Berlin - Zum Jahreswechsel wird viel getrunken. Erst fließt Glühwein in Strömen, später Sekt. Man könnte annehmen, dass in diesen Tagen auch die Gefahr schwerer Unfälle zunimmt, unter anderem im Straßenverkehr – wegen des Alkohols und der größeren Müdigkeit nach ausgedehnten Feiern. Doch wie ein Wissenschaftler feststellt, sind nicht Weihnachten oder Silvester die gefährlichsten Tage des Jahres, sondern der 1. Mai.

Seit zwanzig Jahren sammelt das Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) Daten über schwere Unfälle. Mehr als 150 000 Einzelfälle intensivmedizinisch versorgter Patienten aus über 600 Kliniken sind dokumentiert. Die anonymisierten Daten sollen den Kliniken aus ganz Europa unter anderem Rückmeldungen über die Qualität ihrer Behandlungen geben. Jährlich kommen 35 000 neue Fälle hinzu. Der Medizinstatistiker Rolf Lefering hat die Daten ausgewertet. Er ist Professor am Institut für Forschung in der Operativen Medizin der Universität Witten/Herdecke.

Der Frühling lockt die Menschen nach draußen

„Betrachtet man das Ranking der Jahrestage“, sagt Lefering, „dann fällt auf, dass zwischen Weihnachten und Neujahr erstaunlich wenige Unfälle passieren.“ Nicht betrachtet werden dabei die vielen Verletzungen mit Feuerwerkskörpern. Diese sind meist leicht und müssen nach Aussagen des Forschers selten intensivmedizinisch versorgt werden. Also werden sie vom Traumaregister nicht erfasst. Schwere Unfälle, vor allem mit Fahrzeugen, passieren laut Statistik allerdings erstaunlich wenige. „Das könnte daran liegen, dass man vorsichtiger fährt, weil man seine Familie mit im Auto hat“, sagt Lefering.

Der 1. Mai allerdings sei der Tag, an dem die meisten Schwerverletzten in deutsche Krankenhäuser eingeliefert würden. „Das ist der Feiertag, an dem der Frühling viele Menschen nach draußen lockt. Motorradfahrer drehen wieder die ersten Runden nach dem Winter, oft in großen Gruppen, wo jeder zeigen will, was er noch drauf hat.“ Außerdem seien massenhaft Fußgänger unterwegs, und viele Menschen schauten ruhig mal etwas tiefer ins Glas – „eine ungute Kombination“, erklärt Rolf Lefering.

Unter den „Top Ten“ der Tage mit den meisten schweren Unfällen findet sich neben dem 1. Mai auch ein weiterer bundesdeutscher Feiertag: der 3. Oktober. Die übrigen kritischen Tage liegen alle im Sommer, wo vor allem durch Motorradfahrer die Unfallzahlen fast doppelt so hoch sind wie im Winter. Ein anderes Ergebnis der Auswertung: Es gibt keinen belegbaren Einfluss der Mondphasen auf die Unfallhäufigkeit. Rolf Lefering: „Alles, was über die psychische oder psychologische Dimension des Vollmondes so in Umlauf ist, kann ich als Statistiker in den Unfalldaten nicht wiederfinden.“ (BLZ)