Wenn Twitter-Nutzer nicht in den Wald gehen, schickt dieser ihnen Tweets nach Hause. Europäische Forscher haben Bäume mit dem sozialen Netzwerk verbunden. Was wie ein spaßiges Projekt klingt, ist das Ergebnis von vier Jahren Arbeit und soll grundlegende Erkenntnisse über die Bäume liefern. In Europa twittern mittlerweile sieben Bäume: Sechs von ihnen stehen in Belgien und einer in Brandenburg. Bald soll ein achter in den Niederlanden hinzukommen.  „Heute bin ich um 0,2 Mikrometer geschrumpft, habe 2,2 Liter Wasser bei einer maximalen Geschwindigkeit von 0,2 Litern pro Stunde  transportiert.

#TwitteringTree #Joachimsthal“, twitterte die verkabelte Birke am vergangenen Mittwoch. Ausgestattet ist sie  mit drei Messgeräten: Eins misst die Feuchtigkeit im Boden, eins die Strömungsgeschwindigkeit von Wasser im Baum und eins das Wachstum.

Abendliches Update

„Diese Daten werden konstant im Abstand von etwa fünf Minuten erhoben“, sagt Kathy Steppe. Sie ist Professorin für Biowissenschaftliche Ingenieurstechnik an der Universität Gent und hat die Programmierung übernommen. „Die gemessenen Daten werden per Wlan in eine Datencloud geladen. Dort werden aus den Rohdaten Werte berechnet, die automatisch getwittert werden.“ Die Tweets werden morgens und abends verschickt. „Am Abend enthält der Tweet eine Zusammenfassung darüber, wie viel Wasser der Baum aufgenommen hat und wie sehr er gewachsen ist.“

Doch wenn ein besonderes Ereignis geschieht, zum Beispiel eine Dürreperiode, twittert der Baum eher. „Durch den Tweet ist man dann gleich auf dem neuesten Stand“, sagt Steppe. Die Forscherin gehört zum europäischen Forschungsnetzwerk „Streess“, in dem 350 Wissenschaftler von mehr als 100 Einrichtungen aus 24 Ländern zusammenarbeiten. Das Twitter-Projekt war dabei nur eins von vielen. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie der Klimawandel auf Bäume und Wälder wirkt. „Es gibt Modelle, die die Entwicklung von Wäldern für größere Gebiete bereits berechnen“, sagt Ute Sass-Klaassen, Koordinatorin des Netzwerks. „Sie sind hoch komplex, doch die Vorgänge in den einzelnen Bäumen sind sehr vereinfacht abgebildet.“

Bislang sei kaum erforscht, was genau in den Bäumen passiert, wenn sie wachsen oder mit Stress umgehen. Zum Beispiel bei Trockenheit oder Überschwemmungen. Die schnellen, fatalen Veränderungen an Wäldern durch den Klimawandel seien jetzt schon zu sehen: Waldbrände und Sturmschäden. „Aber Trockenheit wird langfristig ein Problem. Das ist ein schleichender Effekt“, sagt Ute Sass-Klaassen. Nicht nur in Europa, auch in den Tropen.

„Man könnte eigentlich sagen, die Wälder werden sich schon entsprechend entwickeln und anpassen“, sagt Andreas Bolte vom Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde. Doch darauf wollen die Forscher nicht warten. Wälder seien aus verschiedenen Gründen wichtig, zum Beispiel für die Holznutzung. „Außerdem kommt viel Wasser für Berlin aus den umliegenden Wäldern. Zudem haben Wälder auch eine wichtige lokale Klimawirkung – die Grünflächen wirken kühlend. Ohne sie wäre Berlin vermutlich zwei Grad Celsius wärmer.“
Die Forscher wollen herausfinden, welche Baumarten mit welcher Herkunft gut angepasst sind.

„Zum Beispiel sind Buchen in Spanien besser an Trockenheit gewöhnt als die in Deutschland“, sagt Andreas Bolte. „Das heißt aber nicht, dass wir einfach Samen der spanischen Buche in Deutschland aussäen. Sie vertragen zum Beispiel Bodenfrost nicht. Wir müssen da  viel ausprobieren, welche Arten für welches Gebiet am besten geeignet sind und wie sie auch miteinander  gut gedeihen können.“ Die Forscher sollen sich dabei auch die Gene genau ansehen. „In der Hitzewelle von 2003 sind hier in Deutschland einige Buchen abgestorben, andere haben die Dürre überlebt. Dafür muss es ja Gründe geben, die auch mit dem Erbmaterial zu tun haben können.“

Dafür müssen aber zunächst die ökophysiologischen Vorgänge im Baum analysiert werden. „Mit den Sensoren in den Bäumen können wir mitverfolgen, wie er wächst und wann er damit fertig ist“, sagt Ute Sass-Klaassen. „Zum Beispiel wächst er meist im Frühjahr etwas schneller, im Sommer wird er langsamer, und in der richtig heißen Zeit hört er ganz auf. Doch wie reagiert er auf ein heißes Frühjahr?“
Bäume haben zwar enorme Wasserspeicher, weshalb Trockenheit ihnen nicht immer gleich etwas ausmachen müsse. Doch wenn das öfter passiert und sie keine Zeit haben, um sich zu erholen, hat das langfristige Folgen für ihre Vitalität. So könnten die Forscher herausfinden, wie viel Stress bei den Bäumen zu einem geringeren Wachstum und damit zu weniger Holz führen könnte. Es soll ein Frühwarnsystem sein. Es ist aber regional begrenzt, wie Andreas Bolte sagt. Schließlich werden nur wenige Bäume so untersucht.

Aus Brandenburg  twittert bald auch nicht mehr die Birke in Joachimsthal. Die Apparatur wird stattdessen an einer Kiefer in der Versuchsstation Britz des Thünen-Instituts nahe Eberswalde angebracht. „Die Kiefer ist etwa 50 Jahre alt und verdunstet ungefähr 60 Liter Wasser am Tag“, sagt Andreas Bolte. „Wir wollen sie 10 bis 15 Jahre überwachen.“ Vielleicht ist die Technik bis dahin auch in Serienproduktion gegangen. Bislang wird sie aufwendig im Labor zusammengebaut.