Irgendwo in einer Universitätsbibliothek hat Anne Prill den Satz zum ersten Mal gehört. „Steckdosen sind die neue Währung der Hochschulen“, sagte ein Student, als er sein Notebook mit dem Stromnetz verbinden wollte. Nur waren alle Steckdosen in seiner Umgebung belegt, der Student konnte nicht sofort loslegen, musste lange suchen, denn es gab kaum Steckdosen im Saal. Für Anne Prill ein gutes Beispiel dafür, dass Hochschulen in Deutschland aufpassen müssen, dass sie die Zukunftstrends nicht verpassen.

Prill gehört zu sieben Wissenschaftlern, die sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Frage beschäftigt haben, warum Hochschulen über zukunftsfähige Lernraumentwicklung abseits traditioneller Hörsäle und Seminarräume sprechen müssen. Die Kernbotschaft lautet: Niemand kann seriös sagen, wie Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Quantencomputer und ein schnelles Internet die Gesellschaft und die Berufswelt verändern werden.

In diesen ungewissen Zeiten haben Studenten dann die besten Chancen, wenn sie kreative Lösungen finden, wenn sich analytisches und kritisches Denken gelernt haben, zur Kollaboration fähig sind und virtuelle und persönliche Kommunikation beherrschen. „Damit verbunden braucht der Wandel von Lehren zu Lernen auch eine räumliche Übersetzung“, sagt Anne Prill, Projektmanagerin im Hochschulforum Digitalisierung. Also weg von Frontalvorlesungen, hin zu flexiblen Mitmachlösungen, von „strategischer Lernraumentwicklung“ ist die Rede in dem Arbeitspapier, das der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt.

Hochschulen: Gegenseitige Lernen steht heute im Vordergrund 

Wie also müssen Räume ausgestattet sein, welche Möbel sind notwendig, was wirkt motivierend auf junge Menschen – mit solchen Fragen beschäftigten sich die Wissenschaftler im Auftrag des Hochschulforums. Das Forum wurde vor fünf Jahren gegründet, um den Diskurs zur Hochschulbildung im digitalen Zeitalter zu orchestrieren.

Wie es gehen kann, wird an Beispielen aus Baden-Württemberg, Hessen und Berlin erklärt. Als vorbildlich in der Hauptstadt gilt die Code University. Sie wurde vor zwei Jahren gegründet, hat 350 Studierende und wächst beständig. Die Uni wird in dem Arbeitspapier als vorbildlich im Bereich „Community of Equals“ bezeichnet, es geht konkret darum, die Hochschule gemeinschaftlich auf Augenhöhe weiterzuentwickeln.

Also ab durch den Görlitzer Park hin zum ehemaligen Fabrikgebäude an der Lohmühlenstraße. Es wird von der Factory betrieben, die auch Firmen wie Soundcloud oder Tesla Arbeitsraum in der Stadt bietet. In dem fünfstöckigen Gebäude in Alt-Treptow hat die Uni eine Etage gemietet.

Erster Eindruck: Viel Glas, viel Holz, Bereiche zum stillen Lernen und fürs engagierte Diskutieren, offene Räume und Gruppenräume, bei denen man die Türen schließen kann, dazu kommt eine große Küche und kuschelige Sitzecken – ein Gesamtkonzept wie bei einem erfolgreichen Start-up. „Überspitzt formuliert wollen Studierende bei ihren Lernanstrengungen auch sehen, dass sich andere auch anstrengen müssen“, sagt Richard Stang, Leiter des Learning Research Center an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

In dem Arbeitspapier ist von einem Paradigmenwechsel die Rede, früher ging es vor allem ums Lehren mit Frontalunterricht, heute steht das Lernen, auch das gegenseitige Schulen in Gruppen im Vordergrund. Wer durch die Glastüren in die Gruppenräume schaut, erkennt diese Vielfalt. Ist das tatsächlich ein Professor, der gerade genüsslich eine Birne isst und intensiv zuhört oder doch ein Student oder ein externer Referent? Nicht, so leicht zu entscheiden.

Hochschulen ging es immer darum, die beste Lernumgebung für Studenten zu schaffen 

Prill spricht auch davon, dass Lehrende und Studenten eine Raumkompetenz erlernen müssen. Das bedeutet: Wann ist es wichtig, Möbel für eine Gruppenbesprechung zusammenzuschieben, wie groß muss die gewünschte Fläche sein, welche technische Ausstattung ist notwendig? „So etwas zu erlernen, braucht Zeit“, sagt Prill. Und es braucht die passende Ausstattung. In der Berliner Hochschule sind alle Tische mit Rollen versehen, sie können problemlos hin- und hergeschoben werden, in manchen Räumen gibt es Stehtische und Schreibtische, manche sind wie klassische Konferenzräume gestaltet.

Und auf den Fluren sind immer wieder Sitzecken zu finden, wo die jungen Menschen sich spontan austauschen können. Früher diente dazu oft die Bibliothek, die ist sehr übersichtlich in der Factory, die meisten Studenten lesen inzwischen digital.

Wem die anstehenden Veränderungen Angst machen sollten, dem sei ein Blick in die Vergangenheit empfohlen. Den Hochschulen ging es schon immer darum, die beste Lernumgebung für Studenten zu schaffen, so sind Bibliotheken entstanden, so kam man auf die Idee, Podeste für die Vortragenden zu installieren oder in größeren Hörsälen ansteigende Sitzreihen wie in Arenen zu schaffen, um die „Sehgüte für die Sitzenden“, wie es damals hieß, zu verbessern.

Prill sagt jedenfalls, dass die Lernraumentwicklung ein komplexer und auch dauerhafter Prozess bleibe. Sie empfiehlt, neue Konzepte iterativ umzusetzen, also gemeinsam Ideen auszuprobieren und weiterzuentwickeln.