Im Jahre 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Bevölkerung wächst, während die Ressourcen des Planeten gleichbleiben oder schrumpfen. Wälder müssen Ackerflächen weichen, Monokulturen verdrängen natürliche Biosphären, kostbares Frischwasser wird für die Bewässerung der Ernten genutzt.

„Wir sind hier, um genau diese Probleme zu lösen und die Lebensmittelindustrie mit Innovationen aus dem Techbereich zu verbessern“, verkündet Bastian Schwithal, Gründer des Berlin FoodLab.

„Wir sind relativ hipsterfrei“

Schwithal spricht in der Blogfabrik, das ist eine 500 Quadratmeter große Industrie-Etage und ein experimenteller Thinktank sowie Co-Working Space mitten in Kreuzberg. Auf blank polierten Holzböden und unter Neonkunst treffen sich an diesem Tag 18 Experten zum „Food and Tech Summit“ des Berlin FoodLab, um über Superstar-Salatköpfe und Bananen-Start-ups zu diskutieren.

Ema Paulin ist eine von ihnen. Sie habe schon immer eine Firma zum Anfassen gründen wollen, erzählt die 29-Jährige und nickt ins Scheinwerferlicht. „Und ich versichere, wir sind relativ hipsterfrei“. Sie lacht, die Leute in den Stuhlreihen lachen zurück.

Anfang des Jahres gründete sie mit ihrem Co-Founder Leandro Vergani „Good Bank“, das erste Vertical-Farming-Restaurant Berlins, direkt am Alexanderplatz. Schon bald soll eine zweite Filiale entstehen. Vertikale Landwirtschaft oder Vertical Farming gilt als Sonderform der urbanen Landwirtschaft.

Basierend auf Kreislaufwirtschaft und Hydrokulturen unter Gewächshausbedingungen sollen in Gebäudekomplexen auf mehreren übereinander gelagerten Ebenen ganzjährig Früchte, Gemüse, essbare Speisepilze und Algen erzeugt werden. Bei „Good Bank“ wächst das Gemüse vor den Augen der Kunden in rosa beleuchteten Kästen direkt hinter dem Tresen. „Am besten funktionieren Salat und Kräuter. Es ist gar nicht so kompliziert, wie’s klingt“, erzählt Paulin.

Neben ihr sitzt Claire Gusko von Infarm. Das Unternehmen versorgt Restaurants wie Good Bank mit den modularen Gewächshäusern. Mit einem kompletten Apparat an Sensoren und Rechnern, quasi einem Pflanzenbetriebssystem, werden die Gewächse auf mehreren Stockwerken optimal mit Nährstoffen, Wasser, CO2 , Wärme und dem richtigen Licht versorgt.

Die Daten laufen in einem Dashboard in Kreuzberg zusammen; von dort kann Infarm den Nutzern Optimierungsvorschläge und Anweisungen geben. Vertical Farming soll nicht nur der Gastronomie und der Industrie nutzen, sondern auch den Privathaushalten zugute kommen. „Man kann quasi auf zwei Quadratmetern in seinem Kleiderschrank Anbau betreiben“, erklärt Gusko.

Gerade in Städten müsse man Platz optimal nutzen. Vor allem in bevölkerungsreichen Ländern oder ökologisch problematischen Gegenden ist diese Form, auch Indoor Farming genannt, bereits beliebt: Weltweit sind rund 250 solcher Gewächshäuser in Betrieb, 200 davon allein in Japan. Seit dem Atomunfall von Fukushima schätzen die Japaner den zwar teuren, dafür aber garantiert unverstrahlten Salat aus den Pflanzenfabriken.

Jede Pflanze wächst außerdem nach individuellen Ansprüchen; in einem komplett geschlossenen System kann man die Bedingungen für die jeweilige Art kreieren. Lichtrezepte, angepasst an das Stadium des Wachstums, regulieren den Ertrag: Indoor-Farmen können schneller, pestizidfrei und von Schädlingen abgeschirmt produzieren. „Man spart Produktionswege, man garantiert Frische“, so Gusko. Man wäre plötzlich in der Lage, näher an die Stadt heranzurücken, die Infrastruktur werde entlastet und das Gemüse frisch beim Verbaucher ankommen.

Problem der Verschwendung

Trotz nachhaltiger Tech-Foods dürfe man jedoch nicht vergessen, dass der Preis in der Lebensmittelindustrie noch immer der Dreh- und Angelpunkt ist, betont Marie Ohnesorge vom ResQ Club, der sich für den nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln einsetzt. Eine Tomate, die unter künstlichem Licht gewachsen sei, könne sich preislich noch nicht mit den herkömmlichen Industrie-Produkten messen.

„Gerade in Berlin erleben wir eine Preissensibilität. Hier kann man ein Mittagessen für drei Euro kaufen. Das ist eine große Herausforderung für alle, die nachhaltiges, qualitativ besseres Essen anbieten möchten“, so Ohnesorge.

Gegründet 2016, beliefert das Start-up ResQ Kunden mit Mahlzeiten, die sonst von Restaurants weggeschmissen werden würden. Kunden erfahren per App, welche Restaurants in ihrer Nähe überschüssige Portionen haben und erstehen diese für einen geringeren Preis.

„Restaurants wiederum haben den Vorteil, dass sie keine Waren verlieren. Und wir freuen uns, dass weniger Nahrung verschwendet wird.“ Darin sind sich alle Referenten des Tech und Food Summits einig: Eines der größten Probleme der Lebensmittel-Industrie liegt in der Verschwendung.