Elektro-Roller des Sharing-Unternehmens Coup fährt durch Berlin.
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BerlinEgal, ob ein Auto, ein Roller, ein Fahrrad oder ein E-Scooter von einem Sharing-Unternehmen verliehen wird, jedes Mal erhebt der Anbieter Daten: Wer ist derjenige, der gerade fährt? Hat der Nutzer einen gültigen Führerschein? Von wo aus fährt der Kunde los, und wo stellt er den Wagen oder den Roller wieder ab? Es ist ein riesiger Datenschatz, den Sharing-Anbieter sammeln. Allein in Berlin sind nach Informationen der Senatsverwaltung mittlerweile knapp 40.000 Sharing-Fahrzeuge unterwegs. Um die 30 Anbieter teilen sich den Markt untereinander auf. Weitere haben ihren Start in der Hauptstadt schon angekündigt. Doch was passiert eigentlich mit den ganzen Daten, die bei den Unternehmen auflaufen?

Dass diese auch für Dritte einen Mehrwert haben können, zeigt gerade der Fahrdienstvermittler Uber. Kürzlich hat das US-amerikanische Unternehmen Berlin in seine Plattform „Uber Movement“ aufgenommen. Darauf sind Verkehrsdaten einsehbar, die bei Uber-Fahrten erhoben worden sind. „Die Daten sind für jeden zugänglich, auch für Stadtplaner oder Behörden“, sagt Oliver Klug, Sprecher von Uber in Deutschland. Zurzeit beschränken sich die Analysen auf Durchschnittsgeschwindigkeiten auf allen befahrbaren Straßen, schon bald sollen weitere Auswertungsmöglichkeiten hinzukommen.

Nur anonymisierte Daten dürfen von Sharing-Anbietern erhoben werden

„Die Analysen können zum Beispiel dafür genutzt werden, die Bus- und Ampel-Taktung zu optimieren“, so Klug. Auch könnten Straßen ausgemacht werden, auf denen der Verkehr so flüssig läuft, dass es zum Beispiel auch noch Raum für einen verbreiterten Radweg gäbe. Nicht hingegen gehe es darum, personenbezogene Informationen auszuwerten. Die Daten seien alle zu hundert Prozent anonymisiert, macht Klug von Uber deutlich.

Schon alleine datenschutzrechtlich wäre das auch nur schwierig möglich. Verhindern tut dies die Datenschutzgrundverordnung, die besagt, dass nur solche personenbezogenen Daten verarbeitet und genutzt werden dürfen, die zur Durchführung des Sharing-Angebots erforderlich sind. „Wenn ein Sharinganbieter auch personenbezogene Daten für ein genaues Profiling oder für Werbezwecke generieren will, dann könnte er das theoretisch in den Vertrag mit reinschreiben, allerdings nur optional, der Kunde muss die Möglichkeit haben dies abzulehnen“, sagt Uwe Schläger, Geschäftsführer vom Sicherheitsdienstleister Datenschutz Nord.

Genauso sieht es auch bei der Übermittlung personenbezogener Daten an Dritte aus. „Das wäre ebenfalls nur in anonymisierter Form möglich“, so Schläger.

Der Standort wird per GPS getrackt

Zumindest in dieser Form passiert es auch. Neben Uber zeigt sich beispielsweise auch der Fahrrad- und E-Scooter-Anbieter Lime – ebenfalls ein US-amerikanisches Unternehmen – offen bei der Weitervergabe von Daten. „Wir teilen gerne unsere anonymisierten Daten zum Verkehrsfluss, um die Städte bei der Weiterentwicklung ihrer Infrastrukturprojekte zu unterstützen“, teilt eine Sprecherin von Lime mit.

Technisch ist da einiges möglich. Denn üblicherweise erhoben werden eine ganze Reihe von Daten, weiß Alexander Gmelin, Mitglied der Geschäftsleitung bei Invers, einem Siegener IT-Unternehmen, das die Soft- und Hardware für über 200 Sharing-Unternehmen weltweit baut. Auch Coup, Miles, Cambio, Emmy oder Flinkster, Sharing-Anbieter, die auch in Berlin auf dem Markt sind, sind Kunden. Mit dem Betriebssystem von Invers wird beispielsweise der Standort des Fahrzeugs per GPS erhoben, übermittelt wie voll der Akku oder der Tank ist und bei einem Auto etwa auch, ob es verschlossen ist. Auch werden anonymisierte Bewegungsdaten erhoben: Wann sind Fahrzeuge von wo nach wo bewegt worden und wie viele Kilometer sind gefahren worden? Je nach Fahrzeugklasse müssen von den Nutzern gültige Führerscheindaten vorliegen, das ist gesetzlich vorgeschrieben.

„Bei allen möglichen Analysemöglichkeiten geht es aber nicht darum, zu sehen, ob ein Nutzer Freitagabends mit dem E-Scooter immer die gleiche Kneipe ansteuert“, sagt Gmelin. „Theoretisch ist es natürlich möglich, zu erheben, wer wann wohin gefahren ist. Eine solche personenbezogene Analyse stellen wir aber nicht bereit und wird von unseren Kunden auch nicht nachgefragt“, so Gmelin. Für Anbieter sei viel entscheidender, nachvollziehen zu können, wo in der Stadt die größte Nachfrage herrscht, um die optimale Flottengröße an den richtigen Ort bereitzustellen.

Seiner Ansicht nach könne es auch durchaus sinnvoll sein, mit den Städten in den Austausch zu treten und Daten zu teilen: Wo fehlt es an Mobilitätsangeboten, Parkplätzen oder Fahrradwegen?

Freiwilliger Austausch mit der Stadt

Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz ist einem solchen Austausch von Daten gegenüber durchaus aufgeschlossen eingestellt. Sofern das Sammeln unter den geltenden Datenschutzbestimmungen erfolge, seien solche Verkehrsdaten grundsätzlich von großem Interesse für die Verkehrsräume und Verkehrsströme, so eine Sprecherin. Noch besteht kein systematischer Austausch solcher Daten. Der Senat stehe allerdings mit den Anbietern in Kontakt, ohne das vertragliche Beziehungen mit dem Land Berlin bestehen. Damit können derzeit schon Nutzungsdaten auf Basis von freiwilligen Vereinbarungen zwischen den Anbietern und dem Land Berlin geteilt werden.

„Das aktuelle Geschäftsmodell der Verleiher ist nur durch die Nutzung des öffentlichen Raumes möglich. Schon daher gibt es ein Interesse, diese Daten für die Verwaltung zu nutzen“, so die Sprecherin von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Die öffentliche Hand könnte die Daten nicht nur in die Planung von öffentlichen Verkehrsangeboten, sondern auch etwa in die Weiterentwicklung der Angebote hinsichtlich Verbesserungen bei der Standortverträglichkeit einfließen lassen.“

So viele Sharing-Fahrzeuge gibt es in Berlin

16.000 E-Scooter zum Mieten sind nach Angaben der Anbieter mittlerweile auf Berlins Straßen unterwegs. Damit haben die E-Tretroller-Betreiber die größte Flotte von allen Sharing-Diensten.
14.000 Mietfahrräder zählt der Senat auf Berlins Straßen. Diese werden von neun Anbietern zur Verfügung gestellt. Wobei die Anzahl der einzelnen Räder jahreszeitlich schwankt.
7.000 Carsharing-Fahrzeuge gibt es in etwa in Berlin. Davon sind um die 1 000 stationsbasiert und um die 6 000 stationslos – sie können überall im Verbreitungsgebiet abgestellt und abgemietet werden.
2.300 Leih-E-Roller sind derzeit auf das Stadtgebiet verteilt.  Es ist die kleinste Flotte mit nur zwei Anbietern: „Coup“ und „Emmy“. Für dieses Jahr hat sich mit „Felyx“ ein weiterer Verleiher angekündigt.
(Quelle: Berliner Senat)

In anderen Ländern ist das schon verbreiteter. Allen voran in den USA werden bereits Verkehrsdaten von Sharinganbietern ausgewertet und den Städten zur Verfügung gestellt.

Manches Mal gelangen die Betreiber in der Folge auch zu kuriosen Ergebnissen. So hätten Carsharingbetreiber in Japan in der Vergangenheit beispielsweise festgestellt, dass ihre Fahrzeuge oft in der Mittagszeit angemietet wurden, aber vielfach keinen Meter bewegt worden sind, erzählt Gmelin von Invers. Bei einer genaueren Analyse kam heraus, dass die Nutzer das Auto nicht angemietet hätten, um damit von A nach B zu kommen, sondern um in der Mittagspause darin zu schlafen. Das Auto diente quasi als Alternative zu einem teuren Hotelzimmer. „Man könnte in der Folge also die Frage stellen, ob es möglicherweise sinnvoller ist, Schlafkapseln zu installieren, anstatt Fahrzeuge an diesen Stellen zu positionieren“, sagt Gmelin.

Die Sharingbetreiber jedenfalls sind sich bei der Frage nach der Weitergabe der Daten weitgehend einig. Während einige, wie der Berliner E-Scooter-Verleiher Tier ebenfalls mitteilt, dass ein Austausch von reinen Fahrdaten mit den Städten durchaus Sinn mache, schließt er wie alle anderen angefragten Unternehmen eine kommerzielle Nutzung personenbezogener Daten aus. „Wir speichern keine vollständigen Bewegungsprofile unserer Nutzer“, sagt etwa Julia Grothe, Sprecherin des Roller-Verleihers Coup. Das Unternehmen erfasse nur Daten, die für eine reibungslose Bereitstellung des Service erforderlich oder gesetzlich vorgeschrieben seien.