Bereit für den virtuellen Kampf? 
Illustration: Imago Images

Es sind ja vor allem Jungs. Sie verbarrikadieren sich in ihren Zimmern, aus denen fortan laut bellende Wortfetzen in die Wohnung dringen: „Nein, nicht, er kommt von hinten. Pass auf, du stirbst!“ Einmal beugte sich unsere Nachbarin über den Gartenzaun und rief mehrmals besorgt: „Brauchen Sie Hilfe? Kann ich Ihnen helfen?“ Mir war nicht klar, mit wem sie da sprach, bis ich begriff und sie beruhigte, mein Sohn spiele ein Computerspiel, trüge dabei Kopfhörer …

Mein Sohn ist 17 und spielt seit mehr als zwei Jahren Computerspiele, jede Regel, um das Spielen zu begrenzen, wurde irgendwann umgangen. Es gab Diskussionen, freundliche, ungehaltene, neue Regeln. Kann das gut sein, so viel vor diesem Bildschirm zu sitzen? Natürlich hören wir andere Eltern stöhnen, „diese Geräte!“. Und immer die Frage, wie viel von diesem Spiel man als Eltern toleriert.

Ich kenne Eltern, die Geräte wegsperren und nur zu bestimmten Zeiten freigeben. Mein Sohn hat Computer auseinander gebaut, hat sich Teile aus dem Unternehmen meines Mannes besorgt, hat sie miteinander verbunden, sie verbessert; von seinem Taschengeld hat er sich einen größeren Bildschirm und eine schnelle Tastatur gekauft, eine Gaming-Tastatur mit „red switches“, die auf kleinste Bewegungen reagiert. Er kennt sich mit Technik aus, Computersprachen; für die Schule entwickelt er eindrucksvolle Präsentationen; Väter bezahlen ihn dafür, dass er ihnen den Computer repariert. Das ist der Teil, der mich beruhigt, ja, verblüfft.

Mit Computerspielen verbringt er viel Zeit, zu viel, wie ich finde, Schule regelt er effizient nebenbei, die Noten sind gut. Was aber würde passieren, wenn wir ihn nicht ab und zu darauf aufmerksam machen würden, dass es einen Garten gibt, ihn zum Essen rufen würden? Oft denke ich: Wie viel verschwendete Lebenszeit! Aber stimmt das?

Es ist Zeit, sich den Sog dieser Spiele erklären zu lassen. Es gibt FPS, (First-Person-Shooter) und MMORPGs (Massively-Multiplayer Online-Role-Playing-Games), also Rollenspiele, aber „das sind Genres“, erklärt mir mein Sohn. Diese unterscheiden sich nach Spiel-Prinzip und Perspektive, nennt sich „field of view“. Es geht um die Kameraeinstellung: Entweder du bist der Charakter oder du schaust wie eine Drohne auf ihn drauf. Wikipedia listet 18 Genres, dazu gehören Abenteuer-Spiele, Musikvideospiele, Simulationen. Mein Sohn findet FPS lustig, dort spielen fünf Mann gegen fünf im Team. Daher das Gebrüll.

Zurzeit spielt er CS:GO (Counter-Strike: Global Offensive) und Valorant. Bei CS:GO stellt das eine Team die Terroristen, das andere die Counter-Terroristen, nach der Hälfte werden die Rollen getauscht. Die Teams, oft international besetzt und zufällig zusammengesetzt, verfügen über bestimmte Ausrüstungen und Waffenarsenale, die zu Beginn des Spiels von einem Budget gekauft werden. „Mit den mates entwickelst du eine Strategie, klappt sie, freust du dich gemeinsam“, erläutert mein Sohn auf die Frage, warum er so gerne spielt.

Was soll man dagegen haben? Nichts. Moderne Art des Brettspiels? Ja, Mannschaftsspiele. Es gibt Runden, sie dauern eine Minute fünfzig, ein Spiel dauert neunzig Minuten. Die Spiele haben ein Ranking, von Silber bis zu Global Elite kann man in zahlreichen Stufen aufsteigen. Man wird gelobt. Aber das ist nicht alles.

Es ist Montagnachmittag, ich begebe mich in sein Zimmer, leicht abgedunkelt, und setze mich neben ihn auf einen Stuhl, den er für mich mit einer Decke und einem Kissen ausgestattet hat. Insgesamt hat er neun unterschiedliche Spiele auf seinem Computer. Die Spiele speichern wie viele Stunden er mit ihnen verbringt. Bei CS:GO stehen 829 Stunden seit August 2018. Ich rechne lieber nicht um, was das in Wochen bedeutet (hätte er doch in dieser Zeit Gitarre gespielt oder gelesen).

Anhand einer Trainingseinheit erklärt er mir das Spiel. Die Einheit kann man dazwischenschieben, um Zielgenauigkeit zu lernen, Auge-Hand-Koordination oder etwa den bunny hop. Ein Häschensprung ist schneller als Laufen. Er zeigt mir den Unterschied. Ich sehe keinen. Meine Augen sind nicht trainiert, seine schon, er erkennt, wann sich die Pixel verändern. „Dein Auge lernt mehr Grautöne kennen.“ Hätte man die beim Tennis nicht auch lernen können? Nein. Aber vielleicht in der Natur Afrikas von Einheimischen, die einem zeigen, wie Spuren verlaufen oder der Himmel sich verändert und der Mensch in einen Erregungszustand gerät ob der drohenden Gefahr.

Zurück zum Anfang des Spiels. Da ist der Einkauf mit vorgegebenem Budget, er erfolgt, in dem man mit der Maus um ein kreisförmiges Kuchendiagramm fährt, sich durch Klicks mit Bomben, Snipern und schusssicheren Kevlarwesten versorgt. Ich habe gerade noch mitbekommen, dass es dieses Diagramm gibt, mein Sohn zeigt es mir noch einmal. Sein Einkauf dauert nicht mehr als eine Sekunde, ratzfatz ist er ausgerüstet und wir befinden uns in einer leeren Stadt, irgendwo in einem arabischen Land im Häuserkampf, kaputte Fassaden, Palmen, im inneren Palast liegen schon ein paar Leichen umgeben von Blut.

Mit seiner Figur, falsch, seinem „character“, rast er durch die Gassen, um, das ist das Ziel bei CS:GO, die Bombe zu entschärfen, zu defusen oder seine Gegner zu töten. Heute lerne ich noch, dass man seine Teammitglieder nicht tötet, aber manchmal macht das jemand. Warum das denn? „Manchmal ist einer schlecht drauf, aber die community mag das nicht. Das sind Trolle.“

Szene eines Häuserkampfs aus Valorants.
Bild: Online Games Ego Shooter

Warum heißen die Verräter Trolle, geht es mir durch den Kopf, für mich sind sie menschenscheue Gestalten aus den finnischen Wäldern. Das Spiel ist zu Ende. „Jetzt zum Beispiel habe ich einen Ace gemacht“, bedeutet, er hat als Einziger von seinem Team überlebt, sämtliche Feinde getötet. Die Trainingseinheit reicht mir erst einmal, morgen bin ich dann bei einem richtigen Spiel dabei.

Warum macht meinem Sohn das so viel Spaß? Das Spannende bekomme ich nicht zu fassen. Draußen scheint die Sonne und es ist Frühling. Gut, Tennis darf man ohnehin gerade nicht spielen.

Dienstagnachmittag. Heute schaue ich bei Valorant zu. Gleiches Prinzip. Bombe entschärfen, zwei Teams. Valorant ist eine Betaversion, manches funktioniert noch nicht gut. Die Jungs verabreden sich über Kommunikationsplattformen wie „Discord“ oder „TeamSpeak“, und zwar weltweit. Es ist ein bequemes Spielen, man ist mit seinen Freunden, muss nirgendwo hin, sagt mein Sohn. Insofern passt es vielleicht zu einer Generation, die gerne zu Hause bleibt.

Mein Sohn ist Jett, und Jett läuft oder hüpft (?) mit ihrem Verbündeten Cypher an Containern vorbei, durch staubige Gassen, vorbei an Geschäften mit heruntergezogenen Rollläden und arabischen Schriftzeichen, vorbei an Schildern mit „Laboratory“ oder „Reactor“, hinein in einen Hamam mit Badetüchern auf dem Boden, manche der rosafarbenen Tücher hängen noch am Haken, drüben steht ein versiegter Brunnen, an den Wänden Gemälde von Kannen, die Wasser auskippen.

Die Heldin des Spiels Valorant: Jett in voller Montur.
Bild: Online Games Ego Shooter

Von Jett sieht man nur Arme und Waffe, sie hält ein Messer, das sie gekonnt herumwirbelt. „Achtung, er smoked dich“, Rauch und Nebel taucht auf, kleine Erklärung: Sichtblock für den Gegner. Aber Mist, das Internet laggt. Wie? Siehst du das nicht? Nein. Ich bin ein Noob, das heißt: ein blutiger Anfänger. Das Internet ist verzögert. Kurz schaut er auf einer Internetseite nach dem Ping, der Internet-Geschwindigkeit, für ein Spiel muss der Ping-Wert niedrig sein. Die Synchronität ist wichtig, sonst werden manche Spielzüge nicht registriert, der Spielverlauf ist verfälscht.

Bei Valorant gibt es Schilde zu kaufen, Maschinen-, Sturm- und Präzisionsgewehre, Schrotflinten. „Da kannst du lang pieken“, verstehe ich, ohne zu verstehen. Eine Karte links oben zeigt an, wer sich wo befindet, ein Abbild der Gänge, die man entlangläuft. „Bang ihn mal.“ Dann ein Zeichen mitten auf dem Bildschirm: CLUTCH! Ich muss mir diese Sprache erklären lassen. Morgen. Es sind 45 Minuten vergangen und ich habe Lust auf Sonne.

Die Gamersprache besteht aus Abkürzungen und englischen Ausdrücken, während des Spiels ermöglicht sie schnelle Kommunikation. „Was heißt eigentlich dieses pieken?“, frage ich meinen Sohn beim Abendessen. Wie so oft kommt er zu spät, weil er sonst „gebant“ wird. Steigt man mitten aus der Runde aus, kann man ausgeschlossen werden. Verzweiflung. Sein Team möchte man nicht enttäuschen. Ja, so ist die Community.

Aber am Tisch sitzt die andere Community und die ist erbarmungslos, wenn es um das gemeinsame Essen geht. „Peeken, man geht kurz aus der Deckung.“ „Ach, peeken!“, rufe ich und lasse mir die Taktik genauer erklären. Sie hat mit Provokation des Gegners zu tun. Beim „Swingen“ ist das anders, da bewegt man sich aus dem Versteck, „entblößt sich komplett, steht seinem Gegner Aug in Aug gegenüber. Nahkampf.“

Sich mit der Sprache zu beschäftigen, macht mir Spaß, vielleicht wird das unsere Brücke. Das lässt mich an meinen finnischen Großvater denken. Da er auch als Übersetzer tätig war, ließ er sich von meiner Mutter einmal ein Buch zur deutschen Jugendsprache schicken, er wollte wissen: „Was bedeutet eigentlich dieses null Bock?“

Die Romanautorin Stephanie von Hayek
Foto: Peter von Felbert

Mittwochnachmittag. „Aber heute erkläre ich nichts“, sagt er gleich, so sitze ich daneben, wieder bei Valorant, wobei mir einfällt, dass ich, weil ich keine Kopfhörer trage, von den Geräuschen nichts mitbekomme. Mir ist ein bisschen langweilig. „Du spielst ja auch nicht,“ sagt mein Sohn. Stimmt.

Beim Abendessen unterhalten wir uns ausführlicher über das Einüben von Choreografien, Geschicklichkeit, Orientierung in drei Dimensionen. Darüber richtige Winkel zu finden, neue zu entdecken, die auf YouTube gezeigt werden. „Die E-Sportler sind wie Gurus, sie sprechen ganz ruhig in die Kamera.“ „Und woher kommt diese Ruhe?“, frage ich. „Sie wissen, was schnell ist.“ Das scheint so logisch wie überraschend. „Manchmal möchtest du gerne handeln, aber die bessere Strategie könnte sein, zu warten. Wartest du nicht, bist du vielleicht tot.“ Reflex versus Impulskontrolle. Auch: Risiko des frühen Ausscheidens.

Computerspiele, ein mentaler Sport: „Du musst darüber nachdenken, was du machst, was deine Teammitglieder tun werden, du lernst, dich in deine Gegner hineinzuversetzen.“ Unterschiedlich Spielstile: blöde, smarte, aggressive, ängstliche. Spielwitz, sich über Züge des anderen freuen. „Du kannst nicht alleine gut sein, nur zusammen.“ Internationale Kooperation – Gebot der Stunde. Schlechte Spieler kommunizieren übrigens nicht, „die kriegen ihren Mund nicht auf, das ist das Schlimmste. Redest du aber zu viel, hörst du die Schritte nicht, dann ist es besser zu chatten“.

Nach mehreren Tagen Exploration verstehe ich mehr von dieser Jungenwelt. Ein abenteuerlicher Erlebnisraum, doch ohne echte Gefahr. Oder vielleicht nur mit der Gefahr, das echte Leben zu verspielen? Spiele, die unersättlich sind nach der Lebenszeit ihrer Spieler und die nur aufhören, wenn die Eltern die undankbare Rolle der Polizisten übernehmen und sagen: Jetzt ist es mal genug! Auch wir als Erwachsene verlieren uns im Netz. Hier ein Klick, da ein Informationsfetzen, viele Stunden, oft vergeudet.

Mein Unbehagen hat mit dem Gefühl zu tun, dass sich mir das Computerspiel als Rückzug von der Außenwelt darstellt, von einer Welt, die voller Entdeckungen steckt, in der man mit der eigenen Triebkraft Aug in Aug mit dem Gegenüber ringt. Etwas entgeht vom Realen, es hat mit körperlichen Regungen zu tun: Mimik, Gestik, Scham können vor dem Bildschirm nur allein empfunden werden. Der Wert des Menschseins besteht aber gerade in der Offenbarung der eigenen Persönlichkeit vor den anderen, das ist alles andere als leicht! Die Frage bleibt, wie wir diese Welten miteinander verbinden.

Ich gebe meinem Sohn den Text zu lesen. GJ! steht drunter, good job. Elternswing.