Haifa - Wer Computerspiele mag, kennt den Effekt. Dieses Eintauchen in einen surrealen Raum, in dem die Wirklichkeit ausgeblendet ist und sich verrückte Abenteuer in einer Simulationswelt auftun. Die Steigerung dieses Erlebnisses bieten Virtual-Reality-Spiele. Mit einer klobigen Brille, die so aussieht, als ließe sie sich auch beim Tauchen verwenden, verabschiedet sich der Spieler komplett aus dem Alltag in die bunte Spielewelt.

Die Technik wird auch an der technischen Basis des Militärflughafens in Haifa genutzt, allerdings nicht, um zu spielen sondern um zu lernen. „Wir können damit jede Maschine, jegliche Konstruktion erstellen, so bildlich, als ob man sie tatsächlich vor sich hätte“, schwärmt Zahar Tsur, vom Rang her Oberleutnant in der israelischen Armee. „Schauen Sie selbst mal durch den Apparat. Sie werden sich fühlen, als ob Sie mitten im Geschehen sind.“  Zumindest das Auge gewöhnt sich beim Selbstversuch schnell an die virtuelle Realität. 

Militärdienst im Computerlabor

Kaum hat man das schwarze Headset vor das Gesichtsfeld geschnallt und die Steuergriffe in den Händen, lässt sich das Modell, in diesem Fall eine elektronische Antenne, aus jedem Blickwinkel inspizieren. Eine Armbewegung reicht und die Antennenkonstruktion dreht sich in die gewünschte Richtung. Noch ein Fingerklick und ein Laserstrahl erscheint, der die Einzelteile aufleuchten lässt. Hebt man dazu den linken Arm, so wie beim Blick auf die Uhr, wird die genaue Bezeichnung eingeblendet.

Das Ding ist freilich gewöhnungsbedürftig. Nur die Generation Z, also die jungen Menschen, die mit Computern aufgewachsen sind, scheint die nötige Koordination von Kopf und Knopfdruck ein Kinderspiel zu sein. Lior Kupersmidt, Chef der Entwicklungsabteilung, lacht. Nicht von ungefähr hat er bei der Einführung die Besucher gewarnt, dass „alle, die hier älter als 35 Jahre sind, technologisch gesehen schnell Kopfschmerzen bekommen“.

Die Ausbilder der Airforce-Ingenieure in Haifa setzen umso mehr auf Nachwuchsförderung. Zu dem Stützpunkt gehört neben der technischen Hochschule mit mehreren Hundert Studenten eine Sonderklasse, die eigene Programme entwickelt. Rund 20 Gefreite, Jungs wie Mädchen, alle im Alter zwischen 18 und 20 Jahren, leisten ihren Militärdienst im Computerlabor. Auch die Spezial-App für die VR-Brille wurde von ihnen ausgetüftelt.

„Generation Z“

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. So kann das Programm Probleme simulieren und einem angehenden Flugzeugtechniker vorführen, was zum Beispiel passiert, wenn während eines Flugs Luft aus der Maschine entweicht. Statt riesige Motoren zu zerlegen, kann er in der virtuellen Welt immer wieder aufs Neue die Komponenten auseinandernehmen, bis er die Funktionsweise im Schlaf beherrscht. Am Bildschirm lässt sich das zwar auch anhand beweglicher Grafiken studieren. Aber ähnlich wie bei einem Flugsimulator hat der Anwender das Gefühl, realitätsnah zu handeln. „Eine Erfahrung in der ersten Person Singular“, nennt das Kupersmidt.

„Die technologische Revolution ist im Gang“, sagt sein Vorgesetzter Tzur, „und wir sehen zu, dass wir uns an die neuesten Lösungen anpassen.“ Am besten gelinge das eben, indem man die „Generation Z“ heranlasse. Die jungen Computerfreaks in Uniform haben auch was davon. Jedem von ihnen winkt nach der Armee ein Job im privaten Start-up-Sektor. Entsprechend begehrt sind die Ausbildungsplätze der technischen Airforce-Basis in Haifa. „Werben müssen wir nicht“, bemerkt Tzur lakonisch. Geboten werde schließlich etwas, das die Universitäten als auch die Player der Hightech-Branche bislang vernachlässigten: ein an der Praxis orientiertes Training.

Herz und Maschine

Die Armee als „Hub“ der IT-Industrie? Ihren Erfolg verdankt die Start-up-Nation Israel nicht zuletzt den Innovationen jener, die zuvor in den Streitkräften gedient haben. Zu 80 Prozent, so wird geschätzt, kommen die Software-Genies, die mit lukrativen israelischen Start-ups Millionen gemacht haben, aus geheimdienstlichen Elitetruppen, Cybertech-Einheiten und eben aus der Luft- und Raumfahrttechnik.

Das Know-how, das sie mitbringen, ist für die zivile Nutzung interessant. Die VR-App aus Haifa, die für Oculus-Geräte geeignet ist, könnte sich ebenso in der medizinischen Ausbildung bewähren. Ob Herz oder Maschine, mit ihrer Hilfe ließe sich jedes komplizierte System inspizieren.