Berlin -  In den Nuller Jahren war es unter Jugendlichen Mode, sich zu LAN-Partys zu verabreden. Man verschaltete seine Rechner und zockte in irgendwelchen schummrigen Buden bis in die Morgenstunden: „Counterstrike“, „Battlefield“, „Fifa“, solche Sachen. Schnell wurde das lokale Netzwerk zu klein, und man traf sich mit anderen Gamern im World Wide Web. Im Zeitalter von Social Media spielt man sogar vor Publikum.

Auf der Streaming-Plattform Twitch kann man Nutzern beim Spielen zusehen: Auf Live-Kanälen kommentieren User, wie sie in „Minecraft“ ihr Sommerhaus zimmern oder in „Grand Theft Auto V“ mit einem Partybus durch die Stadt düsen. Man kann sich Twitch wie ein buntes Kaleidoskop eines TV-Netzwerks vorstellen: Es gibt rund drei Millionen Kanäle und 15 Millionen aktive Nutzer. Von solchen Quoten können manche Radio- und TV-Sender nur träumen. Die Lagerfeuer der Nation wie „Wetten, dass..?“ sind ja schon lange verglommen, stattdessen wärmt sich die Community in virtuellen Welten.

Twitch gilt als das „YouTube der Videospiele“

Spiele, Musik, E-Sport – die Bandbreite ist riesig. Twitch gilt als das „YouTube der Videospiele“. 2014 wurde die Plattform für knapp eine Milliarde Dollar vom Online-Riesen Amazon übernommen.

Wer sich etwas mit der Geschichte des Internets auseinandergesetzt hat, stellt schnell fest, dass die Plattform verschiedene Elemente zusammenführt: Messaging, Gaming, Streaming, Social Networking. Und das macht ihren Erfolg aus. Einige Streamer haben längst den Status von Popstars erreicht. Pokimane, Dr. Lupo, Disguised Toast – so heißen die Ikonen der Millennials. Wenn sie streamen, schalten Hunderttausende Leute ein.

Streamer können bei Twitch auf verschiedene Arten Geld verdienen

Richard Blevins Kanal „Ninja“ folgten bis zu seinem Wechsel zur Konkurrenz von Microsofts Mixer mehr als 16 Millionen Nutzer. Der 31-jährige Amerikaner, der in einem Vorort von Chicago aufwuchs und sich mit einem Job in einem Fast-Food-Restaurant über Wasser hielt, ist mit Gaming (vor allem mit „Fortnite“) zum Multimillionär aufgestiegen. Mal ehrlich: Welcher jugendliche Gamer träumt nicht davon, in einer digitalen Arena vor ein paar Tausend Zuschauern zu zocken und damit reich zu werden?

Streamer können bei Twitch auf verschiedene Arten Geld verdienen. Eine Möglichkeit sind Sponsorenverträge, wie sie Blevins mit Samsung, Red Bull und Uber Eats abgeschlossen hat. Eine andere Möglichkeit, Inhalte zu monetarisieren, sind Abos, im Gamer-Jargon auch „Subs“ genannt. Es gibt drei Mitgliedstufen: 4,99 Euro, 9,99 Euro und 24,99 Euro pro Monat. Die eine Hälfte geht an die Streamer, die andere an die Plattform.

Fabian P. (Name von der Redaktion geändert) ist ein Streamer. Der Student, der lieber anonym bleiben möchte, hat auf Twitch einen eigenen Channel aufgebaut – als Hobby, wie er sagt. Dort zockt er den Multiplayer-Ego-Shooter „Overwatch“, bei dem es darum geht, Objektpunkte des Gegners auf der Karte einzunehmen. „Meine höchste Zuschauerzahl war 40, im Schnitt sind es so um die 10 bis 20“, erzählt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Geld verdienen kann Fabian damit nicht, aber er hat durch das interaktive Gaming im Netz schon einige Bekanntschaften geschlossen: „Die meisten Leute, die im Chat aktiv sind, kenne ich seit Monaten“, erzählt er. Man habe kein persönliches Verhältnis wie im echten Leben, sondern eher eine Internetfreundschaft. Einige seiner Bekanntschaften hätten 150 bis 200 Zuschauer, was für das lukrative Partnerprogramm qualifiziert. Streamer mit durchschnittlich mehr als 500 Zuschauern können damit ihren Lebensunterhalt finanzieren, weiß Fabian.

Bloß: Was macht den Reiz aus, anderen beim Spielen zuzuschauen? Für Fabian sind die Streams eine Mischung aus Lernhilfe und Entspannung. Er schaut sich bei Profis Strategien und Tricks ab, die er dann selbst anwenden kann. Oder er lässt sich einfach berieseln. Computerspiele sind ja auch eine Form von Literatur, ein Plot, den man spielen, aber auch lesen oder schauen kann. In der Generation der Millennials hat Streaming längst das Fernsehen abgelöst. Was früher CNN war, ist heute Twitch.

Auch Fabian sieht inzwischen kaum noch fern: „Früher schaute man zur Prime Time Serien. Heute sagt man: ‚Am Donnerstag um 18 Uhr kommt mein Lieblingsstreamer.‘ Das ist dann im Wochenplan fest vorgemerkt.“ Man schaut nicht nur zu, sondern trifft auch noch die Leute, die man cool findet. Der Stream als Gemeinschaftserlebnis. Spiele sind ja in hohem Maß kommunikativ. Gerade in Zeiten einer Pandemie, wo man nicht mit Freunden in Cafés oder Bars gehen kann, werden Streaming-Plattformen zu einem wichtigen Treffpunkt.

Gamer-Communitys standen lange im Verruf, eine nerdige, misogyne Männerveranstaltung zu sein – man denke an die Gamergate-Kontroverse, wo User Stimmung gegen Aktivistinnen und Spielentwicklerinnen machten, die den Sexismus in der Szene anprangerten. Wer jedoch meint, auf Twitch seien nur Männer unterwegs, sieht sich getäuscht: „Es gibt in fast jeder Gaming-Kategorie zahlreiche Frauen“, berichtet Fabian. „Ich würde behaupten, dass es fast die Hälfte ist.“ Als die demokratische US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez im vergangenen Oktober das populäre Game „Among Us“ spielte, schalteten sich über 400.000 Nutzer in den Stream ein. Sage da noch jemand, Gaming sei eine Männerdomäne!

Mit ihrer Reichweite zieht die Streaming-Plattform auch Extremisten an

Gleichwohl bedienen manche Streamerinnen alte Rollenbilder. So sorgten jüngst die freizügigen „Hot Tub Streams“ für Aufsehen, in denen sich Frauen im Bikini in Whirlpools räkeln. Sex sells, auch im Netz. Um nicht in der Schmuddelecke zu landen, will Twitch die Piep-Shows von der Plattform verbannen.

Mit ihrer Reichweite zieht die Streaming-Plattform auch Extremisten an. So sind in letzter Zeit immer häufiger rechtsextreme Influencer und Anhänger des Verschwörungskults QAnon auf Sendung gegangen. Vor mehreren Tausenden Zuschauern fabulieren sie über den angeblichen Stimmenklau bei der US-Präsidentschaftswahl. Das Problem: Die Verschwörungsgläubigen erhalten nicht nur eine Bühne, sondern auch eine Finanzierungsquelle: So sammeln Streamer Spenden oder verkaufen an ihre Fans Merchandising-Artikel wie T-Shirts oder Hüte. Die Informatikprofessorin Megan Squire sagte der New York Times, Twitch würde „die Propaganda monetarisieren“.

Zwar hat Twitch im Allgemeinen schärfere Regeln als andere Plattformen. So hat die Livestream-Plattform Donald Trumps Kanal schon viel früher als Twitter und Facebook gesperrt. Auch hat Twitch Trolle verklagt, die einen Stream mit Pornos fluteten. Trotzdem sind auf der Plattform noch immer dubiose Influencer unterwegs. Sollte Twitch das Problem nicht in den Griff kriegen, könnten weitere Streaming-Stars abwandern.