Wo geht es nur nach oben? Klassische Unternehmer wählen in der Regel den traditionellen Weg. 
Foto: Imago

BerlinDeutsche Unternehmen haben noch immer große Hemmungen, wenn es darum geht, auf  Start-ups zuzugehen. Das hat eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom ergeben. Demnach haben zwei Drittel der befragten Firmen angegeben, mit jungen Start-ups überhaupt nicht zusammenzuarbeiten. Im vergangenen Jahr war der Wert unwesentlich höher.

Bitkom-Präsident Achim Berg hält die Strategie der Unternehmen für falsch. „Start-ups verfügen meist über Kenntnisse rund um die neuesten digitalen Technologien und bieten innovative Lösungsansätze für unternehmerische Herausforderungen“, sagte Berg. „Von einer stärkeren Zusammenarbeit würden kleine und mittelständische Unternehmen ebenso profitieren wie umgekehrt auch die Start-ups.“

Eine ähnliche Position vertritt  Sven Ripsas, Professor für Entrepreneurship an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. „Schnelles Lernen, neue Geschäftsmodelle, neue Technologien, dafür sind Start-ups bekannt. Unternehmen machen einen Fehler, wenn sie die experimentierende Herangehensweise der jungen Unternehmen nicht auch bei sich selbst etablieren“, sagte Ripsas der Berliner Zeitung. Der Wissenschaftler spricht von großen Missverständnissen. Start-ups werden seiner Meinung nach zu oft nur mit Gründern in Verbindung gebracht. Aber längst hätten auch große Unternehmen gezeigt, wie sie von der Start-up-Idee profitieren können.

An diese Kooperationen erinnert auch Claudia Engfeld, Pressesprecherin bei der Berliner Industrie- und Handelskammer. Sie nennt große Unternehmen wie Siemens, SAP oder die Deutsche Bahn. „Wir sehen aber auch, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen, insbesondere die, die selbst nicht digital aufgestellt sind, häufiger keine oder nur wenig Berührung mit Start-ups haben.“

Dabei sind sich Start-ups und Mittelständler näher als sie glauben: Beide Unternehmenstypen sind oft inhabergeführt und fußen somit auf dem gleichen unternehmerischen Ansatz.

Paul Wolter, Pressesprecher Start-up-Bundesverband

Was diese Unternehmen verpassen? „Start-ups bekommen Zugang zu Kunden/Märkten und  können von der Infrastruktur des etablierten Partners profitieren, während Etablierte von der Schnelligkeit und den Innovationen der Start-ups profitieren können“, sagt sie. Aber in der Vergangenheit gab es auch immer wieder Enttäuschungen, wenn die klassischen Unternehmen vielleicht zu viel erwartet hatten und auf schnelle Rendite hofften. Um dann zu merken, dass ihre traditionelle Infrastruktur eine schnelle Umsetzung nicht zuließ.

Aus Sicht von Paul Wolter, Pressesprecher des Start-up-Bundesverbandes liegt in der Kooperation zwischen Start-ups und Mittelstand ein riesiges Potential für unsere Volkswirtschaft. Nur:  Beide Welten betrachten sich noch viel zu oft aus der Entfernung. „Dabei sind sich Start-ups und Mittelständler näher als sie glauben: Beide Unternehmenstypen sind oft inhabergeführt und fußen somit auf dem gleichen unternehmerischen Ansatz. Leider wird eine Kooperation noch zu oft durch Vorurteile verhindert. Wir arbeiten daran, dass sich das ändert. “

Die Bundesregierung und die Europäische Union haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass auch sie auf die Agilität der digitalen Szenen setzen. So organisierte das Kanzleramt einen Hackathon unter dem Namen #WirvsVirus, um Lösungen zu finden, die der Gesellschaft in der Corona-Krise helfen sollten. Die Resonanz war so groß, das die Europäische Union nachzog und selbst ein Treffen der Programmierer, Entwickler und Kreativen organisierte. Zum Teil wurden die deutschen Idee zu europaweiten Projekten.

Die Bundesregierung macht sich auch für die finanzielle Unterstützung der Start-ups in der Corona-Zeit stark. So haben Finanz- und Wirtschaftsministerium einen Rettungsschirm beschlossen, es geht um einen Betrag in Höhe von zwei Milliarden Euro. In der Hauptstadt wird allerdings in letzter Zeit auch häufiger darüber diskutiert, ob der Start-up-Boom vielleicht doch seinen Höhepunkt erreicht haben könnte.

Die New York Times hatte vor einiger Zeit geschrieben, dass es im Silicon Valley schwieriger geworden sei, neue Geschäftsfelder zu finden und sich dort gewinnbringend auszubreiten. Deshalb seien auch Geldgeber vorsichtiger geworden. In Berlin wird häufiger geklagt, dass der Kostenvorteil gegenüber anderen Standorten sich abgeschwächt habe und der Wachstumsschub sich verlangsame.

Ripsas spricht davon, dass solche Entwicklungen immer wieder vorkämen, sie gehörten zur Start-up-Dynamik. Vielen Start-ups fehlten mittelfristig durchdachte Geschäftsmodelle. Ripsas glaubt aber nicht, dass die grundsätzliche Idee der Start-ups wieder verschwinden wird. „Das geht nie zu Ende. Die Kultur des innovativen Gründens mit Geldgebern hat einen großen Sprung gemacht“, konstatiert der Berliner Wissenschaftler.