Im Säulensaal des Roten Rathauses gibt es an einer Wand eine Inschrift, die dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) besonders gefällt. Es ist ein Zitat der französischen Schriftstellerin Madame de Staël. Sie war im Jahr 1804 für einige Monate in Berlin und konstatierte: „Dem Schauspiel, das Berlin gewährte, kam in Deutschland kein anderes gleich. Berlin kann sich als ein Brennpunkt der Aufklärung und des Lichtes betrachten. Wissenschaften und Künste sind im Flor.“ Das gilt nach wie vor, findet Müller, der in der rot-rot-grünen Koalition auch Senator für Wissenschaft und Forschung ist. Im Jahr 2018 blühen und gedeihen Wissenschaft und Künste ebenfalls. Davon kann man sich überzeugen bei der Langen Nacht der Wissenschaften am 9. Juni.

Herr Müller, letztes Jahr haben Sie die Lange Nacht der Wissenschaften erstmals als Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator zugleich eröffnet. So wird es auch in diesem Jahr sein. Waren Sie davor schon mal bei dem Großereignis?

Schon häufiger – mal privat, mal in meiner politischen Funktion. Wenn es geht, nehme ich die Gelegenheit stets wahr.

Was gefällt Ihnen an dem Event?

Man bekommt einen guten Überblick über die Wissenschaftslandschaft und erhält spannende Einblicke. Natürlich ist es nicht möglich, alle Einrichtungen zu besuchen, die einen interessieren. Aber an so einem Abend erlebt man doch ein breites Spektrum und große Vielfalt. Das ist einfach toll.

Was waren Ihre Highlights bisher?

Ich konnte am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Buch meinen Sohn besuchen, der dort eine Ausbildung zum Biologielaboranten absolviert hat. Es war interessant zu sehen, wo er gelernt und gearbeitet hat und mit welchen Themen man sich dort beschäftigt. Beeindruckt hat mich auch der Besuch im Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik in Dahlem. Dort konnte man in virtuelle Welten eintauchen und erleben, wie mit angewandter Mathematik und Informatik Simulationen für die medizinische Forschung entwickelt werden.

Seit vielen Jahren ist die Lange Nacht ein Besuchermagnet und zieht stets um die 30.000 Wissbegierige an. Wie erklären Sie sich diese ungebrochene Begeisterung?

Vermutlich geht es den meisten so wie mir: Sie sind neugierig und lassen sich gerne anstecken von der Begeisterung der vielen Menschen, die ihre Institutionen und ihre Arbeit mit viel Engagement präsentieren. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben, das erzeugt eine ganz besondere Atmosphäre. Man geht gemeinsam durch Wissenschaftseinrichtungen, kommt mit den Forschenden ins Gespräch. Da springt der Funke schnell über.

Welche Rolle spielt die Wissenschaft für Berlin?

Die Aufgaben, die Berlin vor sich hat, sind ohne Wissenschaft und Forschung gar nicht zu bewältigen. Berlin hat bald vier Millionen Einwohner. Es geht darum, den Wachstumsprozess zu begleiten, etwa mit neuen Konzepten für Mobilität oder nachhaltige Stadtentwicklung, neuen Technologien für die Smart City. Wir müssen der älter werdenden Gesellschaft neue medizinische Angebote machen und auch Veränderungen in der Arbeitswelt durch die zunehmende Digitalisierung gestalten. Wenn wir weiter gut zusammenleben wollen, brauchen wir wissenschaftliche Erkenntnisse.

Sehen Sie Veranstaltungen wie die Lange Nacht auch als gute Gelegenheit den Bürgern zu zeigen, wofür ihr Steuergeld verwendet wird?

Auch dazu sind sie wichtig. Denn wir benötigen die gesellschaftliche Akzeptanz dafür, dass wir einen großen Schwerpunkt auf die Wissenschaft legen. Die Politik und die Forschenden sind gemeinsam in der Pflicht zu vermitteln, dass das öffentliche Geld, das für ihre Bereiche ausgegeben wird, gut investiert ist.

Sind Hochschulen, Wissenschaft und Forschung für Berlin ein Kostenfaktor oder bringen sie Geld ein?

Gute Wissenschaft ist nicht umsonst zu haben. Allein die neuen Hochschulverträge kosten uns in den nächsten Jahren zusätzlich 650 Millionen Euro. Wir haben zudem ein Investitionsprogramm für Bau und Sanierung in Höhe von 2 Milliarden Euro aufgelegt. Das ist ein ordentlicher finanzieller Schritt. Aber es bringt auch etwas. Arbeitsplätze entstehen, Firmen siedeln sich an. Auch die Gründerszene, vor allem im digitalen Bereich, hängt damit zusammen. Sie ist in Berlin, weil sie bei uns das richtige wissenschaftliche Umfeld hat. Aber ich wehre mich dagegen, Kosten und Ertrag eins zu eins umzurechnen. Denn Wissenschaften, auch die Geisteswissenschaften, sind jenseits eines kommerziellen Erfolgs wichtig. Sie helfen uns etwa, den kulturellen Austausch miteinander zu pflegen, Erkenntnisse aus unserer Geschichte zu ziehen und andere Religionen besser zu verstehen. Diesen Wert kann man nicht in Geld beziffern.

Wird die Bedeutung der Wissenschaft für Berlin noch wachsen?

Ja, und wir wollen Berlin als Wissenschafts- und Innovationszentrum konsequent weiterentwickeln. Dabei spielt uns in die Hände, dass Berlin mit seiner Internationalität und Offenheit ein Anziehungspunkt ist für top Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt. Manche kommen hierher, weil sie in ihrem Land – traurigerweise – nicht mehr frei arbeiten können. Der Forschungsbereich gedeiht aber auch, weil Berlin als europäische Metropole wirtschaftlich interessanter wird. Und die Wissenschaft selbst spielt dabei eine zentrale Rolle.

Sehen Sie als Wissenschaftssenator bestimmte Themen, die die Forscher der Stadt verstärkt angehen sollten?

Die Wissenschaft muss sich frei entfalten, als Politiker will ich mich da nicht zu sehr einmischen. Es gibt aber zwei besondere Bereiche: Zum einen Gesundheit und Medizin, zum anderen Digitalisierung. Da setzen wir bereits Schwerpunkte und tun schon viel, etwa mit der Gründung des Berlin Institute of Health, des Einstein-Zentrums Digitale Zukunft oder des Deutschen Internet-Instituts. Mir ist aber wichtig, dass die Hochschulen ihre Profile und Forschungsakzente selbst entwickeln.

Ein Gedankenexperiment: Wenn Sie sich jetzt für ein Studium entscheiden müssten – was würden Sie wählen?

Ich würde mich heute wohl für Kunst- und Kulturgeschichte entscheiden. Wenn ich auf Reisen bin und andere Städte sehe, interessiert mich immer sehr, wie sich die Orte entwickelt haben, was es dort für kulturelle Einrichtungen gibt und wie sie entstanden sind. Aber damals, als 20-Jähriger, hätte ich wohl Astronomie studiert. Es war mein Kindheits- und Jugendtraum, etwas mit Raumfahrt zu machen.

Welche Tipps haben Sie für die diesjährige Lange Nacht? 

Bei mehr als 2000 Programmpunkten ist das eine schwierige Frage. Ich werde mir sicher etwas aus dem Bereich Digitalisierung aussuchen. Am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft gibt es zum Beispiel einen Vortrag über „Verantwortung und Macht in der digitalen Gesellschaft“. Spannend sind auch Veranstaltungen zur Digitalisierung in den Arbeitswelten. Oder die Diskussion an der Beuth Hochschule, ob Roboter unsere neuen Chefs werden. Auf alle Fälle bin ich zunächst bei der Eröffnungsveranstaltung an der FU, dieses Jahr mit Science Slams. Und ich kann nur empfehlen, vorab das Programm zu durchforsten. Die Lange Nacht der Wissenschaften hat mit Sicherheit für jeden etwas zu bieten.