Der Spieler wacht in einer Almhütte auf, das letzten Sonnenlicht des Tages fällt auf das Holz der Tische und Vertäfelungen. Ein Wildschweinkopf hängt an der Wand, die Sitzbänke sind rustikal, es gibt eine gemütliche Schlafnische. Draußen das Gebirge – offenbar ein schönes Alpenpanorama. Bloß, dem Idyll wohnt der Horror schon inne: Wenn man aus dem einen Fenster schaut, sieht man einen Erhängten am Baum aufgeknüpft. Und es gibt noch ein Problem – wir sind eingeschlossen. Keine der Türen bewegt sich auch nur einen Zentimeter.

So beginnt „Pagan Peak“, aber was es ist, ist gar nicht leicht zu sagen. Ein Spiel? Ein interaktiver Horrorfilm? Eine Art Installation, die man verlassen muss, also ein räumliches Erlebnis? Am ehesten: von all dem Genannten ein wenig. Es ist jedenfalls so, dass ein Nachahmer des Serienkillers aus der Serie „Der Pass“ (Sky) eine dunkle, abgelegene Hütte für sein Opfer ausgesucht hat. Wie sich aus dieser bedrohlichen Situation nur befreien?

„Pagan Peak“ war zuletzt bei den Filmfestspielen in Venedig in der Kategorie „Virtual Reality“ nominiert. Als absolut großartig bezeichnete die Geschäftsführerin der Firma AnotherworldVR, Ioulia Isserlis die Nominierung, denn die Kuratoren in Venedig haben den Ruf, sich intensiv mit Virtual Reality zu beschäftigen, mehr noch als die Macher der Festivals in den USA.

VR-Spiel „Pagan Peak VR“: Berliner Studio nutzt Technik der Fotogrammetrie 

Und Helge Jürgens, Geschäftsführer vom Medienboard Berlin-Brandenburg, das das Projekt mit 100.000 Euro unterstützt hat, bezeichnete die Nominierung als hilfreiches Zeichen für den Standort Berlin. Denn Virtual Reality hat es noch schwer, sich bei den Konsumenten zu etablieren. Wer trägt schon gerne eine so schwere, dicke Brille, um in fremde Welten abzutauchen?

Das Spiel erscheint offiziell am 31. Oktober zu Halloween. Aber nun hat die Welt in Venedig es gesehen – unter anderem die Musikerin Laurie Anderson, die der VR-Jury der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica in diesem Jahr vorstand. Also wie gut ist die Kreation aus Berlins Mitte? Erstellt wurde die unheimliche Welt von „Pagan Peak VR“ von der Firma AnotherworldVR.

Die Berliner Entwickler verwenden die Technik der Fotogrammetrie, die im Videospielbereich gerade erst entdeckt wird. Dabei wird ein realer Ort in vielen Perspektiven fotografiert. Das Programm, das den virtuellen Raum erzeugt, baut all diese Bilder zusammen und so haben Gegenstände und Oberflächen ein besonders echtes Aussehen.

In Polen wird gerade an dem Game „Chernobylite“ gearbeitet, das dieselbe Technik verwendet, um das innere des kontaminierten Kraftwerks von Tschernobyl zu zeigen.

Aber das ist erst in Arbeit. „Pagan Peak VR“ ist nun eines der ersten Spiele, das den frappierenden Effekt dieser Technik zeigt: Die Welt des Spiels wirkt sehr real und sehr ungewöhnlich. Während Videospiele sich meist sehr glatter Texturen bedienen und ein wenig immer alle gleich aussehen, hat man hier das Gefühl, etwas ganz eigenes zu sehen. Die rustikalen Oberflächen, die sich sozusagen ganz nach deutsch-österreichischem Bergbarock anfühlen, erzeugen eine interessante Brechung mit dem sehr modernen Setting eines VR-Spiels.

Spiel von Berliner Studio: „Pagan Peak VR“ soll bei Festspielen in Venedig gut angekommen sein  

„Eine Hütte haben wir wirklich gescannt“, erklärt Isserlis. „Und danach wurde die virtuelle Welt noch digital weiter bearbeitet. Es steckt viel Arbeit drin, bevor man sich wie selbstverständlich darin bewegen kann.“ Dazu leuchtet das Berliner Team seine Sets so aus, dass es kaum Schatten gibt – baut diese dann später wieder ein.

Damit können sie wandern, ein Wechsel von Tag und Nacht wird realistisch möglich (und tatsächlich bricht bei Pagan Peak VR auch bald die Dämmerung herein, was alles noch viel unheimlicher macht).

Objekte werden eingefügt, die man aufheben und bewegen kann. Und der Sound muss auch stimmen – im Kopfhörer soll alles räumlich so klingen, wie es auch positioniert ist. Anotherworld hat daher auch ein eigenes Soundstudio im Keller.

Trotzdem ist das, was die Berliner mit ihren zehn Angestellten machen, ganz klar dem „Independent“-Bereich der Videospielwelt zuzuordnen. In Venedig soll „Pagan Peak VR“ gut angekommen sein – die Station war die ganze Zeit ausgebucht. Und viele Reaktionen waren laut, manch einer hat sich erschreckt und geschrien bei den gruseligen Momenten. Der Horror funktioniert.