Auch das hat die Pandemie der Stadt beschert: neue und breitere Fahrradwege.
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BerlinEinige  Neuerungen  aus der Corona-Epidemie werden bleiben, sagt Gerhard de Haan, der das Institut Futur an der Freien Universität (FU) Berlin leitet. Er schränkt die Aussage aber ein: Nur wenn die Menschen ohnehin nach Veränderung drängen, kommt etwas in Bewegung. Frühere Epidemien hätten gezeigt, dass neue Verhaltensweisen verschwinden, wenn die Krise vorbei ist.

Herr de Haan, seit die Pandemie in der Stadt ist, leben wir anders. Sind die Veränderungen nachhaltig?

Wir wissen von früheren Pandemien: Wenn sich das Virus abschwächt, ist die Krise schnell vergessen. Es gab die Vogelgrippe, den Rinderwahnsinn, die Schweinepest, Ehec. Diese Epidemien hatten nicht die großen Auswirkungen von Corona. Doch es ist der Normalfall: Wenn die Berichte aus den Medien verschwinden, verringert sich die Sorge, und man kehrt zu den alten Routinen zurück. Das zeigen die aktuellen Bilder: Jetzt, wo in Berlin die Geschäfte und Restaurants wieder geöffnet haben, benehmen sich die Menschen wie früher. Das ist ein klassisches Verhalten. Wenn unsere Lebensgewohnheiten nicht zu lange unterbrochen werden, nehmen wir sie gern wieder auf und sehen in dem, was war, eine Ausnahmesituation.

Der Mensch verdrängt, was passiert ist, und läuft weiter geradeaus?

Wir erforschen regelmäßig, was in Extremsituationen passiert. Wie reagieren Menschen, wenn die erste Euphorie vorbei ist? Wir erinnern uns an die Situation, als die Berliner Mauer gefallen ist, oder als die Flüchtlinge ins Land gekommen sind. Am Ende dividiert sich die Gesellschaft stark auseinander. Es gibt einige, die weiter dabei sind, etliche reagieren mit Abwehr, und der Großteil zeigt auf Dauer nur noch Gleichgültigkeit.

In Bezug auf Corona: Wenn es dauerhaft notwendig wird, auf die Älteren stärker Rücksicht zu nehmen, kann man erwarten, dass sich die Solidarität reduziert. „Die Alten sind schuld, dass ich dieses und jenes nicht darf“, hieße es dann. Seniorenheime könnten sogar isoliert werden, damit die jüngeren Menschen plus die Wirtschaft weitermachen können wie bisher.

Und die Begeisterung fürs Pflegepersonal – bleibt die erhalten?

Wenn Corona vorbei ist, könnte sie verschwinden – denn alle sind „systemrelevant“ – auch die Saisonarbeitskräfte, die Müllabfuhr usw. Dann reagiert man wieder egotaktisch: Warum diese Gruppe bevorzugen, warum erhalten die Sondergratifikationen und ich nicht? Die eigenen Bedürfnisse kommen in Routinen schnell wieder zuerst.

Das Homeoffice wird von einigen zurzeit als vorteilhaft empfunden. Könnte es fortgeführt werden?

Homeoffice ist zweischneidig: In bestimmten Arbeitsfeldern erhalten die Mitarbeiter klare Aufgaben, die abgearbeitet werden müssen. Dann funktioniert das. Wenn man nicht die Kinder betreuen muss. Wer das zusätzlich tun muss, ist stressgeplagt.

Auch für diejenigen, die mit vielen Menschen kommunizieren müssen, ist es sehr aufwändig. Eine Videokonferenz mit 30 Teilnehmern ist nicht ruckelfrei, die Akustik ist schlecht – das hört sich elegant an, ist aber nicht ideal. Wenn das Homeoffice vorbei ist, kann man auch wieder mit den Kolleginnen und Kollegen Kaffee trinken und soziale Verlangsamungsmodi in den Alltag einbauen.

Doch in den Gruppen, wo Homeoffice vorteilhaft ist, wird sicher etwas von der Corona-Zeit bleiben. Dann muss ich auch nicht zur Arbeit fahren. U- und S-Bahn werden von vielen gemieden.

Privat 
Zur Person

Gerhard de Haan, 69, leitet das Institut Futur an der Freien Universität (FU), das vor 20 Jahren gegründet wurde. Es ist das einzige Institut in Deutschland, das einen Masterstudiengang Zukunftsforschung anbietet. De Haan studierte ursprünglich Erziehungswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Mathematik und arbeitet seit 1989 als Professor an der FU. 

Sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und die Forschung zu Transfer von Wissen und Innovation sind die drei zentralen Forschungsbereiche des Instituts. Es arbeitet interdisziplinär – Forscherinnen und Forscher aus Geistes- und Sozialwissenschaften, Pädagogik, Sprachwissenschaft und Ökonomie wirken an den Projekten mit. De Haan und das Institut beraten Politik und Wirtschaft, aber auch Schulen und andere Bildungseinrichtungen.

BVG und Bahn leiden. Aber auch die Kultur- und Gastronomiebetriebe, die gesamte Tourismusbranche.

Wenn Mallorca wieder aufmacht, sind die Besucher gleich wieder da. Urlaub ist etwas, woran die Menschen hängen. Die Besucher drängen genauso wie die Hotels und Ferienanlagen auf rasche Öffnung. Letztere haben auch kaum Reserven.

Sollte der Staat hier stärker unterstützen?

Unterm Gesichtspunkt von Egalität würde ich sagen: ja. Wenn der Steuerzahler demnächst Prämien der Autokäufer finanzieren soll, könnte der Staat besser jedem Bürger einen Restaurantgutschein schenken. Was macht schließlich das Leben in einer Stadt wie Berlin lebenswert? Das Auto anderer zu subventionieren oder das kleine Restaurant nebenan günstig besuchen zu können?

Manche befürchten schon, dass in Zukunft mehr Menschen von Berlin aufs Land ziehen, wo man mehr Platz hat.

Das hängt von den Ressourcen ab, die der Einzelne hat. Die Randbereiche um Berlin sind schon zu. Man müsste weit rausziehen, wie nach Neustrelitz. Nach der Grippewelle 1918/19 kam es übrigens nicht zu einer Stadtflucht. Im Gegenteil: Der Zuzug in die Städte hat zugenommen.

In Berlin ist man ja auch besser versorgt. Werden die Schulen oder Kitas sich durch die Corona-Zeit verändern?

Ihre Rolle als Verwahrinstitutionen ist durch die Krise deutlich geworden. Die Familien sind heute anders strukturiert als vor 30, 40 Jahren. Die Kinder zu Hause zu unterrichten, ist eine Herausforderung. Mir scheint kaum belegbar, dass drei Monate Unterrichtsausfall längerfristig Konsequenzen für das Wissen von Kindern und Jugendlichen haben. Das kann nicht der Grund dafür sein, die Schulen wieder zu öffnen. Es geht eher darum, dass die Eltern die Kinder abgeben müssen oder wollen. In der Tendenz findet generell  die Option, die Kinder 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche betreuen lassen zu können, einen wachsenden Zuspruch, wie Studien zeigen. Eine Corona-Konsequenz könnte sein, dass die Schulen sich mehr Gedanken darüber machen müssen, wie sie die Rolle dieser Verwahrinstitution in einer Krise aufrechterhalten können.

Corona gibt also Impulse.

Diese werden aufgenommen, wenn sie mit ohnehin vorhandenen Wünschen in der Bevölkerung einher gehen. Nehmen wir das Thema Biodiversität. Die ersten Studien aus den USA sagen, dass Corona eine Folge menschlichen Handelns in Bezug auf Biodiversität ist. Der Lebensraum der Tiere wird immer enger, die Arten leben zusammengedrängt. Das führt dazu, dass das Virus in höherem Maße kursiert, dass es sich schnell verändern und auf den Menschen überspringen kann. Davor warnt auch das Robert-Koch-Institut. Corona könnte dazu führen, dass die Biodiversität mehr Aufmerksamkeit erhält und die Bevölkerung mehr Achtung für den Lebensraum von Tieren fordert. Ein anderes Thema ist die Massentierhaltung. Auch hier entstehen durch die Verdichtung Gefahren bezüglich der Mutation von Viren, die auf den Menschen übergehen können. So gerät die Massentierhaltung möglicherweise doppelt in den Blick: Tierwohl und Gefahr für die menschliche Gesundheit miteinander gekoppelt könnten die Massentierhaltung unter Druck setzen.  

Was ist mit der Mobilität, mit den schönen temporären Radstreifen in Berlin?

Ich könnte mir vorstellen, dass sie bleiben. Wenn der öffentliche Nahverkehr wegen Corona längerfristig nicht attraktiv ist, könnte der Individualverkehr im Auto oder auf dem Rad profitieren. Das geht zusammen mit einer generellen Diskussion darüber, ob man nicht eine andere Form der Mobilität vorziehen sollte. Corona könnte ein Beschleuniger für den Ausbau anderer Mobilitätsformen werden.

In welchem Zeitraum würden die Veränderungen eintreten?

Veränderungen kommen nicht von heute auf morgen. Üblicherweise brauchen sie 15 Jahre und länger. Corona könnte das Tempo steigern. Und wenn die nächste Pandemie schon in zwei oder drei Jahren kommt, wäre der Zeitraum noch kürzer.

Das Gespräch führte Mechthild Henneke.