Überwachung überall: Kameras beobachten Autos in den Innenstädten, Bordcomputer können Daten erheben und weitergeben.
Foto:  Getty

BerlinDas Auto stand einmal für Freiheit und Aufbruch. Man konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit an einen beliebigen Ort fahren, und was man darin sich oder seinen Mitfahrern erzählte, war so privat wie in den eigenen vier Wänden. Die Fahrzeuge wurden von den Herstellern zu einer Quasi-Immobilie ausgebaut, einem zweiten Wohnzimmer, mit mehr Komfort, Ledersitzen, Sitz- und Standheizung, Radio, Klimaanlage, Zigarettenanzünder. „Freie Fahrt für freie Bürger“, lautete das Mantra.

Allein, von diesem automobilen Freiheitsversprechen ist nicht mehr viel übrig. Nicht nur, dass permanente Staus zu einer Dauerblockade im Straßenverkehr geführt haben. Schlimmer: Der Autofahrer wird lückenlos überwacht. In zahlreichen amerikanischen und britischen Städten sind automatische Kennzeichensysteme im Einsatz, die Nummernschilder von Fahrzeugen erfassen.

Das Auto weiß, wo du warst

Computergestützte High-Speed-Kamera-Systeme fotografieren dabei die Kennzeichen, konvertieren die Bilddateien in maschinenlesbares Format und versehen die Textdateien mit einem Geotag und Zeitstempel, sodass klar ist, wer zu welcher Zeit an welchem Ort war. Damit wird zum Beispiel in London kontrolliert, ob der Autofahrer die City-Maut bezahlt hat.

Allein in Großbritannien sind auf öffentlichen Straßen 11 000 stationäre und mobile Kameras in Betrieb, die pro Tag 50 Millionen Kennzeichen erfassen können. Die Daten werden gespeichert und mit Kriminaldatenbanken abgeglichen. Eine intelligente Software detektiert sogenannte Klone, also gefälschte Kennzeichen. Wenn ein Nummernschild in London und zehn Minuten später in Liverpool erfasst wird, schlägt das System Alarm und setzt das Kennzeichen auf eine Liste.

Selbst in dunklen Autos funktionieren Kameras, um den Fahrer zu kontrollieren.
Foto: Getty/Eyem

Datenschützer kritisieren diese Praxis, weil Autofahrer anlasslos gescannt und ins Visier einer Rasterfahndung geraten. Das deutsche Bundesverfassungsgericht wie auch der österreichische Verfassungsgerichtshof haben die automatisierte Kennzeichenkontrolle in Teilen für verfassungswidrig erklärt. Die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU kritisiert, dass durch das Tracking detaillierte Bewegungsprofile erstellt werden können, die Rückschlüsse auf das Sozialverhalten zulassen: Wer geht häufig in die Kirche? Wer war auf einer Demonstration? Wer besucht nachts ein Bordell? Wer fuhr in der Nähe eines Tatorts oder dem Fundort einer Leiche vorbei? Gerade in einem Land, in dem man viele Wege mit dem Auto zurücklegt, lassen sich aus Fahrdaten aussagekräftige Muster ableiten. Die ACLU schreibt: „Automatische Kennzeichenerfassung hat das Potenzial, permanente Aufzeichnungen von nahezu jedem Ort zu machen, wo wir hingefahren sind (…).“

Risikioarme Fahrer zahlen weniger Versicherung

Doch nicht nur auf der Straße werden Autofahrer überwacht, sondern auch im Auto selbst. Fahrzeuge sind vollgestopft mit Überwachungstechnik: Sensoren, Scanner, Kameras. Sogenannte Event-Data-Recorder, vergleichbar mit einer Blackbox im Flugzeug, sammeln jede Menge Fahrdaten wie etwa Geschwindigkeit, Fahrzeugbeschleunigung, Gangwahl, Blinker- und Bremstätigkeit, mit denen sich die Sekunden vor einem Unfall rekonstruieren lassen und die der Polizei zur Beweisaufnahme zur Verfügung gestellt werden können. Hat der Unfallverursacher an der Kreuzung ordnungsgemäß geblinkt? War er möglicherweise zu schnell unterwegs? Kfz-Versicherungen bieten schon heute auf Grundlage der Daten sogenannte Telematik-Tarife an, die risikoarme Fahrweisen prämieren. Wer sich überwachen lässt, spart Geld.

Auch Fahrassistenzsysteme wie Müdigkeitserkennung oder Spurhalteassistenten beobachten unablässig das Fahrverhalten des Autolenkers, um ihn vor einem Sekundenschlaf zu warnen. Sensoren erfassen neben der Geschwindigkeit auch die Lenkradbewegungen sowie Blinker- und Pedalbetätigungen.  Aufgrund der Fahrdaten erstellt das Assistenzsystem ein individuelles Verhaltensmuster, das mit aktuellen Sensorendaten abgeglichen wird. Weicht das Verhalten vom gewöhnlichen Muster ab, mischt sich die Software ein und korrigiert den Kurs.

Autobauer tüfteln seit einigen Jahren bereits an Eye-Tracking-Systemen, die die Blickrichtung des Fahrers kontrollieren. Die Kameras überwachen, wohin der Fahrer schaut: Stur auf die Fahrbahn? Auf das Armaturenbrett? Oder auf das Smartphone? Hat er vielleicht sogar die Augen geschlossen? Dann ertönt ein akustisches Warnsignal. BMW hat auf der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, die sich in den vergangenen Jahren in eine Automesse verwandelt hat, eine Blickerkennung vorgestellt, die mithilfe Künstlicher Intelligenz erkennt, welche Punkte der Fahrer jenseits der Fensterscheibe fixiert und ihm dazu entsprechende Informationen und Interaktionsmöglichkeiten anbietet. General Motors hat parallel dazu eine Software präsentiert, die mithilfe von Infrarotsensoren sogar in der Nacht und durch Sonnenbrillen hindurch die Blickrichtung des Fahrers erkennt.

Assistenzsysteme machen Auto fahren sicherer

Volvo hat indes eine Technologie vorgestellt, die automatisch erkennen soll, ob der Fahrer betrunken ist oder unter Drogeneinfluss steht. Dazu werden im Fahrzeuginneren Kameras und Sensoren verbaut, die Anomalien wie langsame Reaktionszeiten oder extrem geöffnete Pupillen erkennen. Blitzer mit Gesundheitskontrolle Die elektronischen Helferlein dienen zweifelsohne der Sicherheit des Fahrers und anderer Verkehrsteilnehmer.

Jedes Jahr sterben noch immer Tausende Menschen bei Verkehrsunfällen, vor allem nach Alkoholkonsum oder durch Ablenkung am Steuer. Allerdings ist die Zahl der Verkehrstoten in den vergangenen Jahren nicht zuletzt dank der Fahrassistenzsysteme deutlich gesunken. Doch der Preis dieser Sicherheit ist mit dem Verlust der individuellen Freiheit verbunden. Gewiss, man sollte Unfalltote nicht mit Grundfreiheiten verrechnen. Doch die Frage ist, wie weit diese Überwachungstechnologien in die Privatsphäre des Einzelnen eingreifen dürfen.  Würde ein Autobauer die Information über einen betrunkenen Autofahrer an die Polizei weiterleiten? Wie privat sind eigentlich die Fahrdaten? Wer hat darauf Zugriff? Muss der Fahrer der Auswertung zustimmen? Das sind Fragen, die noch weitgehend ungeklärt sind.

Auch Teslas sogenannter Wächtermodus, der mit Videoaufnahmen der Umgebung des Fahrzeugs Diebe abschrecken soll, ist unter Datenschützern umstritten.

Wie tief die Kontrolle in die Privatsphäre eingreift, zeigt ein Radarsystem, dass das israelische Start-up Caaresys entwickelt hat: Es erkennt anhand von Sensoren nicht nur die Zahl der Insassen, sondern erfasst auch ihre Herz- und Atemfrequenz. Das System weiß also genau, ob der Fahrer mal wieder mit Schnappatmung in der Rushhour unterwegs ist und möglicherweise aufgrund der Verkehrslage gereizt ist und zu aggressivem Fahren neigt. Das mag der Sicherheit dienen. Doch mit der Anonymität im Auto ist es ein für alle Mal vorbei.