Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Film: Die US-Firma Three Square Market kündigte an, ihre Mitarbeiter mit Mikrochips auszustatten, mit denen die Angestellten kontaktlos Türen öffnen, Snacks kaufen und sich in ihren Computer einloggen können. Das Unternehmen – ein Softwareentwickler für Verkaufsautomaten – bietet seiner Belegschaft im Rahmen eines freiwilligen Pilotbetriebs die Option an, sich einen RFID-Chip zwischen Daumen und Zeigefinger verpflanzen zu lassen.

50 Mitarbeiter sollen sich für den Test bereits angemeldet haben. Die Kosten in Höhe von 300 Dollar trägt das Unternehmen. „Diese Technologie wird standardisiert sein und Ihnen ermöglichen, den Chip als Passdokument, Ticket im öffentlichen Nahverkehr und zum bargeldlosen Bezahlen für Einkäufe zu nutzen“, wird Unternehmenschef Todd Westby in einer Pressemeldung zitiert.

Three Square Market ist nicht das erste Unternehmen, das auf die Technologie zurückgreift. Im April wurde bekannt, dass das schwedische Start-up Epicenter seinen Angestellten einen Mikrochip in der Größe eines Reiskorns implantieren ließ. Der Chip fungiert als eine Art Schlüsselersatz: Man kann im Handumdrehen Türen öffnen, Drucker betätigen oder Smoothies kaufen. Der Gründer und Chef des Unternehmens Patrick Mesterton nannte den größten Nutzen Bequemlichkeit. Man bräuchte keine Schlüssel mehr mitzubringen oder eine Karte aufladen. Außerdem kann niemand seinen Chip vergessen.

Lückenlose Überwachung

Doch die Verdrahtung von Angestellten birgt auch Risiken. Datenschützer befürchten, dass Arbeitgeber die Daten auslesen und ihre Mitarbeiter überwachen können. Wer betritt wann welchen Raum? Wer kopiert wie viel Blatt Papier? Wer ernährt sich hauptsächlich von ungesunden Süßigkeiten? Das sind wohl eher noch die harmloseren Fragen. Zwar betont Three Square Market, dass die Technologie nicht zum GPS-Tracking genutzt werde. Doch klar ist auch: Mit Mikrochips ließe sich eine lückenlose Überwachung ermöglichen.

Der Mineralölkonzern BP hat unter seiner Belegschaft 24 000 Fitbit-Tracker verteilt. Im Rahmen eines „Wellness-Programms“ können die BP-Mitarbeiter für verschiedene Aktionen Punkte (sogenannte Wellness-Punkte) sammeln. Wer zum Beispiel eine Million Schritte geht, erhält 500 Wellness-Punkte. Wer sich einem biometrischen Screening unterzieht, bekommt auf einen Schlag 125 Punkte. Die Logik: Wer sich überwachen lässt, wird belohnt. Zwar basiert das Wellness-Programm genauso wie die Verpflanzung von Mikrochips auf Freiwilligkeit. Doch der Voluntarismus des Self-Trackings kann leicht in eine Pflicht oder gesellschaftliche Erwartung umschlagen. Allein, einen Mikrochip kann man nicht so einfach ablegen wie ein Fitness-Armband. Mit dem Chip wird der Arbeiter zum Cyborg.

Die Vorreiter dieser Entwicklung war die Biohacking-Community. Die Mitglieder betrachten ihren Körper als Quellcode und wollen ihn mit Mikrochips auf die nächste evolutive Stufe heben. Die Vision einer Mensch-Maschine wurzelt im Transhumanismus und in der Kybernetik. Für den Psychologie-Professor und Drogen-Guru Timothy Leary war der menschliche Geist vergleichbar mit einem Biocomputer, der sich mit LSD neu programmieren ließe. Der Körper wird trainiert, modelliert, optimiert. Defizite und Verschleißerscheinungen werden mit Implantaten und Prothesen korrigiert. Dieses materialistische Denken hat längst auch bei den Tech-Konzernen im Silicon Valley Raum gegriffen.

Gehirn mit der Cloud verbinden

Der Google-Futurist Ray Kurzweil sagt voraus, dass bis 2030 Nanoroboter ins Gehirn eingesetzt werden, die unseren Neocortex mit der Cloud verbinden. Und Tesla-Gründer Elon Musk propagiert, dass der Mensch sich zum Cyborg aufrüsten müsse, um mit der künstlichen Intelligenz Schritt halten zu können. Wer glaubt, das seien nur Träumereien von ein paar Tech-Gurus, sieht sich durch den Markt widerlegt. Musk hat erst kürzlich das Start-up Neuralink gegründet, das an Hirnimplantaten forscht, die es langfristig möglich machen sollen, Menschen mit Computern zu vernetzen. Datenbrillen und Mikrochips sind nur der erste Schritt zur Cyborgifizierung des Arbeiters.

Der Cyborg-Angestellte, der auf Knopfdruck funktioniert und dessen Leistungsdaten auslesbar sind, ist der Traum des Kapitalisten. Die Digitalisierung gibt Unternehmen immer mehr Werkzeuge an die Hand, ihre Mitarbeiter zu kontrollieren. Es braucht keinen zentralen Aufseher mehr wie in den Fabriken des Frühkapitalismus, um die Arbeitsschritte zu überwachen – die Belegschaft macht das selbst.