Für Thomas Hüttl ist die Sache eindeutig: „Wenn Eltern ihre Kinder mästen, ist das auch eine Form von Kindesmisshandlung.“ Der Mediziner weiß, wovon er spricht. Am Adipositas-Zentrum der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen trifft er immer wieder auf Patienten, die schon in der Pubertät so viel wiegen wie zwei, manchmal drei gesunde Erwachsene zusammen.

„Mit Diäten und Bewegung allein kommt man bei diesen Jugendlichen leider nicht mehr weit“, sagt Hüttl. Stattdessen soll der Chirurg den überflüssigen Kilos dann per Skalpell zu Leibe rücken – indem er seinen jungen Patienten den Magen, den Dünndarm oder gleich beide Organe verkleinert.

Während die Adipositas-Chirurgie bei Erwachsenen inzwischen als etabliertes Verfahren gilt, streiten die Experten noch darüber, inwieweit solche Operationen bei Jugendlichen zum Einsatz kommen dürfen. Auch auf dem Weltkongress der Kinderchirurgen diese Woche in Berlin steht das Thema auf der Agenda. „Der Eingriff ist nicht nur riskant, sondern beeinflusst das ganze weitere Leben“, mahnt Hüttl. „Die meisten Jugendlichen können die Tragweite eines solchen Schritts gar nicht erfassen.“

Fast zwei Millionen dicke Kids

Fakt ist: Der Bedarf innovativer Abnehmmethoden ist da. Laut einer Langzeitstudie des Berliner Robert-Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind rund 15 Prozent der Deutschen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. 6,3 Prozent gelten gar als fettleibig. Das entspricht rund 1,1 Millionen übergewichtigen und 800 000 adipösen Kindern und Jugendlichen. Vor allem Letzteren drohen Folgeschäden wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Gelenkprobleme und insgesamt eine verkürzte Lebenserwartung.

„Wir als Kinderchirurgen kommen nicht darum herum, uns mit chirurgischen Therapieoptionen für eine wachsende Zahl an Patienten auseinanderzusetzen“, sagte Philipp Szavay, der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie auf einer Pressekonferenz am Montag in Berlin. Es habe sich gezeigt, dass die Adipositas-Chirurgie auch bei Jugendlichen zu einer Gewichtsabnahme und zunächst zu einer besseren Lebensqualität führe.

Neben juristischen und ethischen Aspekten seien allerdings wichtige medizinische Fragen noch unbeantwortet, betonte der Chefarzt der Kinderchirurgie am Luzerner Kantonsspital: „Uns fehlen vor allem Informationen über die Langzeitergebnisse eines so gravierenden Eingriffs.“

Da Adipositas-Operationen in den USA schon länger als hierzulande auch bei Kindern und Jugendlichen vorgenommen werden, war auch der Kinderchirurg Thomas Inge vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center zur Pressekonferenz eingeladen. Eine Änderung des Lebensstils habe bei massiv übergewichtigen Kindern und Jugendlichen in der Vergangenheit kaum dazu beigetragen, den Body Mass Index (BMI) zu verringern, berichtete Inge (siehe Kasten). Liegt der BMI über 35 und weist der jugendliche Patient darüber hinaus bereits Begleiterkrankungen wie einen zu hohen Blutdruck auf, können hiesige Ärzte einen chirurgischen Eingriff in Erwägung ziehen.

Studien haben Inge zufolge ergeben, dass beispielsweise ein Magen-Bypass den BMI innerhalb eines Jahres um 35 bis 37 Prozent reduzieren kann. Dieses Ergebnis deckt sich weitgehend mit den Beobachtungen einer Analyse von 23 Studien mit insgesamt 637 jugendlichen Patienten, die britische Mediziner im August im Fachblatt Obesity Review veröffentlicht haben. Innerhalb eines Jahres war der BMI bei den Probanden im Schnitt um 13,5 Einheiten gesunken. Ob die Jugendlichen ihr neues Gewicht allerdings auch nach zwei oder mehr Jahren halten konnten, ist unklar.

Wenig bekannt ist bislang auch über die möglichen Komplikationen einer Adipositas-Operation. Studien deuten darauf hin, dass einer von 100 Patienten den Eingriff nicht überlebt.

Arne Dietrich, kommissarischer Leiter der Sektion Bariatrische Chirurgie am Universitätsklinikum Leipzig, weist noch auf ein weiteres Problem hin: „Gerade bei Jugendlichen besteht die Gefahr, dass im Verlauf die nötige Compliance verloren geht“, sagt er. „Es kann zu Änderungen des Essverhaltens kommen. Oder die notwendige Nachsorge wird nicht mehr wahrgenommen – vor allem, wenn die Unterstützung der Eltern fehlt.“

Will man Langzeitkomplikationen einer Magen-Bypass-Operation verhindern, ist es jedoch notwendig, dass der Patient ein Leben lang Vitamine und Mineralstoffe in Tablettenform einnimmt. „Viele Jugendliche kommen damit nicht klar oder beginnen zwei, drei Jahre nach der Operation, die Einnahme zu vernachlässigen“, weiß auch Klaus Winckler. Der Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Ernährungsmediziner betreut in seiner Praxis in Frankfurt am Main unter anderem Jugendliche, die eine Adipositas-Operation planen oder bereits hinter sich haben.

Vitaminmangel droht

Wincklers Erfahrungen decken sich mit Zahlen, die Philipp Szavay in Berlin vorstellte. Szavay zufolge nehmen weniger als 20 Prozent der Jugendlichen nach der OP die erforderlichen Nahrungsergänzungsmittel ein. Allen anderen drohten Wachstumsstörungen und Mangelerscheinungen, warnte der Mediziner.

Auch aus diesem Grund legen die meisten Chirurgen großen Wert darauf, dass die Messlatte für eine Operation hoch gehängt wird. „Bevor ich einen Jugendlichen operiere, muss sichergestellt sein, dass er zuvor von einem interdisziplinären Team begutachtet wurde“, sagt Arne Dietrich. So wollen es auch die Leitlinien: Dort heißt es unter anderem, dass ein jugendlicher Patient mindestens von einem Kinderarzt, einem Ernährungsmediziner und einem Psychologen betreut werden muss.

„Wenn alle beteiligten Mediziner ihr Okay geben, operiere ich zur Not auch 16-Jährige“, sagt der Münchner Chirurg Thomas Hüttl. „Selbst wenn jeder dieser Eingriffe für mich ein Zeichen ist, dass hier die Familie, aber auch Ärzte und Lehrer komplett versagt haben.“