Berlin - Als der Kosmonaut Leonid Kisim zur Raumstation „Mir“ flog, war seine Frau schwanger. Sie brachte während Kisims Reise ein Mädchen zur Welt – während ihr Mann auf der „Mir“ sozusagen das Licht anschaltete, damals, am 15. März 1986. Er war Kommandant der ersten dreiköpfigen Besatzung der Raumstation. Die Kosmonauten haben Geschichte geschrieben, und die „Mir“ hat Pionierarbeit geleistet. Etwa  15 Jahre später ging das Licht auf ihr wieder aus. Am 23. März 2001 – genau vor 20 Jahren – wurde die Raumstation kontrolliert zum Absturz gebracht. Ein Anlass, an diese bedeutende Etappe der Raumfahrtgeschichte zu erinnern.

„Mir“ – das bedeutet übersetzt „Frieden“ oder „Welt“. Die Raumstation war aber in erster Linie eines: eine Demonstration von Macht und Technik. Sie zeigte, was die sowjetische Raumfahrttechnologie konnte und worin sie der des Westens zu jener Zeit weit überlegen war. In der „Mir“ steckten Wissen und Erfahrungen aus Jahrzehnten.

Eigentlich begann ihre Geschichte bereits in den 1970er-Jahren. Am 19. April 1971 wurde in Baikonur eine Proton-Rakete gestartet. An Bord war die allererste Raumstation der Welt: „Saljut 1“ – ein Modul von 13 Metern Länge, mit einem Durchmesser von etwa 4,8 Metern. Sie war klein im Vergleich zur späteren Raumstation „Mir“ oder zur heutigen Internationalen Raumstation ISS. Die Bedeutung von „Saljut 1“ liegt jedoch nicht in der Größe. Sie verkörpert vielmehr den Beginn der modularen Bauweise, die sich bis heute in der ISS wiederfindet.

Technologien für längere Aufenthalte

Mit dem „Saljut“-Programm kam die Sowjetunion den Amerikanern zuvor, nachdem sie den Wettlauf zum Mond verloren hatte. Sie vollbrachte eine Pionierleistung: die erste Raumstation! Das „Skylab“ der USA startete hingegen erst 1973 und verglühte bereits 1979 wieder in der Atmosphäre der Erde.

In das „Saljut“-Programm floss vor allem militärische Technik, die für zivile und wissenschaftliche Nutzung freigegeben wurde. Drei der Raumstationen – „Saljut 1“ bis „Saljut 5“ – waren militärischer Natur. Die sowjetischen Konstrukteure und Wissenschaftler sammelten mit ihnen viele Erkenntnisse für den Bau und Betrieb wieder auftankbarer Stationen in Modulbauweise, und sie erforschten Technologien für längere Aufenthalte des Menschen im All.

Den größten Erfolg hatten „Saljut 6“ und „Saljut 7“, die für solche längeren Aufenthalte von Kosmonauten konzipiert waren. Leonid Kisim, der spätere Kommandant der „Mir“, verbrachte 1984 bereits 234 Tage auf „Saljut 7“ im All – ein Rekord zu jener Zeit. 1986 hielt er sich erneut für 50 Tage dort auf. Ziel dieser Mission war es, die Ausrüstung zu sichern und zur „Mir“ zu bringen. Diese Reise stellt ein Novum dar. Ein Flug von Raumstation zu Raumstation – das hatte es zuvor nicht gegeben. Und auch seither nicht mehr.

Als die Sowjets im Februar 1986 ihr „Saljut“-Programm beendeten, kam die Stunde der Mir. Die „Saljut 7“ mit ihren beiden Kopplungsadaptern schwebte noch im Orbit, als das Basismodul der „Mir“ ins All gebracht wurde. Es bestand aus einer modifizierten Ersatzstation der „Saljut 7“, hatte sechs Kopplungsstutzen und war somit für den weiteren Ausbau im Weltall optimiert. Das Modul war 13,3 Meter lang und in vier Bereiche aufgeteilt: Durchgangsbereich, Arbeitsraum, Zwischenraum und Triebwerksraum. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts wurde die Raumstation direkt im Weltraum um weitere Module und einen Andockstutzen für das Space Shuttle der Nasa erweitert. So entstand nach und nach das größte von Menschen außerhalb der Erdatmosphäre gebaute künstliche Objekt jener Zeit.

Grafik: BLZ/Galanty

Auch die „Mir“ war nicht ununterbrochen bewohnt, aber man sammelte Erfahrungen mit dem Leben in der Schwerelosigkeit, und die Phasen, in denen menschliches Leben auf der „Mir“ einzog, wurden immer länger. Insgesamt lebten 125 Weltraumfahrer aus zwölf Nationen, darunter vier Deutsche, auf der „Mir“. Rekorde wurden gebrochen und der Grundstein für Langzeitaufenthalte in der Null-Gravitation gelegt. Diese Experimente und Erfahrungen – nicht zuletzt mit Bau und Betrieb in modularer Bauweise –, kamen später der ISS zugute. Auch aus den rund 1500 Pannen und Zwischenfällen, die es beim Betrieb der „Mir“ gab, konnten die Ingenieure und Raumfahrer lernen: So brach 1997 ein Feuer in der Sauerstoffanlange aus. Die Station wurde von einem jener „Progress“-Frachtraumschiffe gerammt, mit denen Nachschub zur „Mir“ gebracht und Abfall entsorgt wurden. Und Lecks gab es sowieso immer wieder zu stopfen.

Verglühen über dem Pazifik

1987 startete erstmals ein unbemannter Testflug der russischen Raumfähre „Buran“. Sie war eigentlich dazu gedacht, künftig an der „Mir“ anzukoppeln, doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das Programm aus finanziellen Gründen eingestellt. Stattdessen dockte 1995 erstmals das US-Space-Shuttle „Atlantis“ an. Geldmangel war letztlich auch der Grund für das Ende der „Mir“, die immer kostspielig und ein Prestigeprojekt gewesen war.

Die beiden Männer, die die „Mir“ zuletzt bewohnten, waren die Kosmonauten Sergej Saljotin  und Aleksandr Kaleri. Sie hatten bis dahin an der „Mir“ herumgebastelt, um sie fit für die Zukunft zu machen. Nun blieb es ihnen überlassen, gewissermaßen das Licht auszumachen: Am 23. Oktober 2000 kam das Aus für die „Mir“. Die Raumstation wurde im März 2001 mit Schüben des letzten „Progress“-Frachters abgebremst und zum kontrollierten Eintritt in die Erdatmosphäre gebracht. Sie hatte eine Masse von 140 Tonnen, als sie südöstlich der Fidschi-Inseln über dem Pazifik verglühte. Etwa 40 Tonnen kamen in Form von Trümmern am Meeresgrund an. Was Leonid Kisim da wohl gedacht haben mag, der erste auf der „Mir“? Er starb 2010 im Alter von 70 Jahren.

Ein Teil dieser Geschichte der „Mir“ lebt weiter: Der erste Baustein der ISS, hervorgegangen aus der sowjetischen Modularbauweise, war das russische Modul „Sarja“. Und auch russische Kosmonauten waren und sind auf der ISS gewesen, darunter die beiden, die die letzten auf der „Mir“ waren, Sergej Saljotin und Aleksandr Kaleri. Ein deutliches Signal: Raumfahrt ist heutzutage ein internationales Projekt.