Dorothee Bär in der Welt von "Herr der Ringe", neben ihr Branchenverbandschef Felix Falk (links) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (rechts).

BerlinVielleicht ist das Internet noch nicht soweit. Vielleicht muss ein Video auch gründlich ruckeln, damit das Publikum weiß: Hier passiert etwas live.  Verbindungsprobleme und Ton-Aussetzer prägten auf jeden Fall die  Verleihung des Deutschen Computerspielpreises. Mal konnten Gewinner nur per Telefon zugeschaltet werden, mal brach mitten in der Laudatio die Verbindung zusammen.

Um schwierige Entscheidungen in der Nazi-Zeit geht es in dem Spiel „Through the Darkest of Times”, das in Berlin entwickelt wurde.
Foto: Paintbucket Games

Überraschungen gab es wenige – aber starke Spiele, die verdient Preise gewannen. Der Favorit auf den Hauptpreis gewann ihn auch. „Anno 1800“ ist ein Aufbauspiel, in dem Spieler von oben auf ihre langsam wachsenden Städte und Kolonien schauen. Die Perspektive hat etwas Beschauliches; sogar die ausbrechenden Arbeitskämpfe, die qualmenden Fabrikschlote haben in der Draufsicht etwas Tröstliches. Das Genre ist in Deutschland sehr beliebt, und die Anno-Serie gilt auch international als eine der besten. Über eine Million Mal hat sich das Spiel schon verkauft. Nötig hatte das Spiel den DCP also nicht mehr, aber Deutschlands Ubisoft-Studioleiter Benedikt Grindel erkannte in dem Preis immerhin ein „Sahnehäubchen“.

Für andere hat der DCP eine größere Bedeutung. Viele Trophäen gehen an deutsche Klein- und Kleinststudios. Für sie ist der Erfolg unsicher, die wirtschaftliche Zukunft ungewiss. Und nicht nur die Anerkennung, auch die vergleichsweise kleinen Preisgelder aus dem 590.000-Euro-Topf spielen eine große Rolle. Jan Bubenik hat etwa mit einer Handvoll Kollegen das idyllische Mountainbike-Spiel „Lonely Mountains: Downhill“ entwickelt und rang offenbar mit den Tränen, als er in der mit 30.000 Euro dotierten Kategorie „Beste Innovation und Technologie“ gewann.

Der Blick in die Gesichter der Entwickler ist neu. Sie saßen in Wohnzimmern, stierten in Webcams und reagierten in Nahaufnahme auf die Erkenntnis, gewonnen zu haben. Und freuten sich dann mehr oder weniger deutlich. Das sah gelegentlich etwas unbeholfen aus, aber auch charmant. John Kees, Master-Student an der HTW Berlin schaukelte kurz unkontrolliert auf dem Stuhl hin und her. Sein Team hat den Entwurf zu dem Spiel „Couch Monsters“ entwickelt; zwei Spieler steuern zwei Monster, die zwei weit entfernte Sitzplätze erreichen wollen. Dieses Jahr soll das Projekt fertig werden. Die 35.000 Euro Preisgeld dürften dabei helfen.

Einen Schritt weiter ist der Stuttgarter Spieleentwickler Anselm Pyta, dessen brillantes, experimentelles Wartespiel „The Longing“ als „Bestes Debüt“ ausgezeichnet wurde. „Boarh. Oh mein Gott. Oh nein“, entfuhr es ihm. In „The Longing“ steuern Spieler ein schwarzes Männlein, das in Echtzeit 400 Tage lang einen schlafenden König bewacht. Viele Jahre hat das Spiel seinen Entwickler verfolgt. Der wieder gefasste Pyta drückte die Hoffnung aus, „in Zukunft auch fröhlichere Spiele“ zu machen.

Auffällig viele Auszeichnungen gingen an diesem Abend an Berliner Entwickler. Besonders geehrt fühlen dürfen sich die Routiniers von Yager. Die Auszeichnung als „Bestes Studio“ hat vielleicht mehr mit der Zähigkeit des großen Studios zu tun als mit ihrer neuesten Veröffentlichung, dem launigen Shooter „The Cycle“. Das Studio am Spreeufer hat seit seiner Gründung vor mehr als 20 Jahren eine bewegte Geschichte hinter sich.

Ein Skandal wäre es gewesen, hätte das Berliner Studio Paintbucket Games keine Trophäe erhalten. Das Spiel „Through the Darkest of Times” gewann verdient als „Bestes Serious Game“. In dem erzählerischen Strategiespiel versucht eine Widerstandsgruppe, das Dritte Reich in Berlin zu bekämpfen und zu überleben. Der Titel ist gründlich recherchiert, hervorragend illustriert und in seiner Deutlichkeit beklemmend. Es belegt, dass Spiele als politische Kunst funktionieren, es war auch für den Hauptpreis nominiert. Mitentwickler Jörg Friedrich fand nach dem Jubel auch noch Zeit, Menschlichkeit anzumahnen. Einen Teil des Preisgeldes werden Paintbucket Games an Seawatch spenden.

Da hielten auch die Moderatoren Barbara Schöneberger und der unter Spiele- und Animefans bekannte Nino Kerl respektvoll inne. Abseits der wenigen ernsten Momente hatte der Abend mitunter etwas familiäres. Viele in der Branche kennen sich, sind befreundet, oder haben irgendwo einmal zusammengearbeitet. Die Laudatoren prosteten sich mit Aperol zu, sie machten die erwartbaren Witze über Jogginghosen zum Jackett und sie fühlten sich sichtbar wohl, wo sie oft genug ihren Lebensmittelpunkt haben: vor dem Computerbildschirm.

Ohne die technischen Aussetzer während der Veranstaltung, ohne den Hintergrund der Corona-Krise hätte die Studio-Show eine neue Strategie der Veranstalter sein können. Gala-Veranstaltungen sind im Allgemeinen anstrengend. Auch der DCP war in der Vergangenheit oft eine zähe Angelegenheit, eine Bühne für fachfremde Selbstdarsteller aus Politik und Showgeschäft. Im kleinen Studio funktionierte das Personenkarussell mit Preisträgern in 15 Kategorien deutlich besser. Gewinner und vor allem die Laudatoren fassten sich gnädig kurz. Und so  gelang es besser als in der Vergangenheit, die Hauptpersonen des Abends in den Mittelpunkt zu stellen: die Entwicklerinnen und Entwickler.

In einem Studio saßen die Moderatoren Barbara Schöneberger und Nino Kerl.

Nur ganz am Rande hinterließen CSU-Politiker Spuren, die sonst die Gala prägen. Dorothee Bär, Digitalisierungsbeauftragte der Bundesregierung, stand virtuell in einer Videospielkulisse, umrahmt von Branchenverbandschef Felix Falk und  Andreas Scheuer, Minister für digitale Infrastruktur. Wie aus einer anderen Welt herbeigebeamt grüßten sie, dann verschwanden sie schnell wieder. So kann es weitergehen. Die Gamescom, eigentlich die nächste Großveranstaltung der Spielebranche im August, findet ebenfalls virtuell statt, ohne Schweiß und Menschenmassen. Darauf ein Aperölchen.