Berlin - Hermann Hesse („Das Glasperlenspiel“, „Narziß und Goldmund“), einer der großen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, hat in seiner romantischen Art so über Bücher geurteilt: „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“ Hesse starb 1962 in der Schweiz. Zu seinen Lebzeiten gab es kein Internet, kein Wlan und keine Computerspiele. Aber offensichtlich schon gebildete Haushalte ohne Lesekultur.

Inzwischen herrscht die gesellschaftliche Angst, dass die Kinder kaum noch etwas mitbekommen von traditioneller Kultur, weil Computerspiele mit ihren Belohnungssystemen und Smartphones mit den verführerischen Apps die ganze Aufmerksamkeit absaugen. Während der Pandemie und der Lockdowns, das ergaben Umfragen, haben die Kinder mehr Zeit zockend vor den Bildschirmen verbracht. Die Weltgesundheitsorganisation fand das gut, weil die Kinder zu Hause vor dem Computer spielten. Social Distancing und Ansteckungsgefahr waren somit kein Thema.

Viele Eltern aber waren in Sorge, weil sie Angst hatten, dass es in den Köpfen ihrer Kinder nur noch um Strategien, Belohnungen und das nächste Level ging. Doch ganz so schlimm wie Kulturpessimisten die Lage beurteilen, scheint sie nicht zu sein. Die Nachhilfeplattform GoStudent.org hatte aus Anlass des „Welttags des Buches“, der heute weltweit gefeiert wird, rund 3000 Kinder in Europa zwischen sechs und 18 Jahren zu ihrem Leseverhalten befragt.

Das wichtigste Ergebnis: Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen liest täglich in einem Buch. Die Zahlen decken sich mit Umfrage-Ergebnissen der vergangenen Jahre, seit 2002 bewegen sie sich in diesem Rahmen. Und es geht noch weiter: Die Bücher für Kinder und Jugendliche werden zumeist in der Buchhandlung (58,5 Prozent) gekauft und nicht nur Online (41,5 Prozent). Außerdem erzielten Kinder- und Jugendbücher im vergangenen Jahr über alle Vertriebswege hinweg im Vergleich zum Vorjahr deutliche Zuwächse von 4,7 Prozent – keiner anderen Warengruppe aus der Buchbranche gelang ein ähnlicher Zuwachs. Ganz so schlimm scheint es also um die Kinder- und Jugendkultur in Deutschland nicht zu stehen.

Außerdem stellt sich die Frage, ob Eltern und Pädagogen sicher sein können, dass das Wissen aus Büchern wirklich so wichtig ist für die Bildung in der Zukunft? Unternehmen, die beispielsweise auf das papierlose Büro setzen, werden überall gelobt, weil so Papier gespart und die Umwelt geschont wird. Gleichzeitig müssen die Mitarbeiter an ihren Schreibtischen ihre Aufgaben und ihre Archivierungen am Bildschirm erledigen. Sollten Kinder also nicht frühzeitig lernen, den Bildschirm für die Bildung zu nutzen?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt auch, dass die Menschen früher durchaus skeptisch waren, als der Buchdruck aufkam. Bis dahin tanzten die Menschen zusammen, sangen und beteten gemeinsam, führten lautstarke Diskussionen – auf einmal zogen sie sich zurück aus der Gemeinschaft. Das weckte Zweifel und Misstrauen. Später, Anfang des 19. Jahrhunderts, brachte die wachsende Popularität von gedruckten Zeitungen Beobachter zu dem Schluss, dass die Aktualität der Tageszeitungen die klassischen Bücher vom Markt verdrängen werde. „Gedanken werden sich mit Lichtgeschwindigkeit auf der Welt verbreiten, unmittelbar empfangen, geschrieben und verstanden werden“, schrieb der französische Dichter und Politiker Alphonse de Lamartine im Jahr 1831.

Dass mit den Gedanken in Lichtgeschwindigkeit ließe sich so heute auch über das Internet sagen. Damals haben die Bücher überlebt. Und in Zukunft?

Neuro-Wissenschaftler stellen einen Unterschied fest, ob Personen Bücher in die Hand nehmen und lesen oder das Druckwerk am Computer konsumieren. Das haptische Gefühl macht den Unterschied, aber auch die Möglichkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, ganz einzulassen, ohne den Anreiz am Rechner, irgendwohin zu surfen, wohin man eigentlich gar nicht wollte. Clive Thompson, Autor des Magazins Wired, bezeichnete das Netz schon vor Jahren als Außenbordgehirn, das die Rolle übernimmt, die bislang unser Gedächtnis gespielt hat. „Ich habe es beinahe aufgegeben, zu versuchen, mir irgendetwas zu merken, weil ich mir die gewünschte Information jederzeit aus dem Netz holen kann.“

Hilft das Bücherlesen also, das Gedächtnis zu unterstützen oder ist clevere Nutzung des Netzes die bessere Alternative? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wieder irgendwo in der Mitte. Oder wie es Manfred Spitzer in seinem Bestseller „Digtiale Demenz“ forderte: „Es wird Zeit, dass wir gerade bei Entscheidungen im Bereich der Pädagogik nicht Marktgeschrei, sondern gesichertes Wissen zugrunde legen.“