TU Berlin-Campus in Ägypten: Stadtplaner für die Mega-City

Berlin - Der junge Mann im gestreiften Hemd ist sehr interessiert. „Kann ich mit dem Abschluss, den ich hier bekomme, auch in Deutschland eine Stelle finden?“, fragt der 23-jährige Ahmed Schinawi. Er ist zum Tag der offenen Tür der neugegründeten TU Berlin am Roten Meer gekommen. Kester Kuczkowski, Geschäftsführer der TU in Al Gouna schmunzelt. „Na ja, sie können schon, aber wir hoffen eigentlich, dass sie nicht nach Deutschland gehen, um zu arbeiten, sondern hier in Ägypten bleiben“, sagt er.

Der Ansatz der TU Berlin, die zum Wintersemester in der Touristenstadt Al Gouna drei Masterstudiengänge anbietet, ist neu. Natürlich gibt es bereits andere private Universitäten in Ägypten und der Region. Auch sie kooperieren häufig mit Universitäten in Europa oder in Amerika. Das bekannteste Beispiel ist die Sorbonne in Abu Dhabi. In Kairo gibt es seit knapp zehn Jahren die German University, die eng mit der TU Ulm und der Uni Stuttgart zusammenarbeitet. Allerdings werden hier zumeist Studiengänge wie in Europa angeboten. So lernen etwa die Studenten in Abu Dhabi die Geschichte aus Europäischer Sicht und viele Absolventen sehen ihr Diplom als Eintrittskarte zu einem neuen Leben in Europa.

„Unser Ansatz ist ein anderer“, erklärt Kuczkowski. „Wir bieten Studiengänge, die ganz den Bedingungen in Ägypten angepasst sind.“ So können die Studenten zwischen drei Masterstudiengängen wählen. In Stadtplanung geht es um die Herausforderungen der Mega-City Kairo. Die armen, wuchernden Stadtsiedlungen sind eine große Herausforderung für die Zukunft. Kairo ist ein regelrechtes Eldorado für Stadtplaner, die sich mit Entwicklungsländern beschäftigen. Mega-Citys sind ein angesagtes Forschungsobjekt.

Optimale Bedingungen

„Zur Entwicklung neuer Technologien ist Al Gouna klasse. Es gibt Wind und Sonne satt“, sagt Johannes Wellmann, zuständig für den Fachbereich, in dem Energie-Ingenieure ausgebildet werden sollen. „Kaum irgendwo auf der Welt sind die Bedingungen für erneuerbare Energien so optimal wie hier“, meint er. Absolventen hätten anschließend gute Chancen; zum Beispiel bei deutschen Unternehmen, die im Rahmen des Desertec-Projektes Solar-Anlagen in die Wüste stellen wollen oder bei Unternehmen, die auf den boomenden Wind-Sektor am Roten Meer setzen. Besonders die Frage, wie Windanlagen so konstruiert werden können, dass sie die Dauerbelastung der Windverhältnisse am Golf von Suez aushalten, soll beantwortet werden. Der dritte Studiengang, in dem Ingenieure ausgebildet werden, soll sich Konzepten zur Wassergewinnung und -aufbereitung widmen.

„Hier zu forschen, ist besonders spannend“, sagt Rudolf Schäfer, der Gründungsdekan. Er hofft deswegen, vom Grundproblem anderer Auslandsunis verschont zu bleiben: Dort lässt die Anfangsbegeisterung der europäischen Professoren für die Lehre in der Arabischen Welt schnell nach. Der Sorbonne fällt es immer schwerer, Lehrer für die Zwei-Wochenschichten in Abu Dhabi zu motivieren, und die Deutsche Universität in Kairo hat in den Naturwissenschaften große Probleme, ihre Stellen mit Professoren aus Deutschland zu besetzen. „Ich glaube, dass viele wegen der Bedingungen gerne hierherkommen werden. Wir bemühen uns zusätzlich, einen Pool von Wissenschaftlern durch Konferenzen und Workshops an uns zu binden“, sagt Schäfer.

Finanziert wird das Projekt TU Gouna von dem ägyptischen Geschäftsmann Samih Sawiris. Er hat die Stadt Al Gouna am Roten Meer konzipiert und entwickelt. Mit ihren sauberen Straßen, luxuriösen Villen, Hotels und dem kristallblauen Wasser in den künstlichen Lagunen ist sie für viele reiche Ägypter längst zu einem Rückzugsort geworden.

Studieren oder heiraten

Zu Sawiris Zukunftsvision gehört auch eine bessere Bildung und Forschung, um die Probleme Ägyptens zu lösen. Deswegen hat er die TU Berlin gebeten, einen Campus in Al Gouna zu errichten. Sawiris hat selber von 1976 bis 1980 an der TU Berlin studiert.

Und die Studenten? Ahmed Schinawi, der junge Mann mit dem gestreiften Hemd, wiegt den Kopf. „Das hört sich alles gut an“, sagt er. Besonders gefällt ihm der Studiengang Stadtplanung. „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das leisten kann.“ Und das, obwohl ihm versichert wurde, dass er gute Chancen auf ein Stipendium habe, das die 5 000 Euro Studiengebühren pro Semester abdecken würde. Schinawi erfüllt die Voraussetzungen: Er hat ein abgeschlossenes Studium und bereits einige Jahre Berufserfahrung. Genau hier liegt das Problem. Den Job müsste er für das Studium aufgeben. „Ich befürchte, dass ich hier zwar sinnvolle Dinge lerne, aber es noch keine Firmen gibt, die im Bereich Stadtplanung in Ägypten tätig sind und mir hinterher ein ordentliches Gehalt zahlen “, meint er.

Auch der 27-jährige Hany Hamza rechnet Kosten und Nutzen zusammen: „Ich habe von meinem Vater ein Auto bekommen, wenn ich es verkaufe, könnte ich hier studieren, doch dann könnte ich nicht auch noch heiraten“, erzählt er. Der soziale Druck, eine Familie zu gründen, sei groß. Hagir Mahmoud, eine 24-jährige Architektin, hat sich bereits entschieden: „Dies ist meine Chance.“ Eigentlich würde sie gerne im Ausland studieren und hat bereits einmal eine Sommerschule in Berlin besucht. „Meine Mutter würde mich aber nie nach Deutschland lassen.“ Für die neue Universität ist es wichtig, die besten Studenten anzuwerben. Ihr Erfolg steht und fällt damit, ob sie anschließend gute Anstellungen finden.

Infos und Bewerbung unter www.campus-elgouna.tu-berlin.de.