Mit Virtual-Reality-Brille können die Nutzer ein Urlaubsgefühl bekommen. 
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BerlinDas Wort„ virtuell“ taucht überall auf. „Virtuelle Veranstaltungen“, „virtuelle Konferenzen“, „virtuelle Konzerte“  – in der Corona-Krise gibt es nicht viele Wörter, die deutlich häufiger benutzt werden. Zeit, um den Begriff genauer zu definieren. 

Denn: Wie alle häufig genutzten Gegenstände leierte der Begriff in letzter Zeit aus. Schon vor dem hektischen Umzug unseres Alltags ins Virtuelle wirkte er ausgefranst. Meistens wird er so gebraucht: Virtuell ist, was nicht analog zu sehen ist, sondern auf einem Computerbildschirm. Wer die Virtual-Reality-Brille absetzt und in ein Wörterbuch schaut, der liest dort allerdings etwas anderes. Zwei Bedeutungen gibt es. Im Französischen und bei Philosophen wie Gille Deleuze ist das Virtuelle so ungefähr das Potenzielle. Wenn die Virtualität realisiert wird, entsteht Wirklichkeit erst. Das ist so kompliziert, wie es klingt – bis heute blubbert ein Diskurs darüber, was Deleuze genau gemeint haben könnte. Einfacher klingt die zweite Definition: Etwas erscheint echt, ist es aber nicht.

Ein Beispiel: Eine Zoom-Konferenz ist zwar eine digitale Veranstaltung, aber keine virtuelle. Denn sie findet ja statt, lebende Menschen sind daran beteiligt. Fachleute sagen das so: Virtualität ist die Eigenschaft einer Sache, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen.

Oder einfach gesagt: Der Tisch in einem Computerspiel sieht zwar aus wie ein richtiger Tisch, aber er existiert nur im Spiel, niemand kann ihn im echten Leben anfassen, deshalb ist er virtuell. Ein Tisch, der – um bei der Zoom-Konferenz zu bleiben – im Hintergrund eines  Teilnehmers zu sehen ist, bleibt ein Tisch und wird auch auf dem Computerbildschirm nicht zu einem virtuellen Möbelstück.

In der Arbeitswelt wurde in den 1980er-Jahren über den Begriff „virtuelle Teams“ diskutiert. Gemeint waren Arbeitsgruppen, die über regionale, nationale und kulturelle Grenzen sowie Zeitzonen hinweg zusammenarbeiteten. Auch da machten Experten schnell klar, dass die Begrifflichkeit nicht richtig gewählt war, weil es ja nicht um künstliche oder unwirkliche Teams ging. Heute sprechen Arbeitgeber präziser von standortübergreifenden Arbeitsgruppen.

„Virtuell“ ist bis heute ein Wort, das einerseits hartnäckig benutzt wird, um etwas als digital und fortschrittlich zu kennzeichnen. Museen fotografieren ihre Ausstellungen ab, stellen die 360-Grad-Bilder online und erklären das Ersatzangebot zu einem virtuellen Museum, obwohl nur die Exponate hochgeladen wurden.

Andererseits dient das Wort dazu, etwas als digital und deswegen falsch abzukanzeln. Das Virtuelle ist etwas für Nerds, die nicht so richtig leben, sondern eben nur eingebildet, die sich mit einer Datenbrille auf den Augen im Kinderzimmer oder Hobbykeller verstecken. Wer im Virtuellen lebt, der ist im Leben gescheitert. Wie es aussieht, wenn wir alle gemeinsam am Leben scheitern, das zeigen dann Buchverfilmungen wie „Ready Player One“: Menschen fliehen aus ihrer kaputten Realität in die Matrix.

Während außenstehende Skeptiker den Eindruck pflegen, das Virtuelle sei eine andere Sphäre, in die man nicht fliehen oder abrutschen dürfe, leben viele Menschen gleichzeitig hier und dort. Die Zukunft gehört wahrscheinlich nicht der virtuellen, sondern der „Augmented Reality“. Die virtuelle und die tatsächliche Realität werden übereinandergelegt und verschmelzen. Das Smartphone hat es uns bereits vorgemacht. Früher fürchteten sich Eltern davor, dass ihre Kinder vor dem Bildschirm vereinsamen. Heute haben sie selbst einen Touchscreen-Computer in der Tasche, den sie pausenlos benutzen, auch an der frischen Luft.

Wer das richtige Handymodell mit der passenden App in die Welt hält, der sieht diese Verbindung bereits, erinnert sei nur an das Spiel „Pokémon Go“.  In der nahen Zukunft könnte das Wort „virtuell“ also doch aus der Mode geraten – weil es eine Trennung vornimmt, die uns im Leben immer schwerer fällt. Das Virtuelle klebt dann an der Wirklichkeit wie die Soße an den Nudeln.

In den Jahren bis dahin werden wir noch in vielen virtuellen Konferenzräumen ausharren, vielleicht macht irgendwann auch das virtuelle Klassenzimmer auf. Die Meetings und die Arbeit werden dabei leider nicht virtuell werden: Die müssen wir machen, die können wir nicht nur simulieren.