Religion bedeutet mehr, als nur zu glauben oder einer Weltanschauung zu folgen. Sie dient auch ganz konkret organisatorischen Anforderungen des Zusammenlebens und spiegelt damit die Lebenswirklichkeit von Menschen wider. Das war schon im alten Ägypten so. Der Kult um den Gott Osiris zum Beispiel offenbart eine ausgeprägte Verbindung zwischen Mythos, Menschen und deren Umwelt. Einen Einblick in den Kult gibt zurzeit eine Ausstellung in Paris.

Der französische Unterwasserarchäologe Franck Goddio stellt im Institut du Monde Arabe – ein paar Schritte entfernt von der Kathedrale Notre Dame im Zentrum der Stadt – neue Funde aus dem Golf von Abukir an der Mittelmeerküste Ägyptens vor. Die Ausstellung „Osiris. Mystères engloutis d’Égypte“ („Osiris. Versunkene Geheimnisse Ägyptens“) zeigt Goddios Forschungsergebnisse der vergangenen sieben Jahre. Seit 1996 unterhält er im Mündungsdelta des Nils Ausgrabungen.

Der Osiris-Mythos gilt als einer der wichtigsten des alten Ägyptens. Er war unlösbar mit einem Totenkult verbunden. Osiris ist der Gott des Jenseits, der Wiedergeburt und des Nils. Seine Wirkung entfaltet sich auch im Kreislauf der Natur, in der sich erneuernden Vegetation und in der Nilflut. Allerdings ist kein Text überliefert, der den Mythos komplett beschreibt. Goddio sagt: „Außer auf Fresken in Tempeln, auf Stelen und in einem kurzen Text des griechischen Historikers Plutarch wusste man fast nichts über den Mythos von Osiris.“

Auch die Riten und die öffentlichen Feierlichkeiten zu Ehren des Gottes seien von den ägyptischen Priestern über viele Jahrhunderte geheim gehalten worden. In der heute versunkenen Stadt Thonis-Heraklion – rund 30 Kilometer nordöstlich der ägyptischen Hafenstadt Alexandria – hat Goddio Hinweise darauf gefunden, wie Prozessionen zu Ehren des Jenseitsgottes ausgesehen haben.

Zwischen Thonis-Heraklion und der 3,5 Kilometer entfernten und heute ebenfalls überspülten Hafenstadt Kanopus hat er mit Kollegen den Kanal entdeckt, auf dem jährlich im Monat Khoiak – nach heutiger Rechnung im Herbst – die Osiris-Mysterien stattgefunden haben. Thonis-Heraklion war ein überregionales kultisches Zentrum. Die Stadt lag in einem zerklüfteten System von Inseln und Wasserwegen, die aus dem Nil ins Mittelmeer führten.

Tieropfer und Prozessionen

Anhand der Hölzer von gesunkenen Schiffen haben die Archäologen die Blütezeit der beiden Städte in den Zeitraum zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert vor Christus datiert, also in die Spätzeit des alten Ägyptens und in die Phase der politischen und kulturellen Einflussnahme zunächst der Perser und später der Griechen.

Im Amun-Gereb-Tempel, zu Ehren des obersten Gottes der Altägypter, Amun, errichtet, bewahrte man eine für die Prozession wichtige Figur des Osiris auf. In Kanopus befand sich das Osiris-Heiligtum. Goddio und seine Kollegen entdeckten in den Straßen entlang des Kanals zwischen beiden Städten Ritualgefäße, Zeremonial-Beigaben und Überreste von Tieropferungen. Der Abgleich der Funde mit Inschriften gab Aufschluss über wesentliche Bestandteile der Prozessionen während der Feiern zu Ehren des Osiris.

Offenbar fanden die Feiern über mehrere Tage statt. Die Prozessionen wurden in Holz- und Papyrusbooten abgehalten. Klar sei, sagt Goddio, dass die Spenden und Opfergaben zu beiden Seiten des Wasserwegs angeordnet wurden. Die heilige Figur des Osiris aus dem Amun-Gereb-Tempel sei in einem Boot am 29. Tag des Khoiak über den Kanal nach Kanopus gefahren. Der Monat Khoiak entspricht nach heutigem Kalender dem Oktober und November. Am 29. Khoiak wurde der Tag gefeiert, an dem Isis der Mythologie zufolge das Herz des zerstückelten und in der Landschaft verteilten Körpers des Osiris fand, bevor sie ihren Gemahl wieder zum Leben erweckte.

#textline1

Goddios Team hat die Reste eines solchen Prozessionsbootes im Sediment am Grund des Kanals gefunden. Es handelt sich um den Kielboden einer elf Meter langen Barke aus Sykomore-Holz. Dieses Holz wurde von den alten Ägyptern offenbar mit der Wiedergeburt in Zusammenhang gebracht. „Es handelte sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein heiliges Gefährt“, sagt Goddio. Das Schiff sei absichtlich zwischen zwei Altären beiderseits des Kanals versenkt worden.

Aus Goddios Ausführungenlässt sich schließen, dass das Versenken des Bootes eine rituelle Handlung darstellt. Die Handlung könnte als Zeichen für die Wiedergeburt nach dem Tod stehen. Genauso wie die Fruchtbarkeit des Landes noch heute durch die Überschwemmungen des Nils erneuert wird, stünde der auf der Barke im Nil versenkte Osiris von den Toten auf, nachdem er die Unterwelt durchfahren hat. Er würde dabei laut altägyptischer Vorstellung denselben Weg nehmen wie die Sonne. Täglich geht sie wieder auf und spendet Leben, nachdem sie am Abend zuvor in die Unterwelt abgestiegen ist und deren Gewässer auf der Sonnenbarke durchfuhr. Das Göttliche des alten Ägyptens findet sich vor diesem Hintergrund auch in der Landschaft wieder. Der Osiris-Mythos überträgt die Mythologie lediglich auf die Betrachtung der Natur und ihre kontinuierliche Erneuerung.

Goddios Forschungsprojekte sind aufwendig. Zwar finden die Arbeiten lediglich in einer Tiefe von bis zu zehn Metern statt. Das Wasser ist recht warm, und relativ viel Sonnenlicht dringt bis auf den Grund – zumindest solange nicht zu viele Sedimente aufgewühlt sind. Trotzdem ist die körperliche Belastung für die Ausgräber enorm. Die Ausrüstung der Taucher ist teuer, die Planung kompliziert und die Durchführung von Wetter und Wellen abhängig.

Wirtschaft und Wissenschaft

Der französische Forscher hat jedoch Möglichkeiten, von denen andere Unterwasserarchäologen meist nur träumen. Mit der Hilti-Foundation – einer gemeinnützigen Stiftung der Liechtensteiner Werkzeugmacher-Familie Hilti – steht ihm ein zahlungskräftiger Partner zur Seite. Dadurch ist es ihm möglich, den Einsatz von Schwimmkränen zu finanzieren, um tonnenschwere Kolossalstatuen und Granitstelen zu bergen und die Taucher erstklassig auszustatten. Das Resultat des Zusammenwirkens von Wirtschaft und Wissenschaft zeigte Goddio zuletzt 2006 in einer fulminanten Wanderausstellung unter anderem im Berliner Martin-Gropius-Bau. Goddio integrierte damals auch Filmdokumentationen in die Ausstellung. Die Inszenierung der Ausgrabung war ein Teil seiner Methode. Schon unter Wasser wurden die Funde speziell ausgeleuchtet und die Ausgräber in Pose gesetzt.

In der Pariser Ausstellung präsentiert Goddio diesmal nicht so sehr eine spektakuläre Grabung. Er bettet die Objekte in einen archäologisch-kulturwissenschaftlichen Zusammenhang. Deshalb zeigt er zusätzlich zu den rund 250 Objekten aus dem Golf von Abukir 43 Stücke aus verschiedenen Museen in Kairo und Alexandria, die erstmals überhaupt außerhalb ihrer Heimat-Museen zu sehen sind.

#textline2

Den wissenschaftlichen Ansatz untermauert Goddio darüber hinaus mit einem Tagungsband, den er mit dem Direktor des Oxford Centre for Maritime Archaeology, Damian Robinson, im Oktober herausgegeben hat. In ihm sammeln die beiden die Aufsätze von 16 Unterwasserarchäologen, die sich an Goddios Ausgrabungen beteiligen und die sich im März 2013 zu einer Tagung in Oxford getroffen haben.

Goddio beschreibt in dem Band eine „Topografie der Heiligkeit“ im Nildelta: „Diese lange nautische Prozession zwischen Thonis-Heraklion und Kanopus ist eines der bemerkenswertesten und überwältigendsten Beispiele von religiösen Praktiken, die einer spezifischen Landschaft angepasst wurden.“

Eröffnet wurde die Ausstellung in Paris im September von Frankreichs Präsidenten François Hollande. Ob sie auch in Deutschland zu sehen sein wird, ist noch nicht absehbar. Das sei derzeit nicht geplant, sagt Goddio.