Bis jetzt, sagt Alexandra Matschke, sei sie immer mit einem blauen Auge davongekommen. Doch die gebürtige Berlinerin ist passionierte Radfahrerin. „Und ich weiß, was da alles passieren kann“, sagt sie. Ihr Wissen ist einer der Gründe, weshalb die 39-Jährige seit mehr als zwanzig Jahren regelmäßig Blut spendet.

„Tag für Tag sind so viele Menschen auf Blutkonserven angewiesen“, sagt Matschke. Allein in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Sachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein, die durch den Blutspendedienst Nord-Ost des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit Spenderblut versorgt werden, sind täglich rund 1.900 Blutkonserven erforderlich. Das sind 950 Liter Blut. „Mir tut die Spende nicht weh“, sagt Matschke. „Also helfe ich, weil ich helfen kann.“

Für ihr Engagement soll Matschke am heutigen 14. Juni, dem Internationalen Weltblutspendertag, gemeinsam mit 64 weiteren Spendern vom DRK bei einer Feier in Berlin geehrt werden. Mit dem Aktionstag wollen die DRK-Blutspendedienste bundesweit auf die Bedeutung der Blutspende und auf das Engagement der Spender aufmerksam machen.

Auch Jens und Burkhard Kunkel aus Schwerin werden bei der Berliner Veranstaltung dabei sein. Bei einem schweren Motorradunfall im Jahr 2006 riss dem damals 24-jährigen Jens Kunkel unter anderem die Beckenarterie. Schwere Blutverluste waren die Folge. Mithilfe von 45 Transfusionen konnten die Ärzte sein Leben retten – ohne die Blutspenden wäre Kunkel heute nicht mehr am Leben. „Ich habe damals einen kompletten Ölwechsel erhalten“, sagt er.

Blutplättchen nur kurz haltbar

Jens Kunkel, der inzwischen in Kiel lebt, darf aus gesundheitlichen Gründen selbst kein Blut spenden. Doch sein Vater Burkhard ist stellvertretend für den Sohn zum regelmäßigen Spender beim DRK in Schwerin geworden. Er betrachtet die Blutkonserven, die seinem Sohn das Leben gerettet haben, als ein Geschenk, das er gerne zurückgeben möchte.

Alexandra Matschke und Burkhard Kunkel zählen zu den rund 1,9 Millionen Blutspendern in Deutschland, mit deren Hilfe die DRK-Blutspendedienste den Kliniken und Praxen hierzulande jährlich fast 3 Millionen Vollblutspenden zur Verfügung stellen. Das mag viel klingen – und doch ist Blut ein knappes Gut, was auch an der begrenzten Haltbarkeit der Blutkonserven liegt.

„Die klassische Konserve, das Erythrozytenkonzentrat, kann gekühlt maximal sechs Wochen aufbewahrt werden“, sagt Elisabeth Urban, die stellvertretende Leiterin des Instituts für Transfusionsmedizin Dresden beim DRK-Blutspendedienst Nord-Ost. Um mit einer Blutspende möglichst mehreren Verletzten oder Schwerkranken zu helfen, wird das gespendete Blut in drei Bestandteile aufgeteilt: in die Erythrozyten, also die roten Blutkörperchen, in das Blutplasma und in die Thrombozyten, die Blutplättchen. „Letztere sind nur wenige Tage haltbar, das Plasma tiefgekühlt immerhin bis zu zwei Jahre“, sagt Urban.

Parallel zur Aufbereitung wird das gespendete Blut auf die Blutgruppe sowie auf Krankheitskeime getestet, unter anderem auf die Erreger von Aids, Hepatitis und Syphilis. Erst wenn diese Tests negativ sind, gelangen die aus dem Blut gewonnenen Konserven in Umlauf. Seit dem Zeitpunkt der Spende sind dann maximal 36 Stunden vergangen.

„Erythrozytenkonzentrate kommen vor allem bei großen Operationen, etwa Transplantationen oder dem Austausch eines Gelenks, sowie bei Unfällen mit hohem Blutverlust zum Einsatz“, sagt Urban. Daneben würden sie Patienten verabreicht, bei denen die Bildung oder Funktion der roten Blutkörperchen beeinträchtigt ist. Auch bei Blutgruppenunverträglichkeiten zwischen einem Neugeborenen und seiner Mutter könne die Blutkonserve lebensrettend sein.

Thrombozytenkonzentrate werden der Medizinerin zufolge vor allem Patienten mit Blutkrebserkrankungen während oder nach einer Chemotherapie gegeben. Auch Patienten mit Blutgerinnungsstörungen sind auf regelmäßige Gaben von Blutplättchen angewiesen. Plasmaspenden werden ebenso wie die klassische Blutkonserve bei schweren Blutverlusten sowie bei Lebererkrankungen verabreicht.

„Vor allem aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung, aber auch wegen der verbesserten medizinischen Möglichkeiten steigt der Bedarf an Spenderblut jedes Jahr“, sagt Urban. „Gleichzeitig gibt es, bedingt durch den Geburtenrückgang, immer weniger junge Menschen und damit weniger potenzielle Blutspender.“

Seit langem existieren daher Bestrebungen, den Bedarf an Spenderblut einzudämmen. Ein erster Erfolg zeichnet sich seit etwa drei Jahren ab. „Im Rahmen des internationalen Projekts Patient Blood Management bemühen sich Ärzte und Wissenschaftler um verschiedene Maßnahmen, mit denen sich der Verbrauch von Blutkonserven reduzieren lässt“, sagt Urban.

Eine Maßnahme besteht beispielsweise darin, vor geplanten Operationen die Patienten auf Blutarmut zu testen und gegebenenfalls zu behandeln. „Schon dieser einfache Schritt erhöht die Chance, dass ein Patient bei dem Eingriff mit weniger oder gar keinen Blutkonserven auskommt“, sagt Urban. Eine andere Möglichkeit ist es, das austretende Wundblut bei Operationen aufzufangen und in speziellen Geräten, Cell Saver genannt, zu reinigen, um es dem Patienten anschließend wieder zuzuführen.

Ob solche Maßnahmen ausreichen, den Bedarf an Spenderblut langfristig sicherzustellen, ist allerdings fraglich. Seit vielen Jahren versuchen Wissenschaftler daher, Blut auch künstlich im Labor herzustellen. Einer von ihnen ist der Medizinische Geschäftsführer des DRK-Blutspendedienstes Nord-Ost, Torsten Tonn. Seinem Team gelang es, aus Stammzellen des Knochenmarks rote Blutkörperchen zu züchten. „Noch ist allerdings unklar, ob sich die gezüchteten Zellen im Körper genauso verhalten wie die, die auf natürlichem Wege entstanden sind“, sagt Tonn. Entsprechende Versuche an Tieren und erst recht an Patienten stehen noch aus.

Doch selbst wenn derartige Tests positiv verlaufen würden, müsste die Effektivität des Verfahrens noch massiv gesteigert werden, damit die Methode rentabel wird. „In einer einzigen Blutkonserve stecken rund zwei Billionen rote Blutkörperchen“, sagt Tonn. „Diese künstlich im Labor herzustellen, würde derzeit mehrere Hunderttausend Euro kosten.“ Tonn will sein Verfahren zunächst vor allem Menschen mit ganz seltenen Blutgruppenkonstellationen zugänglich machen, für die gewöhnliche Blutspenden nicht in Frage kommen.

Hämoglobin aus Wattwürmern

Auch in Frankreich laufen Versuche, Blut künstlich herzustellen. Der Biologe Franck Zal etwa, Gründer des Start-up-Unternehmens Hemarina im bretonischen Morlaix, hat aus Wattwürmern den roten Blutfarbstoff Hämoglobin gewonnen, der für die wichtigste Aufgabe des Blutes, den Transport von Sauerstoff, zuständig ist – und der auch für andere Spezies gut verträglich zu sein scheint.

Jedenfalls verabreichte der Forscher Mäusen und Kaninchen, deren eigenes Blut er zuvor von dem Blutfarbstoff komplett befreit hatte, das Wattwurm-Hämoglobin. Die Versuchstiere überlebten das Experiment, ohne dass es zu irgendwelchen Abstoßungsreaktionen kam.

Jeder Dritte könnte spenden

Inzwischen laufen erste klinische Tests am Menschen, wo das künstliche Blut aus dem Wattenmeer bei Nierentransplantationen zum Einsatz kommt. Ziel ist es, das Organ während des Eingriffs besser mit Sauerstoff zu versorgen und so den Chirurgen bei ihrer Arbeit mehr Zeit zu geben.

„Diese und andere Ansätze werden die Blutspende aber auch auf lange Sicht nicht überflüssig machen“, sagt die Dresdener Medizinerin Urban. Derzeit spenden knapp 3 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Blut. 33 Prozent allerdings könnten es tun. „Jeder gesunde Mensch zwischen 18 und 73 Jahren, der mindestens 50 Kilogramm wiegt, kommt als Blutspender in Frage“, sagt Urban. Ein kleiner Piks und eine gute halbe Stunde Zeit könnten so bis zu drei Menschen das Leben retten.