BerlinDie Pandemie sorgt für Stress am Arbeitsplatz. Chefs und Teams stehen vor ganz neuen Herausforderungen, auch weil viele Aufgaben nun digital gelöst werden müssen. Yannis Niebelschütz hat das Berliner Start-up CoachHub gegründet. Ein Gespräch über die großen Sorgen, die tägliche Überforderung und gute Kommunikation im Berufsalltag. 

Herr Niebelschütz, auf Ihrer Webseite heißt es, dass Coaching eines der wirksamsten Instrumente in der Corona-Zeit sei, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, Stress zu bewältigen und das psychische Wohlbefinden zu fördern. Wieso kommt es gerade auf diese Bereiche besonders an?

Die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben die Arbeitswelt, wie wir sie kannten, ordentlich durchgewirbelt - wenn nicht sogar auf den Kopf gestellt. Projektleiterinnen, die Kundengespräche plötzlich digital vom heimischen Küchentisch aus führen müssen. Abteilungsleiter, die Bewerbungsgespräche per Videokonferenz führen, während die Kinder im Hintergrund spielen. Personaler, die ihren Angestellten sagen müssen, dass sie jetzt mit weniger Geld auskommen müssen. Unternehmer, die um ihre Kultur bangen, weil die Belastungen zu groß werden. Ich könnte die Liste an Beispielen ewig fortführen.

Was zeigt das?

Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Lage, die wir so nicht erwartet haben und von der wir nicht wissen, wann sie endet. Das setzt Chefs und Mitarbeitende unter enormen Stress. Besonders im mittleren Management sehen wir einen großen Coachingbedarf, denn nach oben hin dürfen sie keine Schwäche zeigen und müssen liefern, nach unten müssen sie motivieren und zeigen, dass sich ihre Angestellten auf sie verlassen können. Gerade diese Führungskräfte stehen mit ihren Sorgen und Ängsten allein da. Hier kann ein Coach von außen helfen.

Ich würde gerne genauer auf die drei Bereiche eingehen: Was ist aus Ihrer Sicht das größte Thema?

Psychisches Wohlbefinden! Die rasante Digitalisierung vieler Lebensbereiche hat auch schon vor Corona manche überfordert - egal ob privat oder am Arbeitsplatz. Das Gefühl, digital getrieben zu sein, setzt viele unter Druck. Durch Corona mussten sie sich neue technische Skills aneignen, aber auch lernen, aus der Ferne zu arbeiten oder zu führen. Und hinzu kommt jetzt natürlich die Angst vor einer wirtschaftlichen Krise und dem Verlust des Arbeitsplatzes. Vielleicht sogar die Sorge um Angehörige oder Freunde, die erkranken könnten.

Zur Person

Yannis Niebelschütz ist Mitbegründer von CoachHub, der führenden Plattform für digitales Coaching in Europa. Zusammen mit seinem Bruder Matti gründete er 2018 das Berliner Unternehmen. Zu den Kunden gehören Firmen wie Bosch, Generali oder Hanseatic Bank.

Zusätzliche Infos: Yannis Niebelschütz ist 37 Jahre alt, in Berlin geboren und hat an der dortigen Hochschule für Technik und Wirtschaft studiert (Diplom Wirtschaftsingenieur)

Wie sollten Arbeitgeber reagieren?

Sie sollten nicht noch 120 Prozent fordern, sondern in Gesprächen darauf achten, wie Kollegen sich fühlen und ihre Bedenken ernst nehmen. Und dabei offen und klar kommunizieren, auch kritische Punkte ehrlich und konstruktiv ansprechen und kontinuierlich Feedback geben, sowie transparent zeigen, wie es der Firma gerade geht. Das Wohlbefinden von jedem Mitarbeitenden - insbesondere in Bezug auf Stress und psychische Gesundheit - sollte Priorität haben. Denn Studien zeigen ja, dass Unternehmen mit einer zufriedenen Belegschaft am Ende auch produktiver und erfolgreicher sind.

Stressbewältigung ist ebenfalls ein großes Thema.

Wir werden privat, beruflich, durch uns selbst und die Medien ständig mit Ansprüchen und Erwartungen unter Druck gesetzt. Man soll es jedem recht machen. Wer sich hier nicht seiner Werte und eigenen Vorstellungen bewusst ist, gerät in eine Art Stress-Strudel, der einen immer weiter runterzieht. Dazu gehört auch, sich Freiräume zu schaffen und Zeitfresser loszuwerden. In unseren Coachings sprechen unsere Kunden daher viel über eigene Überzeugungen und Erwartungen, sowie ganzheitliches Zeitmanagement. Nur so haben sie die Fähigkeit, auch mal nein zu sagen und Stress abzuwehren.

Und dann noch die Widerstandsfähigkeit.

Darunter versteht man Stabilität und innere Stärke. Wir nennen es auch Resilienz - also psychische Widerstandskraft. Einer der Schwerpunkte bei den Ratgebern und noch immer regalfüllend in den Buchläden. Menschen suchen in diesem Bereich händeringend nach Antworten. Denn mit einer stark ausgeprägten Widerstandskraft können wir besser mit Schicksalsschlägen umgehen, kommen nach Krisen schnell wieder auf die Beine und sind auch weniger durch Burnout gefährdet. Diese Fähigkeit ist gerade in diesen Zeiten extrem wichtig. Dabei hilft auch eine positive Lebenseinstellung und das Umfeld, das einen täglich umgibt.

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, eine Plattform für Coaching aufzubauen?

Als ich in Irland für ein großes Unternehmen gearbeitet habe, bekamen wir alle ein persönliches Coaching. Das fand ich großartig und sehr hilfreich. Nur hat das irische Wetter oft nicht mitgespielt, sodass mein Coach meist zu spät oder gar nicht kam, dann keine Räume frei waren und wir nicht mehr viel Zeit hatten. So entwickelten mein Bruder und ich das digitale Coaching. Wir haben uns gefragt, warum kann ich meinen persönlichen Coach eigentlich nicht immer dabei haben, quasi den Coach in der Hosentasche.

Auf Ihrer Webseite heißt es, die Erfolge seien messbar. Wie geht das?

Alles rund um das persönliche Coaching wird auf der Plattform festgehalten. Seien es die Termine, die Ziele, die erreichten Meilensteine und Aufgaben - sogenannte E-Learning-Einheiten. So habe ich über die Dauer des Coachings einen persönlichen Überblick über meine Fortschritte und wie mir mein Coach dabei half.

Und der Arbeitgeber erfährt das alles?

Unternehmen, die das Coaching bei uns buchen und für ihre Belegschaft anbieten, erhalten über ein Dashboard aggregiert Auskunft über die Entwicklung der Coaching-Programme und welche Teams das Angebot nutzen. Die besprochenen Coaching-Inhalte bleiben aber anonym. Unternehmen können dann beispielsweise anhand von Ausfallzeiten, Produktivität oder Mitarbeiter-Engagement im Vergleichszeitraum feststellen, wie sich das Coaching ausgewirkt hat.

Ein anderes Thema: Viele junge Unternehmen haben sich an den Giganten im Silicon Valley orientiert und ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt: Welche Auswirkungen können Sie da erkennen?

Am Anfang, als die Lage noch unübersichtlich war und man nichts riskieren wollte, haben auch wir unser Team nach Hause geschickt und nur noch remote gearbeitet. Für eine Weile kann man sich so arrangieren, alles ist neu und aufregend. Hauptsache, jeder kann weiterarbeiten. Aber wir wären ja keine sozialen Wesen, wenn wir uns nicht doch den persönlichen und direkten Austausch mit unseren Kollegen wünschen würden.

Und das wäre im Büro besser?

Wir persönlich setzen auf eine Hybrid-Lösung, bei der jeder selbst entscheiden kann, ob er ins Office kommen möchte oder lieber an seinem ganz persönlichen Lieblingsort arbeitet. Dank eines strengen Hygiene-Konzepts in unserer Zentrale gelingt das auch. Gerade Kollegen, die in 1-Raum-Wohnungen oder WGs leben, fällt es schwer, im Homeoffice konzentriert zu arbeiten und sich wohlzufühlen.

Was ist denn Ihre Empfehlung in Sachen Homeoffice und Büro für die Zukunft?

Langfristig sehe ich nicht, dass es keine Büros mehr geben wird. Viele Firmen werden jetzt über neue Raumkonzepte nachdenken - der Arbeitsplatz wird eher zur Begegnungsstätte. Ein regelmäßiger Wechsel zwischen Wohnung und Arbeit fördert ebenfalls das Wohlbefinden und natürlich die Unternehmenskultur. Und sorgt für weniger Stress in den eigenen vier Wänden.

Und was raten Sie Paaren, wenn plötzlich beide zu Hause sind und durch die Einschränkungen kaum raus dürfen und Enge spüren?

Da muss jeder selbst entscheiden, was seine Methode ist, damit umzugehen. Ich persönlich empfehle viel Bewegung und Unternehmungen an der frischen Luft. Ein Spaziergang im Wald oder eine Fitnesseinheit im Park macht den Kopf frei und hält fit. Auch Gespräche mit Freunden oder der Familie per Telefon oder live auf Abstand bringen einen auf andere Gedanken.

Ein echter Stresstest, oder?

Absolut. Corona wird zum Härtetest für viele Haushalte und Partnerschaften. Auch weil vielen der ungewohnte Rhythmus zu schaffen macht. Die meisten müssen nicht mehr pendeln, einige Schulen und Kitas lassen die Kinder zu Hause, abends fehlt die Zeit, um - im wahrsten Sinne - abzuschalten, wenn auf dem Couchtisch noch der Laptop leuchtet.

Und was machen Sie, wenn es doch einmal einen schlechten Tag oder eine schlechte Phase bei Ihnen gibt? Oder kennen Sie das gar nicht?

Auch ich habe mal schlechte Phasen. Dann spreche ich meistens mit meinem Coach. (lacht)

Das Interview führte Jörg Hunke