Ein wehrloser Fleischberg, etliche Tonnen schwer und leicht zu erlegen – wer wollte da nicht zugreifen? Russische Pelzjäger, die ihren Proviant aufstocken wollten, kamen im 18. Jahrhundert gern auf die unwirtliche Beringinsel östlich der sibirischen Halbinsel Kamtschatka. Denn 1741 hatte der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller bis zu acht Meter lange Seekühe entdeckt, die eine mehr als lohnende Beute versprachen. Es dauerte gerade einmal 27 Jahre, bis die Jäger den Letzten der schwimmenden Kolosse zur Strecke gebracht hatten. Beschreibungen, Zeichnungen, ein paar Knochen und Hautreste – mehr ist von Stellers Seekuh nicht geblieben.

Für Gerardo Ceballos von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko und seine Kollegen gehört diese Art zu den vielen Zeugen einer höchst bedenklichen Entwicklung: Das sechste große Massen-Aussterben der Erdgeschichte habe bereits begonnen, warnten die Forscher kürzlich im Fachjournal Science Advances. Und diesmal seien keine Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge schuld wie in früheren Epochen. Sondern der Mensch.

Tatsächlich kennen Biologen mittlerweile zahlreiche Beispiele für Tiere, die die Aktivitäten des Menschen nicht gut verkraftet haben. Manche Arten haben vor der Zerstörung ihrer Lebensräume kapituliert, andere vor eingeschleppten Feinden und Konkurrenten. Und sehr viele auch vor Jägern. Nachdem die Polynesier am Ende des 13. Jahrhunderts Neuseeland erreichten, gerieten zum Beispiel die dort lebenden Moas ins Visier. Kaum hundert Jahre später war auch die letzte Art dieser bis zu 280 Kilogramm schweren Riesenvögel ausgerottet.

Die Wandertauben Nordamerikas, von denen es Anfang des 19. Jahrhunderts noch drei bis fünf Milliarden Exemplare gegeben haben soll, wurden in solchen Mengen abgeschossen, dass die Bestände zusammenbrachen. Der Letzte dieser Vögel starb am 1. September 1914 im Zoo von Cincinnati. 1930 hatten Jäger dann den letzten freilebenden Beutelwolf auf Tasmanien erwischt. Und als sechs Jahre später dessen Artgenosse im Zoo von Hobart verendete, war auch diese Art Geschichte.

Fünf katastrophale Großereignisse in der Erdgeschichte

Nun ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Tiere und Pflanzen von der Bildfläche verschwinden. Experten schätzen, dass in den letzten 3,5 Milliarden Jahren mehr als vier Milliarden Arten entstanden sind. Und 99 Prozent davon gibt es nicht mehr. Das Aussterben gehört also zum Alltag der Evolution. „Entscheidend ist allerdings, welcher Anteil der Arten oder Gattungen in einem bestimmten Zeitraum verschwindet“, sagt Wolfgang Kießling, der sich an der Universität Erlangen-Nürnberg mit den großen Aussterbe-Wellen der Vergangenheit beschäftigt.

Solche Ereignisse machen Paläontologen an den Fossilien fest, die aus den verschiedenen Epochen der Erdgeschichte erhalten geblieben sind. Die verraten schließlich, wann verschiedene Organismen auf der Erde aufgetaucht und wieder abgetreten sind. Wer diese Daten statistisch auswertet, kann die Aussterberate verschiedener Zeiträume bestimmen. Und dabei kommen sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Mal schwanken die Werte über Millionen von Jahren um einen für die jeweilige Tiergruppe typischen Mittelwert – eine Art Grundrauschen der Evolution. Dann aber schnellen sie plötzlich hoch über diesen Hintergrundwert hinaus. „Nur in solchen Fällen sprechen wir von einem Massen-Aussterben“, erklärt Wolfgang Kießling.

Fünf solcher katastrophalen Grossereignisse hat die Erde bisher erlebt. Das letzte dieser „Big Five“ raffte vor rund 66 Millionen Jahren die Dinosaurier und etwa 40 Prozent aller Gattungen von Meerestieren dahin. Viele Naturschützer aber sehen die heutige Situation als ähnlich gravierend an – ein Szenario, das auch Gerardo Ceballos und seine Kollegen vertreten.

Ein neues Massensterben ist wahrscheinlich

In ihrer jüngsten Studie stützen sich die Forscher auf eine Berechnung, die ein etwas anders zusammengesetztes Team bereits im Jahr 2011 angestellt hat. Den Ergebnissen zufolge sterben im Normalfall in hundert Jahren von 10 000 Säugetierarten durchschnittlich zwei aus. Mit diesem aus Fossilien bestimmten Hintergrundwert haben die Wissenschaftler nun die Verlustraten verglichen, die in den Roten Listen der Weltnaturschutzunion IUCN dokumentiert sind. Insgesamt finden sich dort 77 Säugetiere, 140 Vögel, 21 Reptilien, 34 Amphibien und 66 Fische, die seit dem Jahr 1500 nachweislich ausgestorben sind.

Demnach sind zum Beispiel die Säugetiere in diesem Zeitraum 14 Mal, seit dem Jahr 1900 sogar 28 Mal so schnell verschwunden wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Und auch für die anderen Wirbeltiergruppen zeigen die Analysen deutlich erhöhte Aussterberaten. Dabei sei man von extrem vorsichtigen Annahmen ausgegangen, betonen die Forscher. In Wirklichkeit falle das moderne Artensterben wahrscheinlich noch deutlich massiver aus. „Unsere Studie zeigt ohne ernsthaften Zweifel, dass wir jetzt in ein sechstes großes Massen-Aussterben eintreten“, meint Mit-Autor Paul Ehrlich von der Stanford University in Kalifornien.

Wolfgang Kießling ist da etwas vorsichtiger. „Alle bisherigen Massen-Aussterben wurden an Meeresbewohnern festgemacht, und zwar vor allem an wirbellosen Arten“, gibt der Paläontologe zu bedenken. Über deren aktuelle Aussterberate aber wisse man kaum etwas. Viel besser sei die Datenlage bei den modernen Landwirbeltieren, auf die sich Gerardo Ceballos und seine Kollegen konzentriert haben.

Doch für diese Arten fehlt es wiederum an Informationen aus der Vergangenheit. „Das macht es sehr schwierig, die heutigen Aussterberaten mit denen bei früheren Massen-Aussterben zu vergleichen“, erklärt Wolfgang Kießling. Zumal gerade Säugetiere ohnehin besonders kurzlebige Arten hervorbringen, die im Durchschnitt nach rund 1,7 Millionen Jahren wieder verschwunden sind. Eine gewöhnliche Muschelart hält dagegen 23 Millionen, eine Riffkoralle sogar 25 Millionen Jahre durch.

Trotz solcher Schwierigkeiten hält es auch Wolfgang Kießling durchaus für wahrscheinlich, dass der Erde ein neues Massensterben bevorsteht. Und das dürfte für die Ökosysteme und Lebensgemeinschaften der Erde nicht ohne Folgen bleiben. Der Paläontologe will nicht in Alarmismus verfallen. Doch für ihn ist auch klar: Je weniger Arten es gibt, und je weniger genetische Vielfalt diese besitzen, umso schlechter können sich die Lebensgemeinschaften an die Herausforderungen der Zukunft anpassen. „Dadurch verlieren wir auf jeden Fall evolutionäre Gelegenheiten“, betont der Forscher.

Auch negative Folgen für die Menschheit

Und das ist noch nicht alles. Der massenhafte Artenschwund werde auch für die Menschheit sehr unangenehme Folgen haben, warnen Gerardo Ceballos und seine Kollegen. Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt sieht das genauso. „Wir verlieren ja nicht nur einzelne Arten, sondern auch wichtige Funktionen der Ökosysteme“, sagt der Naturschutz-Experte.

Da er bei seiner Arbeit ständig mit den negativen Folgen dieser Entwicklung konfrontiert ist, fallen ihm sofort sehr viele Beispiele dafür ein. Mal leidet die Reinigung von Wasser und Luft, mal die Regulation des Klimas. Ohne bestäubende Insekten drohen der Landwirtschaft Milliardenverluste, ausgerottete Fische fehlen auf dem menschlichen Speiseplan. Wer Raubtiere dezimiert, bekommt es womöglich mit stark angewachsenen Wildbeständen zu tun, die dann den Wald schädigen.

„Und nicht zuletzt kann man von ausgerotteten Arten auch nichts mehr lernen“, sagt der Zoologe. Mediziner hatten sich zum Beispiel sehr für zwei exzentrische Froscharten in Australien interessiert, die ihren Nachwuchs in ihrem Magen heranwachsen ließen. Wie konnte das funktionieren, ohne dass die Jungtiere verdaut wurden? Der Trick hätte womöglich Patienten mit Magengeschwüren helfen können. Doch die Magenbrüterfrösche sind ausgestorben und haben ihr Geheimnis mitgenommen.

Unzählige andere Arten verschwinden sogar schon, bevor Biologen sie überhaupt entdeckt haben. Und selbst bei vielen bekannten Spezies weiß bisher niemand, wie genau sie miteinander zusammenhängen, und welche Folgen ihr Verschwinden haben könnte. Christof Schenck vergleicht das Ausrotten von Arten daher gern mit dem wahllosen Löschen von Dateien auf der Festplatte eines Computers: „Irgendwann erwischt man dabei Teile des Betriebssystems oder Daten, die man später unbedingt noch gebraucht hätte.“