Ein Leben mit Typ-1-Diabetes ist gerade für Kinder oft anstrengend. Alle paar Stunden gilt es, den Blutzucker zu überprüfen. Bei jeder Mahlzeit müssen die Kohlenhydrate berechnet werden, um herauszufinden, wie viel Insulin der kleine Patient benötigt. Allzu oft dreht sich der Alltag des Kindes fast nur noch um seine Krankheit.

Doch das könnte sich bald ändern. Im Frühjahr wurde in den USA eine Art künstliche Bauchspeicheldrüse zugelassen, die aller Voraussicht nach in ein, zwei Jahren auch auf den deutschen Markt kommen wird. Das Gerät, das in etwa die Größe eines Smartphones besitzt, steuert die Blutzuckermessung und die Abgabe von Insulin weitgehend automatisch und bringt den Patienten und ihren Angehörigen so ein großes Stück Unabhängigkeit zurück, das sie durch die Krankheit verloren haben.

In Hannover wurde die künstliche Bauchspeicheldrüse bereits getestet. Olga Kordonouri, Chefärztin am dortigen Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche des Kinderkrankenhauses Auf der Bult, stellte ihre Erfahrungen und die Ergebnisse weiterer Studien aus den USA kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft vor.

Messung alle fünf Minuten

„Das verwendete System besteht aus einer Insulinpumpe, einem Sensor im Unterhautfettgewebe zur kontinuierlichen Glukosemessung, einem Blutzuckermessgerät zur Kalibrierung des Sensors und aus einem Computerprogramm, das die automatische Steuerung der Insulinpumpe übernimmt“, erläutert Kordonouri. Alle Teile kommunizieren drahtlos, also über Funkwellen, miteinander. „Daher sprechen wir auch von einem geschlossenen System, auf Englisch closed loop“, sagt die Medizinerin.

Vollkommen selbstständig arbeiten solche Closed-Loop-Systeme bislang allerdings nur nachts. Die Geräte messen dann alle fünf Minuten den Blutzucker und passen die Insulinzufuhr automatisch an den Bedarf an. „Mehrere Studien haben gezeigt, dass mithilfe dieser Systeme in der Nacht deutlich mehr Zuckerwerte im Zielbereich liegen als ohne sie“, sagt Kordonouri. Dadurch schliefen die Patienten ruhiger und wachten morgens mit normalen Blutzuckerwerten auf. „Ein solcher Start in den Tag stellt für viele von ihnen ein ganz neues Lebensgefühl dar“, sagt die Ärztin.

Tagsüber hingegen muss der Nutzer zu den Mahlzeiten seinen Insulinbedarf nach wie vor selber eingeben – abhängig davon, wie viele Kohlenhydrate er zu sich nimmt. Zudem müssen der Sensor und das Infusionsset zweimal täglich mittels herkömmlicher Blutzuckermessung kalibriert und darüber hinaus regelmäßig gewechselt werden. „Ganz automatisch funktioniert das System bislang also noch nicht“, sagt Kordonouri.

Dafür verrichtet das Gerät seine Dienste offenbar recht zuverlässig. So trat in einer Zulassungsstudie aus den USA an gut 12 000 Patiententagen keine einzige schwere Unterzuckerung auf. Zudem ließ sich der HbA1c-Wert mithilfe der Closed-Loop-Systeme bei Jugendlichen und Erwachsenen von durchschnittlich 7,4 auf 6,9 Prozent senken. Der HbA1c-Wert ist einer der wichtigsten Laborwerte von Diabetespatienten, da er Informationen über die Blutzuckerwerte der vergangenen acht bis zwölf Wochen liefert – und somit anzeigt, wie gut der Patient eingestellt ist.

Kosten noch unklar

Die Gefahr eines übermäßigen Anstiegs des Blutzuckers ist allem Anschein nach ebenfalls gering. „Natürlich kann beispielsweise die Insulinpumpe mal verstopfen“, sagt Kordonouri. „Wenn der Sensor aber zu hohe Glukosewerte misst, gibt das Gerät Alarm, sodass der Patient oder andere Menschen darauf reagieren können.“

Auch scheint sich das System im Alltag von Kindern und Jugendlichen, die in der Regel ja einen größeren Bewegungsdrang als Erwachsene haben, recht gut bewährt zu haben. „Auf Blutzuckerschwankungen, die durch Bewegungen hervorgerufen werden, reagieren die Geräte sehr gut“, sagt Kordonouri. Das hätten mehrere Studien mit Closed-Loop-Systemen unter sportlicher Aktivität gezeigt.

Darüber hinaus habe man sich natürlich die Frage gestellt, wie gut die Geräte mit den mechanischen Belastungen zurechtkommen, die beim Spielen, Toben und Sporttreiben nicht ausbleiben. „Hier zeigen sich durchaus technische Grenzen“, räumt Kordonouri ein. „So kann es sein, dass beispielsweise die Sensoren herausgerissen werden oder früher gewechselt werden müssen.“ Generell machten die Closed-Loop-Systeme aber alle sportlichen Aktivitäten mit. Selbst Schwimmen sei mit ihnen möglich.

Patienten, für die eine solche künstliche Bauchspeicheldrüse generell nicht infrage kommt, gibt es nach Ansicht von Kordonouri eigentlich nicht. „Die Nutzer sollten natürlich gewillt sein, die Geräte am Körper zu tragen und sich damit in der Öffentlichkeit als Menschen mit Diabetes zu outen“, sagt die Medizinerin. Zudem müssen sie oder ihre Eltern an speziellen Schulungen (siehe oben) teilnehmen, um zu verstehen, wie ein Closed-Loop-System funktioniert, und was zu tun ist, wenn die Technik mal versagt – zum Beispiel weil der Katheter verstopft ist oder der Sensor nicht richtig liegt.

Was das Gerät kosten wird und inwieweit sich die gesetzlichen Krankenkassen an den Kosten beteiligen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. „Da die Kassen aber auch heute schon Sensoren und Pumpen unterstützen, gehe ich davon aus, dass sie sich in irgendeiner Form auch an den Closed-Loop-Systemen beteiligen werden“, sagt Kordonouri.

Zusätzlich zu den in Hannover bereits getesteten Geräten des Herstellers Medtronic ist seit einiger Zeit ein sogenannter Bionic Pancreas, eine bionische Bauchspeicheldrüse, in der Entwicklung. Dieses Gerät gibt nicht nur Insulin, sondern auch dessen Gegenspieler Glukagon ab. Auf diese Weise soll es den Blutzucker noch feiner regulieren als die bislang zugelassenen Systeme. Wie sinnvoll solche bionischen Bauchspeicheldrüsen sind, ist unter Experten allerdings noch umstritten.

„Das Prinzip dieser Geräte klingt durchaus vielversprechend, doch natürlich macht eine weitere Komponente das ganze System erst einmal komplizierter“, sagt Kordonouri. Gewisse Probleme bereite zudem die begrenzte Haltbarkeit des Glukagons. „Auch wissen wir noch nicht genau, wie der menschliche Körper langfristig auf regelmäßige Glukagongaben reagiert“, gibt die Ärztin zu bedenken. Von Natur aus produziert der Mensch nämlich nur sehr geringe Mengen dieses Hormons.

Dass das System zumindest kurzfristig funktioniert, weiß man allerdings schon. Das konnte eine Ende des vergangenen Jahres in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlichte Studie zeigen, bei der die bionische Bauchspeicheldrüse an 20 erwachsenen Probanden mit Typ-1-Diabetes getestet wurde. „Bis solche Geräte auf den Markt kommen, wird es aber sicherlich noch etwas dauern“, sagt Kordonouri. Bislang sei Glukagon noch gar nicht für die Pumpentherapie zugelassen.

Auch bei den bionischen Bauchspeicheldrüsen handelt es sich noch nicht um vollautomatische Systeme. Die kombinierten Geräte erfordern zu den Mahlzeiten ebenfalls eine manuelle Eingabe der aufgenommenen Kohlenhydrate.

„Doch unser Ziel ist ein System, das den Blutzucker – zumindest solange alles gut funktioniert – komplett selbstständig reguliert“, sagt Kordonouri. Lediglich wenn ein Bestandteil des Geräts, aus welchen Gründen auch immer, mal ausfalle, werde man als Patient oder Elternteil vermutlich stets selbst eingreifen müssen.