Infektionsketten sollen bald per Handy aufgespürt werden.
Foto: dpa/Kay Nietfeld

BerlinDie erste Corona-App in Deutschland scheint auf großes Interesse zu stoßen. Nur einen Tag nachdem das Robert-Koch-Institut (RKI) am Dienstag seine Corona-Datenspende-App vorgestellt hat, haben sich bereits 100.000 Nutzerinnen und Nutzer angemeldet. Sie gaben damit gleichzeitig die Einwilligung, bestimmte Körperdaten zur wissenschaftlichen Auswertung freizugeben.

Die RKI-App ist nur mit Fitnessarmbändern oder Smartwatches kompatibel und soll dem Institut Angaben über Schlafverhalten, Herzfrequenz und Körpertemperatur der Probanden verschaffen. Diese Daten können unter Umständen Hinweise auf Symptome einer Infektion mit Covid-19 liefern.  Die Daten, die anonymisiert erhoben werden, sollen in eine Art Karte einfließen, die so unter Umständen die Verbreitung möglicherweise infizierter Personen kenntlich macht.

Geschlecht, Alter und Postleitzahl

Die Nutzer werden daher gebeten, außer Angaben zu Geschlecht, Alter und Körpergewicht auch ihre Postleitzahl anzugeben. Diese Karte soll regelmäßig aktualisiert und auf der Webseite des RKI veröffentlicht werden. Die Nutzer selbst werden nicht über eine mögliche Infektion informiert.

Allerdings kam auch schon Kritik am Datenschutz. So wurde auf der Webseite Netzpolitik.org moniert, dass der Quelltext der Datenspende-App nicht öffentlich einsehbar ist. Nur dann sei es möglich, die Funktionsweise der App auf Sicherheit und Datenschutz nachzuprüfen, also etwa, ob die Daten noch anderweitig weitergegeben werden.

Bald kommt die Tracking-App

Die Datenspende-App ist ohnehin nicht die technische Anwendung, die uns allen den Weg in ein halbwegs normales Leben während der Pandemie ermöglichen könnte. An dieser Lösung arbeitet unter anderem das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut. Dortige Forscher haben in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa vergangene Woche die technische Grundlage einer App vorgestellt, die es ermöglichen soll, Menschen darüber zu informieren, wenn sie Kontakt zu anderen hatten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Dazu wurden bereits Testreihen mit Bundeswehrsoldaten absolviert, die eine auf Bluetooth basierende Technik ausprobierten. Das System nennt sich PEPP-PT, das steht für „Pan European Privacy Protecting Proximity Tracing“. Grob gesprochen soll es einen anonymisierten Austausch zwischen den Smartphones jener Nutzer geben, die sich die App freiwillig herunterladen. Hatte man Kontakt mit einem Nutzer, der positiv getestet wurde, wird man informiert.

Nach Ostern könnte es losgehen

Eine fertige App gibt es noch nicht, sie könnte unter Umständen aber schon nach Ostern zur Verfügung stehen. Das kündigte zumindest Chris Booth an, der am PEPP-PT-Projekt beteiligt und zudem Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung ist. „Ich gehe davon aus, dass wir zwischen 15. und 19. April die erste App tatsächlich live haben“, sagte der IT-Unternehmer der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch.

Im Bundesgesundheitsministerium, das die politische Verantwortung bei der Entwicklung der App hat, wollte man diesen Zeitraum nicht bestätigen. „Es preschen immer mal wieder einige Leute vor“, sagte ein Sprecher der Berliner Zeitung auf Anfrage. „Aber es gibt bisher noch keinen konkreten Zeitplan. Das Ganze ist noch in der Entwicklung.“

Mehrere Länder beteiligt

Noch ist nicht bekannt, welche Firma die Anwendung in die App-Stores bringen soll. Dazu machte auch Booth keine Angaben. Er persönlich sehe das Robert-Koch-Institut als „natürliche Quelle für eine App in Deutschland“. Das RKI sei bei dem PEPP-PT-Projekt von Anfang mit dabei gewesen. Als Tester für die PEPP-PT-Plattform habe man aber auch der Start-up-Community Zugriff gewährt, sagte Boos. „Wir wissen von vielen, die schon an Apps bauen, auch für unterschiedliche Länder.“

Anders als die Datenspende-App des RKI soll die Corona-App den Einblick in den Quellcode ermöglichen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Mario Brandenburg begrüßte das. Brandenburg ist im Bundestag der Obmann seiner Partei im Ausschuss für Digitale Agenda und der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“.

Kritik aus der Opposition

Er kritisierte, dass die Regierung das Parlament bei der App-Entwicklung zu sehr außen vor lasse. „Wir haben als Opposition bei den Corona-Rettungsmaßnahmen unsere Pflicht übernommen“ sagte er der Berliner Zeitung.  „Jetzt ist es an der Zeit, dass die Regierung alle Abgeordneten umfassend informiert.“

Auch Ann Cathrin Riedel,  Vorsitzende des Vereins Load, der sich für liberale Netzpolitik einsetzt, kritisiert im Gespräch mit der Berliner Zeitung, die mangelnde Kommunikation vor der Einführung der App. So werde den Bürgern suggeriert, sie könnten wieder ihr normales Leben führen, wenn sie erst verfügbar ist. „Es muss deutlich gemacht werden, dass die App keinen Vor-Corona-Status herstellen kann“, sagt Riedel.

Nicht alle können mitmachen

Die Menschen müssen  weiter Abstand halten und vorsichtig in der Öffentlichkeit agieren. Ein weiterer Kritikpunkt: Die geplante Bluetooth-Technologie ist nur für Smartphones neuerer Generationen geeignet, es werden also viele Bürger ausgegrenzt, weil das Betriebssystem ihres Handys zu alt ist. „Und das macht das gesamte Projekt fragwürdig, denn eine hohe Durchdringung von 60 Prozent ist für den Erfolg der App notwendig“, sagt Riedel.

Ein weiterer Aspekt, auf den sie verweist, ist die Frage, wie  die App mit dem Nutzer kommuniziert. Es sei keine gute Idee, per SMS einen lapidaren Hinweis auf das Infektionsrisiko weiterzugeben, sagt Riedel: „Gesundheit und Wohlergehen hat auch eine psychische Komponente, die nicht vergessen werden sollte.“