doch mal in einer Pause über die Stirn – und schon kann es passiert sein.

Wie ansteckend sind die Viren?

Sie werden über alle Körpersekrete übertragen: Blut, Speichel, Schweiß, Sperma. Allerdings muss es, anders als etwa bei Grippeviren, zu einem direkten Körperkontakt mit einem Infizierten kommen.

Wie tödlich ist das Ebolafieber?

Die Todesrate liegt, je nach Behandlungsbedingungen, bei 60 bis 70 Prozent.

Nie zuvor hat sich Ebola so stark von Mensch zu Mensch verbreitet wie seit dem Frühjahr im Westen Afrikas. Ist das Virus gefährlicher geworden?

Das derzeit kursierende Virus ist ein alter Bekannter. Es ist der sogenannte Ebola-Zaire-Stamm, der 1976 erstmals diagnostiziert wurde. Er ist nicht gefährlicher geworden für den Menschen. Die starke Ausbreitung liegt an einem Mix aus moderner Lebensweise und Tradition: Einerseits ist die Bevölkerung viel mobiler als früher, es wird deutlich mehr gereist in und zwischen den Ländern.

So breiten sich auch Krankheitserreger schneller aus. Andererseits halten die Menschen an ihren Bräuchen fest, etwa beim Umgang mit den Toten. Sie werden gewaschen und intensiv berührt. Da ist eine Ansteckung programmiert.

Hat die Medizin nichts zu bieten zur Vorbeugung einer Ebola-Infektion?

Es heißt immer, es gebe keine Impfstoffe. Das stimmt so nicht. Es gibt sogar mehrere, die in Versuchen mit Tieren eine sehr gute Wirkung gezeigt haben. In Kanada etwa wurde ein Vakzin mit abgeschwächten Ebolaviren entwickelt. Außerdem gibt es künstliche Antikörper, die das Virus bekämpfen. All diese Mittel sind nur noch nicht klinisch getestet und auch nicht zugelassen. Aus meiner Sicht ist in der jetzigen Situation die Zeit reif, die Mittel einzusetzen. Zumindest Risikopersonen wie medizinisches Personal sollten eine Schutzimpfung erhalten. Die ganze Bevölkerung in der Region zu impfen, ist sicher so schnell nicht machbar und auch ethisch kaum vertretbar.

Woran hapert der Einsatz?

Die Meinungen sind sehr geteilt darüber, ob man das Experiment wagen sollte. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention sind bisher strikt dagegen. Ich finde, es ist an der Zeit, diesen Standpunkt zu überdenken.

Sind Ebola-Impfstoffe wirklich noch nie einem Menschen verabreicht worden?

Vor ein paar Jahren hat eine Wissenschaftlerin des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg nach einem Laborunfall, bei dem Ansteckungsgefahr bestand, den kanadischen Impfstoff erhalten. Sie hat ihn gut vertragen. Ein anderer Ebola-Impfstoff befindet sich gerade in einer frühen Phase der klinischen Prüfung. Die Erfahrungen damit sind also begrenzt, das ist nicht zu leugnen.

Bisher war vor allem Zentralafrika von Ebola betroffen. Wie kam es zur Ausbreitung nach Westafrika?

Das wissen wir auch nicht genau. Fest steht, dass Flughunde – eine Fledermausart, die als das natürliche Reservoir der Ebolaviren gilt – über weite Strecken wandern können. Also wohl auch nach Liberia, Guinea und Sierra Leone, die jetzt betroffenen Länder. Das Virus kann aber auch von Menschen in die Länder eingeschleppt worden sein.

Wie kommen die Erreger vom Flughund zum Menschen?

Der Verzehr von Bushmeat ist ein wesentlicher Übertragungsweg. Die Flughunde werden zum Teil direkt gejagt und verspeist. Oder sie infizieren andere Wildtiere, darunter auch Affen, die wiederum von Menschen erlegt und gegessen werden. Beim Umgang mit dem Fleisch besteht Infektionsgefahr.

Wie lange wird es noch die schlimmen Meldungen aus Westafrika geben?

Die Institutskollegen in Guinea berichten, dass dort die Zahl der Infektionen abebbt. In Liberia und Sierra Leone scheint die Epidemie aber noch gar nicht unter Kontrolle zu sein.

Das Gespräch führte Anne Brüning.