Seit Mitte April steht fest: Im polnischen Schutzgebiet Bialowieza muss Ruhe einkehren. Die Rodungen dort verstießen gegen EU-Recht und seien sofort einzustellen, urteilte der Europäische Gerichtshof.

Für Naturschützer ist das eine gute Nachricht. Denn die Bäume von Bialowieza gehören zum wohl letzten Tiefland-Urwald Europas. Mit einer Fläche von 150.000 Hektar ist das Gebiet an der polnisch-weißrussischen Grenze fast zweimal so groß wie Berlin. Seit 1979 ist es durch die Unesco als Weltnaturerbe geschützt. Rund 9000 Pilz- und Pflanzenarten und mehr als 20.000 Tierarten gibt es dort. Darunter viele seltene Arten, wie der in Europa sonst kaum mehr vorkommende Wisent.

Seit März 2016 rodet die polnische Regierung große Flächen in dem Jahrtausende alten Biotop. Die von Borkenkäfern befallenen Bäume, zumeist Fichten, müssten abgeholzt werden, heißt es, um den gesunden Teil des Waldes zu schützen.

Borkenkäfer machen Licht

Experten wie Pierre Ibisch und Stefan Kreft von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung im brandenburgischen Eberswalde (HNEE) halten das Argument der polnischen Regierung für unbegründet. In fast jedem natürlichen Wald würden Fichten von Zeit zu Zeit von Borkenkäfern befallen. „Ein gesunder Wald heilt sich normalerweise von einer Borkenkäferpopulation von selbst“, sagt Stefan Kreft. „Zuerst greifen die Borkenkäfer die kranken Bäume an. Mit der Zeit haben sie es vermehrt mit den gesunden Bäumen zu tun, bei denen sie sich merklich schwerer tun,“ erläutert der Ökologe.

Zudem liefere das Totholz der durch die Borkenkäfer abgestorbenen Bäume viele Nährstoffe für neue Bäume und das gelichtete Kronendach lasse viel Licht für diese jungen Bäume durch. So können diese wieder gut wachsen und der Wald regeneriert sich von selbst. „Es entsteht ein Wald mit Bäumen die gegebenenfalls sogar besser an die neuen Bedingungen angepasst sind als die vorhergehenden Fichten“, sagt der Forscher. Das sei in Fachkreisen unumstritten.

Stefan Kreft war im Herbst 2017 mit einer Gruppe von Wissenschaftlern der Society for Conservation Biology in Bialowieza. Vor Ort habe sich eine ganz andere Situation gezeigt, als von offizieller Seite geschildert. Die Experten stellten fest, dass nicht nur die vom Borkenkäfer befallenen Fichten gerodet wurden, sondern auch Eichen, denen der Borkenkäfer gar nicht schadet.

Und noch etwas spricht gegen die Schädlings-Begründung: Überall in Bialowieza liegen gefällte Bäume – und das offensichtlich schon lange Zeit. „Wollte man den Wald wirklich schützen, hätte man das mit den Käfern befallene Holz schon lange aus dem Wald heraus schaffen müssen, um eine weitere Ausbreitung zu vermeiden“, sagt Kreft.

Gravierende Folgen befürchtet

Die dramatischen Rodungen der letzten Jahre waren demnach eher kommerziell motiviert. Das sagen auch die Aktivisten von Greenpeace und die polnischen Umweltschützer, die 2017 mit Demonstrationen und Blockaden gegen die Abholzungen protestierten. Mittlerweile hat Polen eingelenkt, zumindest teilweise. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Umweltminister Henryk Kowalczyk die Vorschrift zurückgezogen hat, die die Abholzung befallener Bäume in Bialowieza vorsah.

Doch schon die bisherigen Eingriffe könnten gravierende Folgen haben. Umweltschützer und Wissenschaftler sind sich einig, dass ausgedehnte Rodungen und der damit einhergehende Verlust von Feuchtigkeit den ganzen Urwald anfällig für seinen ärgsten Feind machen: den Trockenstress. Viele Wälder Europas verlieren Feuchtigkeit inzwischen nicht nur durch Rodungen, sondern auch durch die globale Erwärmung. Das birgt auch für die Forstwirtschaft enorme Verluste. Deshalb wollen Experten wissen, welche Baumarten Wälder am besten für die Zukunft rüsten.

„Wir müssen auch und gerade von alten Wäldern lernen, wie diese mit der zunehmenden Erwärmung und dem einhergehenden Trockenstress umgehen“, sagt Pierre Ibisch, der an der HNEE Professor für Naturschutz ist. Sein Team untersucht, wie Wälder je nach ihrer Beschaffenheit auf das lokale Klima wirken. Von diesen Erkenntnissen könnte dann auch die Forstwirtschaft profitieren. Urwälder sind ideal, weil sich in ihnen eine effektive Selbstregulation von Ökosystemen beobachten lässt. Sie wirken wie eine Klimaanlage und kühlen bei Tag und wärmen bei Nacht. Das liegt unter anderem an ihrem hohen Anteil an Biomasse und damit an Wasser.

Je mehr Biomasse, desto kühlere Luft

Die Biomasse bestimmen Ibisch und sein Team derzeit in einigen bewirtschafteten und unbewirtschafteten Wäldern in Deutschland. Zum Beispiel in den Heiligen Hallen, einem seit Mitte des 18. Jahrhunderts geschützten alten Buchenwald nahe der Mecklenburgischen Seenplatte.

In dem Gebiet, in dem seit 1950 kein Holz mehr entnommen wird, vermessen sie in Planquadraten Lebend- und Totholz. Daraus extrapolieren sie die Zahlen auf den ganzen Wald. Ibisch: „Je älter ein Wald ist, desto mehr Biomasse hat er und je mehr Biomasse im Wald vorhanden ist, desto mehr kann der Wald sich selbst und seine Umgebung kühlen.“

Diesen Effekt können die Waldexperten mit sogenannten Datenloggern messen, die die Lufttemperatur des Waldes das Jahr über aufzeichnen. Aktuelle Messwerte zeigten, dass in dem alten unbewirtschafteten Buchenwald an den wärmsten Tagen die Höchsttemperaturen bis zu 10 und 12 Grad Celsius kühler sind als in den nahe gelegenen bewirtschafteten Kiefernforsten, berichtet Ibisch. Eine hoher Anteil von altem Wald in der Landschaft könnte also der Erwärmung eindeutig entgegenwirken. Dies käme auch Land- und Forstwirtschaft zugute.

Nutzen ohne Nutzung

Alte Wälder haben noch mehr Vorteile: Sie stellen sauberes Grundwasser bereit, reinigen die Luft, speichern Kohlenstoff und beherbergen bedrohte Arten. Allerdings liegt in Deutschland der Anteil an ungenutzten Wäldern gerade mal bei zwei Prozent. Ibisch sieht daher auch hierzulande dringenden Handlungsbedarf. Ein Wald ohne Holznutzung sei nicht stillgelegt, sagt Ibisch: „Wir müssen endlich begreifen, dass wir gerade vom Schutz alter Wälder profitieren können.“ Die Zeit dränge, mahnt der Experte. Denn die Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung sieht vor, bis 2020 fünf Prozent der Wälder einer natürlichen Entwicklung zu überlassen.