Wenn man schon selbst hypnotisiert ist, sollte man dann auch noch sein Kind hypnotisieren? 
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„Nicht unser Kind!“, sagte ich damals im Spanien-Urlaub, als unser Sohn gerade mal ein paar Monate alt war und wir andere Eltern neben uns mit älteren Kindern im Restaurant beobachteten. Schlechte Eltern, die genüsslich Paella aßen, während ihre Kinder stumm hinter Tablets verschwanden. „So sind sie halt, die Briten“, höre ich mich noch sagen. „Ach nee, sind Schweden. Egal, nicht unser Kind! Niemals!“ Ich wippte den Jungen im Kinderwagen, lächelte entschlossen und der Urlaub ging weiter.

Anderthalb Jahre später sitze ich in einem Wohnzimmer in Grünau mit zwei Freundinnen und mein Junge schaut „Peppa Wutz“ auf dem Handy. Es ist sogar so, dass mein Sohn öfters etwas auf meinem Handy schauen darf. Wie lange genau, würde ich mich niemals trauen öffentlich zu sagen. Zum Beispiel, weil es manchmal wirklich sehr lange ist. Wenigstens kein Tablet!

Aber was ist zwischen Spanien und Grünau nur passiert? Ansichten, die sich ändern, mein Ich, das sich ändert, das Kind, das sich wirklich permanent ändert, aber hauptsächlich ist es heute wegen der Donauwelle. Ich sitze also in Grünau und esse Donauwelle. Selbst gebackene, mit Schokolade überzogene Donauwelle, die jede Minute „Peppa Wutz“ wert ist.

Verhalten des Kindes rechtfertigen

Denn mein Kind ist heute nicht gut drauf. Und wenn ich „nicht gut drauf“ sage, meine ich Tränen so groß wie der Teller vor mir, auf dem lange Zeit kein Stück Donauwelle lag, weil: kein Mittagsschlaf! Das Kind macht einen dermaßen großen Terz, meine Freundinnen schauen schon ganz irritiert und fragen, ob ihm vielleicht etwas weh tut. Kein Mittagsschlaf, sage ich, um das Verhalten meines Kindes zu rechtfertigen. „Ach so“, höre ich und „Oh, nein!“.

Alle gucken jetzt gespannt, wie ich die Situation löse. Auch der anwesende Hund schaut, als erwarte er Großes von mir. Tja. Mist. Keine Zeit für Experimente wie Malen oder Puzzeln. Ich zücke mein Handy und zack, das Kind verstummt. Es fängt sogar an zu lächeln, obwohl die tellergroßen Tränen immer noch über sein Gesicht laufen. Ich denke, das Gesicht meines Kindes ist ein expressionistisches Bild, lache aber nicht, weil die Lage ja ernst ist.

Ich erkläre: „Mama macht ganz kurz das Handy an. Ganz kurz nur!“ Eigentlich eine Ansage für alle anderen, damit es so aussieht, als wüsste ich, was ich da mache. Mein Kind greift gekonnt nach dem Handy, hält es so, dass seine Finger den Bildschirm nicht berühren und guckt sehr zufrieden.

Ich überlege, ob ich erwähne, wie gut die Geschlechterrollen in manchen Folgen bei „Peppa Wutz“ verteilt sind, spare mir aber jeglichen Kommentar und schlucke zusammen mit der Donauwelle meine Scham herunter. Mir ist das wirklich unangenehm. Unangenehm, weil ich es nicht anders geschafft habe, das Kind zu beruhigen. Unangenehm, weil mein Kind nun vor dem Handy hängt. Unangenehm, weil meine Freundinnen genau wissen, dass ich eine notorische Vor-dem-Handy-Hängerin bin. Wahrscheinlich ist es dann nur logisch, meinem Kind das Am-Handy-Hängen zu erlauben. Wahrscheinlich haben sie nichts dergleichen gedacht, trotzdem denke ich, dass sie das denken könnten. Vergessen wir aber bitte nicht die Donauwelle! Denn alle sind jetzt richtig glücklich, sie endlich essen zu können.