Mal hat die Kamera den aufmerksamen Blick eines Wolfes eingefangen, mal das üppige Hinterteil eines Bären oder die massige Gestalt eines Wisents. Es gibt Bilder von Elch-Müttern, deren Nachwuchs auf langen, dünnen Beinen durch den Birkenwald stakst und von Luchsen, deren geflecktes Fell mit der Landschaft zu verschmelzen scheint. Die stark bedrohten Przewalski-Pferde sind sogar gleich in Herdenstärke an der Linse vorbei getrabt. Von all den Rehen und Hirschen, Wildschweinen und Füchsen gar nicht zu reden. Die großen Säugetiere Europas scheinen geradezu Schlange gestanden zu haben, um sich von Mike Wood und Nick Beresford ablichten zu lassen. Mehr als 155.000 Aufnahmen der verschiedensten Arten haben die beiden Forscher von der University of Salford in Großbritannien im Laufe des vergangenen Jahres zusammengetragen.

Das Überraschende daran ist der Schauplatz des wissenschaftlichen Fotoshootings. Denn das Team hat seine von Bewegungsmeldern ausgelösten Kameras nicht etwa in einem der bekannten europäischen Naturparadiese aufgestellt. Sondern im Umfeld des explodierten Reaktors von Tschernobyl. Ist die Katastrophen-Region 30 Jahre nach dem Unfall also zu einem Refugium für die Natur geworden? Trotzt die Tierwelt der Strahlenbelastung besser als gedacht? „Darüber gibt es unter Wissenschaftlern kontroverse Diskussionen“, sagt der Naturschutzbiologe Tobias Kümmerle von der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin. Eine Fraktion von Forschern betont, dass die Radioaktivität für viele Arten durchaus massive Gesundheits- und Fortpflanzungsprobleme mit sich bringe. Die andere sieht dagegen vor allem neue Chancen für die Tierwelt durch den Rückzug des Menschen aus der belasteten Region.

Strahlung ist zurückgegangen

Unstrittig ist, dass die extrem hohe Strahlung direkt nach dem Unfall verheerende Folgen für Pflanzen und Tiere hatte. So sind auf einer Fläche von 600 Hektar in kurzer Zeit fast alle Kiefern abgestorben. Auf weiteren 3600 Hektar, die nicht ganz so hohe Dosen abbekommen hatten, bildeten diese Nadelbäume fünf bis sieben Jahre lang keine Samen. In einer Entfernung von fünf bis sieben Kilometern um den Reaktor gingen die Bestände von Insekten und anderen Wirbellosen im Waldboden kurzfristig um das 30-Fache zurück. Und auch unter den Säugetieren dürfte die akute Strahlenbelastung Opfer gefordert haben. Das lässt sich zum Beispiel daraus schließen, dass im Herbst 1986 im Umfeld des Reaktors nur sehr wenige Nagetiere unterwegs waren.

Seither ist die radioaktive Belastung der Region deutlich zurückgegangen. Da Cäsium-137 und Strontium-90 eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren haben, finden sich derzeit zum Beispiel nur noch halb so viele dieser gefährlichen Isotope in der Landschaft wie kurz nach dem Unfall. Direkt tödlich sind die Strahlungs-Dosen für die meisten Organismen daher nicht mehr. Doch es gibt natürlich noch eine chronische Belastung, deren Folgen sehr schwer einzuschätzen sind. Zumal Wind und Niederschläge die Strahlung nach dem Unfall sehr ungleichmäßig verteilt haben. So ist eine Art radioaktiver Flickenteppich entstanden, in dem stark und weniger stark betroffene Flächen oft nahe beieinander liegen.

Anders Møller vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Paris und Timothy Mousseau von der University of South Carolina in Columbia gehören zu den Forschern, die schon bei relativ geringer Belastung massive Schäden für die Tierwelt befürchten. Sie berichten zum Beispiel von hohen Mutationsraten und Fortpflanzungsproblemen bei Rauchschwalben. So gebe es rings um den Reaktor ungewöhnlich viele Tiere mit weißen Flecken, deformierten Federn und merkwürdigen Mustern im Gefieder. Auch Tumore und missgestaltete Zehen, Schnäbel oder Augen seien häufiger als anderenorts. Bei Männchen aus den mäßig belasteten Regionen um den Reaktor finde man zudem mitunter mehr als 40 Prozent deformierte Spermien, während bei Artgenossen aus relativ unbelasteten Regionen Spaniens und der Ukraine eher fünf Prozent typisch seien.

Auch in Bezug auf die Lebenserwartung haben Anders Møller und seine Kollegen für die Rauchschwalben im Umfeld des Reaktors keine gute Prognose: Die Chance, bis zum nächsten Frühjahr zu überleben und wohlbehalten ins Brutgebiet zurückzukehren, liegt für diese Vögel demnach nur bei 28 Prozent. Bei Artgenossen aus anderen Regionen der Ukraine sind es dagegen 40 Prozent und bei denen aus Spanien sogar 45 Prozent. Die Forscher sind davon überzeugt, dass auch viele andere Arten mit solchen strahlungsbedingten Problemen zu kämpfen haben.

In den Jahren 2006 bis 2009 haben sie zum Beispiel die Brutvögel in verschiedenen Waldgebieten im Umfeld des Reaktors und in anderen Regionen Weißrusslands und der Ukraine erfasst. Dabei stießen sie in den belasteten Regionen auf weniger als die Hälfte der Arten, die sie erwartet hatten. Die Gesamtzahl der Vögel erreichte nicht einmal ein Drittel der üblichen Werte. Auch bei Insekten wie Bienen, Heuschrecken, Schmetterlingen und Libellen vermelden die Wissenschaftler in Gebieten mit höherer Strahlungsbelastung reduzierte Bestände. Im Februar 2009 fanden sie in Gebieten mit höherer Strahlung deutlich weniger Säugetier-Spuren im Schnee als in weniger belasteten Regionen.

Mehr Tiere als vor dem Unfall

Allerdings sind etliche dieser Ergebnisse umstritten, mehrfach gab es Kritik an den angewandten Methoden und an mangelnder Transparenz der Daten. Und tatsächlich deuten andere Studien darauf hin, dass die Tierwelt rings um den Reaktor erstaunlich gut mit der Belastung zurechtzukommen scheint. So hat ein Forscherteam um Jim Smith von der University of Portsmouth in Großbritannien im vergangenen Jahr eine erste Langzeituntersuchung über die Bestände von großen Säugetieren im weißrussischen Teil des Sperrgebietes veröffentlicht. Darin sind zum einen Daten aus direkten Zählungen eingeflossen, die Experten in den Wintermonaten der Jahre 1987 bis 1996 vom Hubschrauber aus durchgeführt hatten. Zum anderen waren Forscher zwischen 2008 und 2010 auch zu Fuß im Gelände unterwegs, um nach Spuren im Schnee zu suchen.

Die Ergebnisse dieser Bestandsaufnahmen sind verblüffend: „Heute gibt es in der Region von Tschernobyl wahrscheinlich viel mehr Wildtiere als vor dem Unfall“, meint Jim Smith. So streifen durch den weißrussischen Teil des Sperrgebietes mittlerweile ähnlich viele Elche, Rehe, Rothirsche und Wildschweine wie durch die vier unbelasteten Schutzgebiete des Landes, die das Team zum Vergleich untersucht hat. Die Zahl der ermittelten Wölfe liegt sogar siebenmal so hoch. Zwar könne man aus diesen Daten keine direkten Rückschlüsse auf die Langlebigkeit oder den Fortpflanzungserfolg der einzelnen Tiere ziehen, schreiben die Forscher im Fachjournal Current Biology. Doch ein Zusammenhang zwischen der Intensität der Strahlung und der Größe der Bestände lasse sich nicht erkennen.

Auch die Fotos aus den Kamerafallen von Mike Wood und Nick Beresford legen nahe, dass sich der Schauplatz der Katastrophe zu einem populären Lebensraum für große Säugetiere entwickelt hat. Die abgelichteten Braunbären sind immerhin die ersten, die in der Region seit rund hundert Jahren nachgewiesen wurden. Und die 30 Przewalski-Pferde, die Ende der 90er-Jahre im ukrainischen Teil des Sperrgebietes angesiedelt wurden, können sich offenbar durchaus erfolgreich fortpflanzen. Schließlich haben sich auch Fohlen und Halbwüchsige vor die Linse gewagt. „Das alles heißt nicht, dass Strahlung gut für Wildtiere wäre“, betont Jim Smith. Sehr wohl aber habe die Fauna vom Rückzug des Menschen aus der Region profitiert. Tobias Kümmerle von der HU hält das für durchaus plausibel. „Im und um das Sperrgebiet wurden weitläufige Ackerflächen, Wiesen und Weiden aufgegeben und einer natürlichen Entwicklung überlassen“, erklärt der Forscher, der sich mit den Veränderungen der Landnutzung nach dem Reaktorunfall beschäftigt hat. Dort haben sich nach dreißig Jahren bereits zahlreiche Gehölze angesiedelt, langfristig dürften Wälder einen guten Teil der neuen Wildnis zurückerobern.

Das aber bringt auch für viele Tiere neue Chancen. Wo ihnen kaum noch ein Jäger nachstellt und ihnen kein Land- oder Forstwirt mehr den Lebensraum streitig macht, können sich ihre Bestände offenbar ziemlich schnell erholen. „Diesen Effekt kennen wir auch aus anderen Teilen der Welt“, sagt Tobias Kümmerle. Er hält es durchaus für möglich, dass die Strahlenbelastung langfristig noch negative Folgen für die Tierbestände haben könnte. Um das zu beurteilen, gebe es einfach noch zu wenige Daten. „Derzeit aber scheint der positive Effekt durch die vom Menschen ungestörten Lebensräume zu überwiegen“.