Wenn das Internet gekappt wird: Gefahr für die Lebensadern der digitalen Welt

Die Lecks der Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 zeigen die Verwundbarkeit der maritimen Infrastruktur. Könnte Russland auch Seekabel ins Visier nehmen?

Querschnitt durch ein Tiefseekabel. In diesem Fall das Glasfaserkabel „Arctic Fibre“, das Großbritannien, die USA und Japan miteinander verbinden soll.
Querschnitt durch ein Tiefseekabel. In diesem Fall das Glasfaserkabel „Arctic Fibre“, das Großbritannien, die USA und Japan miteinander verbinden soll.dpa

Die Gaslecks an den beiden Nord-Stream-Pipelines haben die Verwundbarkeit maritimer Infrastruktur aufgezeigt. Auf den Meeresböden liegen aber nicht nur Gaspipelines und Stromkabel, sondern auch Telefon- und Internetleitungen: 436 Seekabel mit einer Gesamtlänge von 1,3 Millionen Kilometern sorgen dafür, dass wir streamen oder Videokonferenzen durchführen können. Diese Leitungen sind so wichtig wie Pipelines oder Stromtrassen – es sind die Lebensadern der globalen Digitalwirtschaft.

Was passiert, wenn diese digitalen Arterien unterbrochen werden, zeigte sich im Januar dieses Jahres im Südpazifikstaat Tonga: Durch den Ausbruch eines Untersee-Vulkans wurde das Seekabel, welches das Südseearchipel mit dem Festland in Australien verbindet, zerfetzt. In der Folge war die Inselgruppe mehrere Tage vom Internet abgeschnitten.

Zwar konnte über einen Satelliten auf Fidschi eine provisorische 2G-Internetverbindung hergestellt werden. Der Dienst war aber sehr langsam und störungsanfällig. Tagelang suchte die Crew eines Reparaturschiffes die zerstörten Kabelenden im Seebett mit einem Miniroboter ab, um diese schließlich zu bergen und an Bord neu zu verschleißen. Erst fünf Wochen später konnte die Internetverbindung wiederhergestellt werden.

Zerstörte Tiefseekabel: 75 Millionen Menschen ohne Internet

Bei den Seekabeln handelt es sich um Glasfaserkabeln am Meeresgrund, durch die Telefongespräche und Internetverbindungen geleitet werden. Sie sind von mehreren Schichten aus Stahldrähten, Kupfer und Plastik ummantelt und ungefähr so dick wie ein Gartenschlauch. Mit riesigen Transportschiffen werden die tonnenschweren, auf Spulen gerollten Kabel aufs Meer befördert, wo sie mithilfe spezieller Spülschlitten und Robotern in den Meeresboden eingepflügt werden.

In flachen Gewässern können die Kabel nicht mehr unter den Sand- und Schlickböden vergraben werden. Dort sind die Leitungen besonders verwundbar. Mit einfachem Gerät aus dem Baumarkt, etwa einem Bolzenschneider oder einer Säge, ließe sich das Kabel durchtrennen. Man versucht deshalb, den genauen Verlauf der Seekabel sowie ihre Anlandepunkte an der Küste möglichst geheim zu halten – nicht zuletzt, weil durch sie auch die Kommunikation von Nachrichtendiensten läuft.

Immer wieder kommt es an den unterseeischen Internetleitungen zu Störungen und Unfällen. 2008 zertrümmerte ein tonnenschwerer Schiffsanker vor der ägyptischen Mittelmeerküste mehrere Tiefseekabel. Die Folge: 75 Millionen Menschen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Südasien waren ohne Internet. Das ägyptische Kommunikationsministerium bat Bürger, offline zu bleiben, um dem Datenverkehr von Geschäftskunden Vorfahrt zu gewähren, in Indien blieb die Börse vorsorglich geschlossen.

Weltinformationssystem in Gefahr

Zuweilen kommt es auch zu Sabotageakten: So griff die ägyptische Küstenwache 2013 drei Taucher auf, die offenbar versuchten, vor dem Hafen von Alexandria unterseeische Kabel zu durchtrennen. Vor der ägyptischen Mittelmeerküste verlaufen mehrere wichtige Internetknoten, die Europa mit dem Nahen und Mittleren Osten verbinden. Angesichts der Pipeline-Lecks in der Ostsee erscheint der Sabotageversucht in neuem Licht. Die Frage ist: Könnte Russland versuchen, Seekabel zu attackieren, um einen Blackout zu provozieren?

Ganz unwahrscheinlich ist das Szenario nicht. So soll Russland vor zwei Jahren Agenten nach Irland geschickt haben, um die Meeresböden vor der irischen Küste zu inspizieren. Dort verlaufen zahlreiche Transatlantikkabel, die Europa mit den USA verbinden. Wie die Sunday Times unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, sollen die Taucher einer Spezialeinheit angehören.

Auch am Hafen von Dublin sollen Spionageaktivitäten stattgefunden haben. In der irischen Hauptstadt haben Techkonzerne wie Google, Apple und Facebook ihre Europazentrale. Würden diese Kabel beschädigt, käme es zu massiven Netzausfällen. Dienste wie Gmail oder Instagram wären vermutlich gar nicht oder nur teilweise verfügbar. Der irische Außen- und Verteidigungsminister Simon Coveney bestätigte Medienberichte, wonach die Regierung eine private Sicherheitsfirma zur Überwachung der Kabel anheuerte.

Die Sicherheitsbehörden sind maximal beunruhigt. Im Januar, noch vor der russischen Invasion in der Ukraine, warnte der britische Armeechef, Admiral Tony Radakin, dass Russland eine Gefahr für das Weltinformationssystem darstelle.

Russisches U-Boot in britischen Hoheitsgewässern

Der Grund, weshalb die britische Armeeführung so alarmiert ist, ist ein Ereignis aus dem Jahr 2020: Da krachte ein russisches U-Boot rund 300 Kilometer nördlich von Schottland in das Sonar einer Fregatte der Royal Navy. Die Kollision wurde zufällig von einem Filmteam des TV-Senders Channel 5 aufgezeichnet, das gerade zu Dreharbeiten für eine Dokumentation auf dem Schiff war.

Das 133 Meter lange Kriegsschiff, die „HMS Northumberland“, war gerade auf See, um russische U-Boote aufzuspüren, als die Crew von einem Alarm aufgeschreckt wurde. Die britischen Geheimdienste registrieren schon seit einigen Jahren eine Zunahme russischer U-Boot-Aktivitäten in ihren Hoheitsgewässern.

Der amerikanische Militärexperte Bert Chapman, der an der Purdue University in Indiana lehrt, hält russische Sabotageakte durchaus für möglich. „Ich wäre nicht überrascht, sollte Putin Datenkabel als Teil seiner hybriden Kriegsführung angreifen“, teilt er auf Anfrage mit. Man könne zwar nicht in Putins Kopf schauen, doch der russische Machthaber agiere angesichts der militärischen Niederlagen in der Ukraine immer verzweifelter. Die Sabotage von Internetleitungen könne „beträchtlichen Schaden“ anrichten, so Chapman.

Bedrohungen kommen auch aus der Tiefe des physischen Raums

Auch die US-Denkfabrik Atlantic Council geht davon aus, dass russische Akteure die physische Internet-Infrastruktur ins Visier nehmen könnten. So seien beim russischen Überfall auf die Krim 2014 als eine der ersten Kriegshandlungen Telefonleitungen des ukrainischen Monopolanbieters Ukrtelecom gekappt worden, was zu landesweiten Internetausfällen führte. Russische Angreifer könnten durch die Unterbrechung von Internetverbindungen „Panik und Unruhe“ verursachen, heißt es in der Szenarioanalyse.

Dass die kritische Infrastruktur akut gefährdet ist, beweisen auch die Sabotageaktionen gegen die Deutsche Bahn: Unbekannte hatten vor wenigen Tagen Kabel für den digitalen Zugfunk durchtrennt und fast den gesamten Bahnverkehr in Norddeutschland lahmgelegt. Wer hinter der Sabotage steckt, ist noch unklar, die Ermittlungen von Staatsschutz und Bundespolizei laufen. Eines aber machen die Angriffe deutlich: Die Bedrohungen kommen nicht nur aus dem Cyberspace, sondern auch aus der Tiefe des physischen Raums.