Es gibt unzählige Namen für den Ort, über den man nicht so gerne spricht: das WC, das stille Örtchen, der Abort, der Lokus. Man geht „für kleine Mädchen“, „für Königstiger“ oder einfach „um die Ecke“. Was den Leuten hierzulande meist nur Anlass für sprachliche oder ästhetische Überlegungen bietet, ist für ein Drittel der Menschheit ein dramatisches Problem, bei dem es nicht selten ums Überleben geht. Etwa 2,4 Milliarden Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu einer ordentlichen Toilette. Viele müssen sich mit Eimern oder Plastiktüten behelfen. Etwa eine Milliarde erledigt ihr Geschäft gleich im Freien. 90 Prozent von ihnen leben in Südasien und in Afrika südlich der Sahara.

„In ländlichen Gebieten mag das noch eine Zeitlang vertretbar sein, in den Städten wird es jedoch bald zum Problem“, sagt Elena Gross, die sich an der Universität Bayreuth mit innovativen Lösungen für den Abfall einer stetig wachsenden Gesellschaft beschäftigt. Im Jahre 2050 wird es voraussichtlich neun Milliarden Menschen auf der Erde geben. 80 Prozent leben dann in dicht besiedelten Städten. „Wenn man Pech hat, wird man dort von einer Flying Shit Bag am Kopf getroffen“, sagt die Forscherin der Bayreuth International Graduate School of African Studies. Sie meint die verbreitete Angewohnheit, das Geschäft in einer Plastiktüte zu verrichten und diese dann aufs Dach oder so weit weg wie möglich zu schleudern.

In Entwicklungsländern mangelt es an Geld und Material für angemessene sanitäre Einrichtungen. Der Boden ist oft nicht nutzbar für eine Kanalisation, die Flüsse sind verschmutzt. In manchen Vierteln Bangladeschs teilen sich mehr als 400 Menschen eine öffentliche Gemeinschaftstoilette. Dies sind verständlicherweise keine beliebten Plätze. Frauen fürchten Übergriffe, und Angehörige der unteren Kaste, die sogenannten Latrinenputzer, müssen mit bloßen Händen arbeiten. Mangelnde Hygiene und verschmutztes Wasser lösen gefährliche Krankheiten aus, unter anderem gefährliche Durchfälle, Cholera, Typhus. Sie führen jährlich zu Millionen Todesfällen.

Dringend gefragt sind moderne, möglichst einfache und umweltfreundliche Lösungen. Der schwedische Professor Anders Wilhelmson hatte bereits eine Idee: ein Tütenklo mit Namen „Peepoo“. Diese Einwegtoilette ist überall einsetzbar und innen mit Harnstoff beschichtet, der alle Keime abtöten soll. Der Beutel besteht aus Bioplastik, das innerhalb weniger Monate zerfällt. Zugeknotet kommt er auf einen Sammelplatz und wird zu Kompost, reich an Mineralien und Nährstoffen, mit dem Ackerland gedüngt werden kann.

Elena Gross jedoch zeigt sich skeptisch: „Ich glaube nicht, dass wir bereits an dem Punkt sind, menschliche Fäkalien als Dünger zu benutzen“, sagt sie. „Es besteht immer das Risiko, dass sie noch nicht vollständig getrocknet, dass Keime sowie Parasiten noch lebendig sind.“ Und was mache man dann mit all dem Abfall? Wer leere die Container? „Meist scheitern die Ideen an der praktischen Ausführung vor Ort.“

„In Berlin wird die Düngung bereits praktiziert“, sagt dagegen Klaus Fricke vom Umweltbundesamt. Hier werde nicht einfach Kot auf Gemüse geworfen. Aber unter der Marke „Berliner Pflanze“ könne aus menschlichem Abfall gewonnenes Phosphat erworben und der Erde beigemischt werden. „Ich habe auch solch einen Beutel zu Hause“, sagt Fricke. Phosphat sei ein Rohstoff, der für die Landwirtschaft dringend benötigt werde. Er sei nicht ersetzbar. Statt ihn aus dem Ausland importieren zu müssen, könne man ihn selbst gewinnen und so den Kreislauf schließen. Lediglich der Klärschlamm müsse noch entsorgt werden.

An diesem Problem setzt der Hamburger Wissenschaftler Ralf Otterpohl an. Er will aus dem Rest der Fäkalien Biokohle herstellen. Die Idee des Diplomingenieurs ist nicht die einzige, die zur Zeit aus den Hamburger Wasserwerken kommt: „Dort haben sie wirklich innovative Ansätze“, sagt Klaus Fricke. So arbeite man bereits an einer Toilette für normale Haushalte, die mit Unterdruck betrieben wird, ähnlich einem WC im Flugzeug oder im Zug. Der Wasserverbrauch beim Spülen sinke auf weniger als einen Liter. Das Abwasser werde in eine Biogasanlage geleitet – im Fachjargon „Faulturm“ genannt – und in Methan umgewandelt. „Das kann dann genauso wie Erdgas verwendet und wiederum als Energiequelle für die Kläranlage genutzt werden“, sagt Fricke. Eine autarke Selbstversorger-Fabrik und eine wasserlose Toilette.

Genau dies sei auch der richtige Ansatz für Entwicklungsländer, meint Elena Gross. Die klassische Spültoilette eigne sich definitiv nicht für arme Länder, die mit Wassermangel zu kämpfen haben. Weil Klärwerke fehlten, gelangten die hochinfektösen Fäkalien unbehandelt in die Gewässer. Erfolg verspricht nach Auffassung der Wissenschaftlerin eher das „Trennklo“. Es ist einfach zu installieren und zu handhaben. Der Urin läuft ab, der Kot fällt in die Kompostkammer. Weil beide Substanzen nicht vermischt werden, entsteht kein Stickstoff, ergo kein Gestank. „Das Gute daran ist auch“, erklärt Elena Gross, „dass der Urin fast vollständig zu Wasser aufbereitet werden kann und der Rest da unten genügend Zeit hat, vollständig durchzutrocknen.“

Es gibt allerdings auch kulturelle Probleme. „Viele Menschen aus diesen Weltgegenden hatten noch nie eine Toilette“, sagt Valentin Post, Gründer der Nichtregierungsorganisation Waste. „Wir müssen schon mit guten Argumenten kommen, um sie davon zu überzeugen, dass sie auf einmal so etwas brauchen – und gegebenenfalls auch noch dafür zahlen sollen.“ Valentin Post stellt sich seit Jahren den Herausforderungen der mangelnden Sanitäreinrichtungen vor allem in Indien und Afrika. „Warum brauche ich eine Toilette?“, fragten ihn dort die Menschen. An deren Bewusstsein müsse man ansetzen.

Elena Gross pflichtet ihm bei. Damit nämlich die Krankheitsfälle langfristig sinken, müssten 98 Prozent der Menschheit mit Toiletten versorgt sein, erklärt die Forscherin. Erst dann könne sich die Umwelt erholen. „Es ist nicht nur eine Frage der Gewässer. Die Böden sind in manchen Gebieten so durchseucht, dass wir eine grundlegende Veränderung im Verhalten brauchen.“ Der erste Schritt wäre dabei, die Scham zu überwinden und offen mit dem Thema umzugehen.