Diese Google- Brille sollte vor einigen Jahren vieles revolutionieren. Auch in der Medizin.
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BerlinVor ein paar Jahren galt eine smarte Gabel als besonders innovativ. Sie sollte den Menschen helfen, bewusster zu essen, besonders wichtig war der Aspekt des Kauens. Der  elektronische Helfer konnte das Problem mit dem Übergewicht aber auch nicht beheben. Noch ein Beispiel: Seit Jahren wird über das vernetzte Wohnen gesprochen und den smarten Kühlschrank, der selbstständig Milch bestellen soll, wenn der Vorrat verbraucht ist. Wer vor Weihnachten in einer der langen Schlangen in den Supermärkten gestanden hat, weiß genau, dass die meisten Menschen nicht nur ihre Milch noch immer selbst einkaufen. Was wirklich gut ankommt bei den Konsumenten – wer weiß das schon?

Einen ersten Ausblick auf mögliche Innovationen bietet im kommenden Jahr traditionell die Consumer Electronics Show (CES), die vom 8. bis 10. Januar in Las Vegas stattfindet. Die Show hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Automobilmesse entwickelt, die im Kalender der Autobauer fast noch wichtiger ist als die Branchentreffen in Detroit oder Genf. Kein Wunder: Autos sind Computer auf vier Rädern.

In einem durchschnittlichen Fahrzeug stecken heute 150 Millionen Zeilen Programmiercode. Zum Vergleich: Das gesamte Space Shuttle kam mit etwa 400 000 Zeilen Code aus. Das Betriebssystem ist für die vollvernetzten Vehikel mindestens so bedeutsam wie das Getriebe. Etwa 7,7 Milliarden Dollar haben private Investoren zudem im vergangenen Jahr in die Technologie des autonomen Fahrens gesteckt, das sind etwa zehn Prozent der weltweiten privaten Investitionen, danach folgen Ausgaben für die Bereiche Medizin und Gesichtserkennung.

Alarmierte Verkehrsexperten

Auch Google drängt mit seinem Infotainment-System Android Automotive in den umkämpften Automarkt, der nicht nur wegen der neuen Antriebsstränge – Stichwort Elektrifizierung –, sondern auch wegen neuer Mobilitätsdienste vor einer gewaltigen Transformation steht.

In Deutschland haben die großen Autobauer Volkswagen, Daimler und BMW Änderungen in ihren Strategien angekündigt. Der sehr medienaktive Tesla-Chef Elon Musk hat erklärt, im kommenden Jahr eine Million Robo-Taxis auf die Straßen zu schicken, die die Fahrdienstleister Uber und Lyft unter Druck setzen sollen. Musks vollmundige Versprechen sind ja immer mit etwas Vorsicht zu genießen. Schon häufiger hat er mit seinen Ankündigungen Anleger enttäuscht.

Der umtriebige Technikvisionär hat die Analysten aber auch immer wieder überrascht, nicht zuletzt mit der Ankündigung, in Brandenburg eine Fabrik zur Fertigung seiner Elektroautos errichten zu wollen.

Fataler Fehler

Mit dem Taxi-Service „Tesla Network“ sollen Tesla-Besitzer ihr autonomes Fahrzeug zum Robo-Taxi umfunktionieren: Wenn das Roboterfahrzeug den Besitzer zum gewünschten Ziel kutschiert hat, fährt es autonom durch die Stadt und sammelt per App Fahrgäste ein. Der Besitzer soll dann zwischen 25 und 30 Prozent des Beförderungstarifs als Provision kassieren. Verkehrsexperten sind alarmiert: Tesla hat 2016 einen tödlichen Unfall auf einem Highway in Florida verursacht, weil die Sensoren den im rechten Winkel kreuzenden weißen Sattelschlepper mit dem hellen Himmel verwechselt hatten.

Ein fataler Fehler. Der Stadtverkehr mit seinen unvorhersehbaren Ereignissen ist deutlich komplexer als der Autobahnverkehr – und stellt die Technik vor neue Herausforderungen. Bleibt die Frage: Wie sicher können Robotertaxis im Großstadtdschungel navigieren?  

Zweifel an Innovationen

Auto: Ausgerechnet der deutsche Kaiser, Wilhelm II., hielt nichts von den neuen Fahrzeugen: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“, sagt er. Nicht nur die Staus auf den
Autobahnen zeigen, dass es anders gekommen ist.

Computer: „Es gibt vielleicht einen Markt für vier, fünf Computer auf der ganzen Welt“, sagte IBM-Boss Thomas Watson 1943. Damals hatten Rechner allerdings die Größe eines Hauses und die Rechenleistung eines modernen Taschenrechners.

iPhone:  „Das IPhone hat keine Chance, auf dem Markt zu bestehen.“ Das sagte Microsoft-Geschäftsführer Steve Ballmer, als die Apple-Geräte 2007 auf den Markt kamen. Die Folge: Microsoft verpasste den Anschluss, brauchte Jahre, um sich neu aufzustellen.

Ein zweites großes Ereignis: Apples Präsentation seiner Innovationen im September. Gerüchten zufolge plant das Unternehmen die Fertigung einer Datenbrille (Apple Glass). Und nicht nur Apple scheint was vorzuhaben: Die Zukunftsforscherin Amy Webb schrieb neulich, dass auch Amazon, Microsoft und Facebook an der Idee der vernetzten Brille arbeiten. Fraglich ist, ob eines der genannten Unternehmen mit einer Augmented-Reality-Brille mehr Erfolg haben wird als Google. Google musste sein Produkt vor vier Jahren nach nur zwölfmonatigem Einsatz wieder vom Markt nehmen – die Träger wurden in den USA als „Glassholes“ beschimpft und aus Bars verwiesen.

Richtig durchsetzen konnte sich Google mit der Erfindung jedoch nicht. 
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Viele empfanden es als übergriffig, von Unbekannten mit einer in die Datenbrille installierten Kamera gescannt zu werden. Ob sich die Gadgets im Konsumentenbereich durchsetzen werden, bleibt also sehr fraglich. Nicht nur Amy Webb auch andere Zukunftsforscher gehen aber davon aus, dass die Menschen noch häufiger digitale Geräte mit sich herumführen werden, am Handgelenk, in den Schuhen und in Kleidungsstücken.

Diese Geräte werden auf unterschiedliche Weise gesteuert. Als neue Möglichkeit kam Ende des Jahres die Radarfunktion in den Google-Smartphones dazu, so ließen sich die Geräte erstmals ohne Berührung bedienen. In China gehören Datenbrillen schon zur Ausrüstung von Polizisten, die so  nach Kriminellen in Menschenmengen fahnden. Im Reich der Mitte werden im kommenden Jahr auch 626 Millionen Videokameras in Betrieb sein. Bis 2021 könnten nach Schätzungen der Analysefirma IHS Markit weltweit sogar über eine Milliarde Kameras installiert sein – 54 Prozent davon in China.

Das Überwachungsnetz bildet die Grundlage für das im nächsten Jahr beginnende Sozialkreditsystem, bei dem Bürger ein Punktekonto erhalten und nach ihrem Verhalten bewertet werden. Wer Blut spendet oder die Regierung in sozialen Medien lobt, bekommt Punkte gutgeschrieben. Wer dabei erkannt wird, dass er bei Rot über die Ampel geht, bekommt Punkte abgezogen.

Suchanfragen mit der Stimme

Apropos Überwachung: Der US-Wahlkampf könnte nicht nur genauso schmutzig wie der vorherige werden, sondern noch um eine Stufe datengetriebener.

Der US-Journalist Thomas B. Edsall schrieb kürzlich in einem Leitartikel für die New York Times, dass Donald Trump gerade dabei sei, den Kampf um die Netzhoheit für sich zu entscheiden. Trumps Wahlkampfteam könnte massiv Smartphone-Daten abgreifen. So könnten Wahlkampfteams herausfinden, wo sich der Smartphone-Nutzer aufhält, welche Webseiten er besucht, welche Interessen er hat – und detaillierte Psychogramme potenzieller Wähler erstellen.

Als hätte es den Datenskandal um Cambridge Analytica nie gegeben

Übrigens: Die Prognosen, die der Futurist Ray Kurzweil in seinem 1999 erschienenen Buch „Homo S@piens“ für das Jahr 2019 stellte, lesen sich erstaunlich aktuell. Er schreibt: „Computer sind jetzt weitgehend unsichtbar überall eingebettet – in Wände, Tische, Stühle, Schreibtische, Kleidungsstücke, Schmuck und im Körper.“

Und: „Die Interaktion mit Computern erfolgt überwiegend durch Gesten und Zweiwege-Kommunikation in natürlicher gesprochener Sprache.“ Tatsächlich: Im nächsten Jahr wird voraussichtlich die Hälfte aller Suchanfragen mit der Stimme durchgeführt. Man muss nicht in die Glaskugel schauen, um die nicht allzu kühne Prognose zu wagen, dass der Alltag im kommenden Jahr noch etwas computerisierter wird.