Szene aus „Captain Marvel“.
Foto: Marvel

BerlinDas Boot kracht gegen einen Stein und mit lautem Geschrei werden die Leute herauskatapultiert. Die Zuschauer sehen die Momente des Schwebens bis zur harten Landung am Ufer in Zeitlupe. Gefilmt wird aus der besten Kameraposition, damit man mitfühlen kann als Betrachter. So geht das im Kino schon seit Ewigkeiten. Große Gefühle, große Aufregung, große Illusionen auf der Leinwand. „Larger than life“, größer als das Leben, sagt Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg für den Bereich Filmförderung.

Die Szene stammt aus der Kinoproduktion „Jim Knopf und die  Wilde 13“, die Verfilmung des Bestsellers von Michael Ende soll im Oktober in die Kinos kommen. Wer Experten fragt, welches die technisch anspruchsvollsten Filmproduktionen aus Deutschland zurzeit sind, der bekommt  neben „Jim Knopf“ als Antwort „Dark“, „Babylon Berlin“ und die „Känguru-Chroniken“. Seit Jahren ist der Trend zu erkennen, dass die klassischen Filmaufnahmen immer häufiger durch digitale Bearbeitung veredelt werden. Im Produktionshaus Marvel, dem die Rechte an den Comic-Figuren aus dem Superhelden-Imperium gehören, gilt die Devise, dass keine Aufnahme unbearbeitet bleibt. 

Diesem Trend entsprechend hat der Berliner Senat ein Förderprogramm beschlossen. Zwei Millionen Euro stehen als Zuschuss für Filmproduktionen in diesem Jahr zur Verfügung, wenn digitale Technik zum Einsatz kommt, von Visual Effects (VFX) sprechen die Experten. Pro Film können maximal 500.000 Euro beantragt werden. Damit sollen Standortnachteile ausgeglichen werden, da es diese Förderprogramme schon in anderen Bundesländern gibt. Außerdem soll die Digitalbranche unterstützt werden, gewünscht sind Konzepte, an denen verschiedene junge Berliner Teams mitarbeiten können.

Die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Kirsten Niehuus hatten zur Vorstellung des Projekts ins Delphi-Lux-Kino geladen, wo die Gäste mit Sicherheitsabstand auf die Reihen verteilt wurden. Ramona Pop sprach vom genau richtigen Zeitpunkt für das Projekt. Vor allem deshalb, weil auch die Filmbranche unter den Unsicherheiten der Corona-Krise leidet, Kinos wie das Delphi-Lux haben erst seit ein paar Tagen wieder geöffnet sind.

Monatelang lag auch in Berlin die Filmproduktion lahm, so langsam geht es wieder los. Aber unter erhöhten Sicherheits- und Hygieneregeln: Bei den Dreharbeiten zu dem neuen „Matrix“-Film mit Keanu Reeves arbeiten in Babelsberg zwei Filmcrews im Schichtbetrieb, erzählte Niehuus: Sollte sich in der einen Gruppe eine Person infiziert haben, könnte die andere Gruppe trotzdem weitermachen.

In den USA scheinen die Bedingungen noch strenger zu sein: Bei den Dreharbeiten zum zweiten Teil des mit Oscars prämierten Science-Fiction-Epos „ Avatar“ gingen die Schauspieler zunächst in den USA in selbst gewählte Quarantäne, flogen dann mit einer Sondermaschine nach Neuseeland, gingen dort wieder in Quarantäne und begannen mit den Dreharbeiten erst nach einem Covid-19-Test. Alles eine Frage der Sicherheit und der Kosten: Sollte ein Hauptdarsteller erkranken, würde die Produktion lange stillstehen.

Die digitale Filmproduktion kann in so einer Zeit Gefahren reduzieren. Das geht schon bei der Planung los. Das Studio bEpic aus Kreuzberg kann Regisseuren und Kameramännern dabei helfen, die Räumlichkeiten vor dem Dreh zu vermessen. Haben mehrere Schauspieler also genügend Platz, um beispielsweise gemeinsam zu tanzen und doch Abstand zu wahren? Kein Problem für Martin Herzberg und sein Team, mit einer speziellen Kamera einen definierten Raum so darzustellen, dass der Kameramann einen guten Eindruck bekommt, was wirklich möglich ist. So entstehen virtuelle Realitäten. 

„Die Grenzen zwischen Realität und Animation verschwimmen“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) in Berlin, bei den Dreharbeiten von „The Mandalorian“ ist das besonders deutlich geworden.

Video: Youtube

In der Filmbranche als atemberaubend wird die Produktion zu „The Mandalorian“ bezeichnet. Dort wurde der Drehort ins Studio geholt, die Filmaufnahmen im Hintergrund sollten dem Schauspieler zeigen, wo er sich bewegt. Und weil die Darstellung so realistisch war, bekamen die Schauspieler den Eindruck, sie würden sich tatsächlich in einer Trümmerlandschaft bewegen. Für die Zukunft könnte das bedeuten, dass die Crews weniger Reisen müssen, die reale Welt wird im Studio konstruiert. Und alles passiert in einer sicheren Umgebung.

Wenn es also um visuelle Effekte geht, dann ist nicht länger nur die Veredelung von atemberaubenden Szenen gemeint, dann geht es nicht nur darum, Schauspieler spektakulär durch die Luft schweben zu lassen oder es in einer Schlägerei so richtig krachen zu lassen. Obwohl genau das auch weiterhin wichtig bleiben wird. Ufuk Genc, Geschäftsführer bei Cine Chromatix sagte, dass die Bedürfnisse sich geändert haben. Auch die deutschen Zuschauer würden inzwischen spektakuläre Inszenierungen fordern. Und weltweit, das zeigen die Erfolge von „Dark“ und „Babylon Berlin“, ist das sowieso schon Standard.  

Dann bleibt am Ende noch die sogenannten Postproduktion, also die Veredelung der Bilder. Auf diesem Gebiet hat sich das Unternehmen Rise FX einen Namen gemacht. In der Serie „Babylon Berlin“ gibt es eine Szene, in der sehr viele Menschen über den Alexanderplatz gehen. Bei den Filmaufnahmen waren nur wenige Statisten dabei, die meisten Figuren wurden später in die Aufnahmen montiert. Künstliche Intelligenz sorgte dafür, dass diese computeranimierten Figuren sich auch sicher bewegten. So herrschte pralles Leben auf dem Platz, kreiert in einem Studio. Rise ist auch dafür bekannt, Explosionen und Feuerausbrüche besonders gut darstellen zu können, so kommt es auch immer wieder zur Kooperation mit den Marvel-Studios wie beispielsweise bei „Captain Marvel“.

Helge Jürgens, Geschäftsführer beim Medienboard für den Bereich „Neue Medien“ verwies am Ende darauf, welche gestalterischen Möglichkeiten die Filmbranche in Zukunft hat. „Viele Drehbuchautoren und Regisseure wissen noch gar nicht, was schon jetzt alles möglich ist, ohne große Kosten zu verursachen“, sagte er. Er geht davon aus, dass ganz andere Geschichten erzählt werden können in Zukunft. Mit der Sichtweise ist er nicht alleine. Christian Sommer, Geschäftsführer von Trixter und Co-Produzent der „Känguru-Chroniken“ sieht deshalb eine große Chance für den Standort Deutschland.  Meistens bewegen sich hierzulande die Produktionskosten für anspruchsvolle Filme im mittleren Segment, so bei zehn Millionen Euro. Das reichte selten für weltweite Erfolge. Aber in Zukunft könnte die VFX-Technologie helfen, Geschichten auch mit weniger Geld spektakulär zu erzählen, sagte er.