Schulkinder in Deutschland haben ihre Hausaufgaben in den vergangenen Monaten gerne am Smartphone erledigt.
Foto: dpa/Sebastian Gollnow

BerlinImmerhin: In den meisten Haushalten, in denen schulpflichtige Kinder leben, fand in der Zeit des Lockdowns und in den Wochen bis zu den Sommerferien digitaler Schulunterricht oder zumindest ein digitaler Austausch mit den Lehrkräften statt. Aber: „Perspektivisch müssen interaktive Formate der Normalfall sein. Der Versand von Arbeitsblättern per E-Mail ist ungenügend.“ Das sagt Helmut Krcmar, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität München, der sich seit Jahren mit digitalen Zeitphänomenen beschäftigt. 

Die Initiative D21 und die Technische Universität München (TUM) gehen in ihrer Studie „eGovernment Monitor“ seit Jahren den Phänomenen im Netz nach, in diesem Jahr gehörte die digitale Schulbildung dazu. Befragt wurden insgesamt 1005 Personen ab 18 Jahren in Privathaushalten in Deutschland, die das Internet nutzen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Studie eGovernment MONITOR 2020

Fast die Hälfte der Eltern gab in der Befragung an, dass sie unzufrieden damit waren, wie die Lehrer das digitale Lernen interpretiert haben. Nicht selten setzten die Lehrkräfte darauf, die Aufgaben einfach zu kopieren und dann an die Kinder zu verschicken. Wer Kinder im schulpflichtigen Alter hat, merkte schnell, dass die Kinder so den Kontakt zur Schule verloren, auch die Eigenmotivation ging zurück.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Studie eGovernment MONITOR 2020

Die Zahlen belegen, dass die Übermittlung der Lehrinhalte am häufigsten per E-Mails (81 Prozent) erfolgte, gefolgt von Videokonferenzen (44 Prozent) und Messengerdiensten (32 Prozent). Der Austausch von Materialien über einen Schulserver oder eine Lernplattformen kam etwas seltener zum Einsatz.

Sehr erstaunlich, dass es auch Schulen und Lehrer gab, die die Abholung von Lernmaterial in der Schule (16 Prozent) erwarteten oder auf die Übermittlung per Post vertrauten. „Die bestmögliche Unterstützung der Schüler beim digitalen Lernen darf nicht dem Zufall überlassen werden. Wir brauchen bundesweite Standards, um sicherzustellen, dass Lehrkräfte über notwendige Digitalkompetenzen verfügen“, forderte Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative D21.

Er wünschte konkret, dass das Aus- und Weiterbildungssystem zwingend ein „digitales ABC“ vermitteln müsse. „Die Defizite sind nun hinlänglich bekannt. Die ersten Wochen des Schulstarts werden zeigen, ob Lösungen gefunden werden und man die Krise als Chance nutzt, um moderne, zeitgemäße und krisenfeste Bildungs- und Lernformen zu etablieren“, sagte er. Krcmar ergänzte, dass der Lockdown bewiesen habe, dass es sehr schnell passieren kann, dass Schulen geschlossen werden müssen. Auf diese Situation müsse der Lehrbetrieb in Zukunft besser vorbereitet sein.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Studie eGovernment MONITOR 2020

Krcmar forderte in diesem Zusammenhang auch, dass die Digitalisierung neues Denken erfordere. Von dem unvergesslichen Medientheoretiker Marshall McLuhan stammt der Satz, dass die Menschen immer versuchten, die Zukunft mit dem Wissen aus der Vergangenheit zu deuten. Das gelinge nur selten oder gar nicht, war McLuhans Erkenntnis. Und so ist es wohl auch in Schule: „Alte Abläufe und Verhaltensmuster müssen neu interpretiert werden, um das volle Potenzial digitaler Technologien ausschöpfen zu können. Dies erfordert nicht nur die Schaffung der technischen Grundlagen, sondern auch angepasste institutionelle Strukturen und die Entwicklung neuer Kompetenzen bei allen Beteiligten“, sagt Krcmar.

Im weiteren Gespräch mit Krcmar wird deutlich, dass die Umsetzung eine große Herausforderung darstellt, weil viele Interessengruppen an Lösungsmodellen mitarbeiten müssen. Da sind nicht nur Lehrer und Schüler gefragt, auch im Bereich der digitalen Infrastruktur gibt es Entwicklungsbedarf. Beispiel: Lernplattform. Wer sich vorhandene Lösungsmodelle ansieht, stellt schnell fest, dass sie den hohen Ansprüchen einer Schüler-Generation, die nur das schnelle Leben mit Smartphones, Gruppenchats und rasanten Videos kennt, nicht gerecht wird. Die Angebote wirken oft grau und entsprechen eher den Ansprüchen der Erwachsenen.

Krcmar rät dazu, sich von der klassischen Vermittlung von Lehrstoffen zu verabschieden, stattdessen die Neigung zu digitalen Angeboten bei Kindern zu nutzen. „Gamification“ ist ein Stichwort, das in dem Gespräch mit dem Wissenschaftler fällt. Also die Möglichkeit, Kinder auf spielerische Weise und mit Belohnungssystemen zu motivieren. Auch berichtet er von der Möglichkeit, Computerspiele zu entwickeln, um beispielsweise Geschichtsunterricht spannender zu machen. Nicht zu vergessen: Erklärvideos. Warum ein Experiment aus dem Chemie-Unterricht nicht mit einer Smartphone-Kamera aufnehmen und dann den Kindern vorspielen? Da kommen dann auch die Anbieter von Lernmaterialien ins Spiel. Auch in diesem Bereich gibt es Nachholbedarf.

Dass der Schulapparat auch beweglich sein kann, zeigte die Nutzung von Videokonferenzen. Ungefähr die Hälfte der Befragten gab an, dass diese moderne Kommunikationsform auch für den Wissenstransfer genutzt wurde. Krcmar erinnerte daran, dass gerade der persönliche Kontakt – selbst dann, wenn er nur über Bildschirm möglich ist – die Kinder befähige, ihr Wissen anderen mitzuteilen, und ihnen die Möglichkeit bietet, von den Mitschülern zu lernen.  

Die technische Ausstattung in den Privathaushalten scheint in der Krisenzeit jedenfalls funktioniert zu haben.  Zu wenige oder zu alte Geräte nannten nur 14 Prozent der Befragten als Hürde. Die Nutzung digitaler Geräte für den Schulunterricht stieg von 66 Prozent vor auf 96 Prozent während der Corona-Zeit an. Das meistgenutzte Gerät war das Smartphone, gefolgt vom Laptop. In Berlin gibt es allerdings offensichtlich Schwierigkeiten mit der Infrastruktur an den Schulen. Der Tagesspiegel meldete, dass der Auftrag für den Anschluss der 700 allgemeinbildenden Schulen an das leistungsfähige Breitbandnetz bisher noch nicht durch den Senat vergeben worden ist, obwohl das längst hätte geschehen sollen.