Untersuchung des Gehirns: Darum war Albert Einstein ein Genie

Ein genialer Mann muss auch ein außergewöhnliches Gehirn haben. Diese These versuchen Forscher seit nunmehr fast sechs Jahrzehnten zu beweisen. Objekt ist das Gehirn von Albert Einstein, das gewogen, kartiert und schon kurz nach dem Tode in einzelne Gewebeblöcke und Schnitte aufgeteilt wurde.

US-amerikanische und chinesische Forscher haben jetzt in einer Studie festgestellt, dass Einsteins Hirnhälften außergewöhnlich stark miteinander verknüpft waren. Sie werteten dafür detailgenaue Fotos aus, die der Pathologe Thomas Harvey nach der Entnahme von Einsteins Hirn gemacht hatte. Diese waren jüngst wieder aufgetaucht und liegen heute im National Museum of Health and Medicine, dem amerikanischen Nationalmuseum für Gesundheit und Medizin.

Die Evolutions-Anthropologin Dean Falk von der Florida State University hatte sich bereits 2012 intensiv mit den Fotos beschäftigt. Nun nutzte der chinesische Physiker Weiwei Men diese Bilder für die Anwendung einer neuen Analysetechnik. Er maß die Dicke einzelner Nervenstränge des Corpus Callosum und versah sie mit Farben.

Das Corpus Callosum wird auch als Hirnbalken bezeichnet. Es ist eine große querlaufende Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften und besteht aus etwa 250 Millionen Nervenfasern. Je dicker Strang ist, desto mehr Nervenfasern enthält er – und desto besser sind die Hirnhälften in einzelnen Arealen miteinander verbunden.

Gemeinsam werteten die Forscher das Ergebnis anhand der Farbcodes aus. Ihr Fazit, das sie nun in der Fachzeitschrift Brain zogen: Eine ungewöhnlich starke Verknüpfung beider Hirnhälften weist auf Einsteins überragende Intelligenz hin. Die intensive Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften bildet eine wesentliche Grundlage für kreatives, ganzheitliches Denken. Ein besonders ausgeprägtes Corpus Callosum ermöglicht das intensive Zusammenspiel der eher emotional und bildhaft arbeitenden rechten Hirnhälfte mit der eher fürs Rationale, Analytische und die Sprache zuständige linke Hirnhälfte.

Erst im vergangenen Jahr hatte die Evolutions-Anthropologin Dean Falk die vierzehn bis dahin unveröffentlichten Fotos aus dem Jahre 1955 ausgewertet, gemeinsam mit dem Neurologen Frederick Lepore und Adrianne Noe vom amerikanischen Nationalmuseum für Gesundheit und Medizin. Die Forscher stellten fest, dass Einsteins Gehirn keine Kugelform hatte – anders, als oft behauptet wurde. Zugleich bemerkten sie die ungewöhnliche Gestalt einiger Teile des Hirns. Besonders ausgeprägt war Einsteins Vorderhirn. Dieses, auch präfrontale Cortex genannt, ist ein evolutionär junger Teil des Gehirns und zuständig für die Kontrolle von Emotionen sowie das Planen von Handlungen.

Die Forscher fanden zudem eine Asymmetrie der Schläfenlappen. Das spreche für kreative Intelligenz, schrieben sie. Vergrößerte Areale in diesem Bereich wiesen ihrer Meinung nach auf Einsteins großes visuell-räumliches Abstraktionsvermögen hin. Ohne dieses hätte er sich gewiss kaum jene Gedanken machen können, die zur Relativitätstheorie führten. Eine „Beule“ im rechten motorischen Cortex soll vom frühen Geigenüben stammen. Auch die motorischen Areale, die die Mimik steuern, seien stark ausgebildet, so die Forscher.

Einsteins Hirn war übrigens nicht besonders schwer, sondern eher ein Leichtgewicht. Es wog nach dem Tod 1 230 Gramm. Das entspricht einem Gewicht von 1 352 Gramm zu Lebzeiten. Ein erwachsener Mann hat durchschnittlich eine Hirngewicht von 1 400 Gramm.

Die Fotos, die die Forscher auswerteten, hatte der Pathologe Thomas Harvey einst mit einer Schwarz-weiß-Kamera gemacht. Der aus Kentucky stammende Pathologe erwarb zweifelhaften Ruhm dadurch, dass er Einsteins Hirn nach dessen Tod entnahm, obwohl Einstein selbst verfügt hatte, dass er verbrannt werden wolle. Seine Asche sollte an einem unbekannten Ort verstreut werden.

Albert Einstein war am 18. April 1955 im Alter von 76 Jahren im Princeton Hospital an inneren Blutungen gestorben, verursacht durch ein geplatztes Aneurysma in der Hauptschlagader. Bei der Obduktion entnahm Thomas Harvey das Gehirn, um es der Nachwelt für Forschungen zu erhalten, wie er später sagte. Wohl auch aufgrund seiner eigenmächtigen Entscheidung verlor Harvey später seine Approbation und musste sich als Fabrikarbeiter durchschlagen. Einsteins Hirn hatte er in 240 Teile zerkleinert und in zwei Einweckgläser untergebracht. Später fertigte er viele Dünnschnitte fürs Mikroskop an, woraus eine umfassende Dia-Serie entstand. Einsteins Familie war nicht einverstanden, stimmte aber nachträglich zu, das Gehirn für wissenschaftliche Zwecke zu untersuchen. Erst Jahrzehnte nach dem Tode Einsteins stellte Harvey es auch anderen Forschern zur Verfügung.

Von den Fotos, die er gleich bei der Sektion 1955 machte, profitieren Wissenschaftler bis heute. Nachdem die neueste Studie nun zeigte, dass auch Einsteins Hirnbalken besonders gut ausgeprägt war, verglichen die Forscher das Ergebnis mit den Gehirnbildern von 67 anderen Menschen, die dafür mittels Magnetresonanztomographie untersucht wurden. Das Ergebnis: Einstein besaß im Vergleich zu allen Untersuchten – egal ober jünger oder älter – ausgeprägtere Verbindungen zwischen den beiden Hirnhälften.