Ein unscheinbares weißes Rundstudio in Babelsberg weckt Versprechungen. „Möchten Sie nicht eines Tages gern Teil eines ‚Tatorts‘ werden und mit dem Kommissar gemeinsam den Fall lösen?“, fragt Lars Knoke, der als „Stratetic Sales“-Manager von Microsoft gern das Potential von Mixed Realities (Gemischter Realitäten) preist. Den „Traum vom digitalen Menschen“ und die „Magie der digitalen menschlichen Avatare“ beschwört Sven Bliedung, Special-Effects-Designer und Geschäftsführer des neu eröffneten, volumetrischen Studios namens VoluCap in Babelsberg.

Datenbank für Komparsen

Nun wird sich nicht jeder „Tatort“-Gucker gemeinsam mit Nick Tschiller in blutige Hamburger Bandenkriege stürzen wollen, nicht jeder will überhaupt beim Fernsehen eine Spezial-Brille tragen. Aber der Optimismus, den die Betreiber des neuen Studios dieser Tage verbreiten, ist sehr groß. Gern wird eine neue Gründerzeit des begehbaren Films ausgerufen und das Studio Babelsberg dabei zum weltweiten Trendsetter gemacht. Maßstäbe setzte bisher vor allem das deutlich größere Studio in Los Angeles, das vom Chiphersteller Intel betrieben wird. Auch Microsoft unterhält in den USA schon zwei volumetrische Studios.

Das für vier Millionen Euro, davon die Hälfte Fördergelder des Landes Brandenburg, errichtete VoluCap-Studio wird von einer besonderen Betreibergesellschaft getragen. Hier haben sich Wissenschaftler vom Heinrich-Hertz-Institut in Berlin, die die Technik entwickelt haben, zusammengeschlossen mit Technikfirmen wie Arri, dem Mediendienstleister Interlake, dem Filmproduzenten UFA sowie dem Studio Babelsberg.

Der Referenzfilm war noch im kleineren Studio im Heinrich-Hertz-Institut entstanden. Besucher der UFA-Ausstellung im Berliner Filmmuseum konnten sich ein halbes Jahr lang mittels Datenbrille mit den Schauspielern Franziska Brandmeier und Herbert Knaup durch 100 Jahre Filmgeschichte bewegen. „Ein ganzes Leben“, ganze vier Minuten lang, bekam internationale Auszeichnungen und führte mit dazu, dass das Forschungsinstitut so viele Anfragen bekam, dass es kaum noch zum Forschen kam.

Mit der „3D HBR“ (Human Body Reconstruction) genannten Aufnahmetechnik können Objekte wie Personen dreidimensional aufgenommen und als Hologramme in virtuelle Umgebungen transferiert werden. Wobei Geschäftsführer Sven Bliedung der Begriff „Hologramm“ nicht recht gefällt, er spricht lieber von „lebensechten Avataren“. Der Clou: In den Wänden der weißen Rotunde sind 32 HD-Kameras so eingebaut, dass sie gleichzeitig jede Bewegung, jedes Minenspiel und jeden Faltenwurf im Kostüm aufzeichnen – und dabei die riesige Datenmenge von zwei Terabyte pro Minute erzeugen.

90 Minuten am Stück können aufgezeichnet werden, erklärt Peter Kauff vom Heinrich-Hertz-Institut, mit dem Material könnten vier Minuten Film pro Tag entstehen. Durch die weißen Vorhänge könne jedes Licht auf die Schauspieler projiziert werden, auch das Flackern vom Lagerfeuer oder das Blaulicht von Polizeifahrzeugen im „Tatort“. Genauso gut könnten die Avatare später neu beleuchtet werden. Viel Platz für die Schauspieler ist allerdings nicht: Auf der von unten beleuchteten Plexiglasscheibe von vielleicht drei Metern Durchmesser passen höchsten zwei Personen gleichzeitig – viel Action geht da nicht.

Ob die komplett digitalisierten Figuren nun tatsächlich einen weltweiten Trend des begehbaren Kinos begründen oder einfach ein weiteres Werkzeug der Special-Effects-Designer werden, bleibt abzuwarten. Nicht jede neue Technologie verdrängt die Vorgänger komplett. So stagniert die Verbreitung des 3D-Films im deutschen Kino seit Jahren bei gut 20 Prozent. 2017 wollten weniger Besucher diese teuere Spielart sehen als in allen Jahren seit 2012.

Hoffnung der Autoindustrie

Carl Woebcken, Chef des Studios Babelsberg, hat schon eine praktische und Geld sparende Nutzung erkannt. Er will eine digitale Bibliothek mit Komparsen aufbauen, deren Bilder in alle möglichen Kulissen transferiert werden können, was das reale Casten, Ausstatten und Verpflegen von Kleindarstellern am Set ersetzen würde. Sven Slazenger betont das Potential für das sogenannte E-Learning: „Je menschlicher die Figuren, desto leichter und besser lassen sich die Lernenden dann führen.“ Gleiches gilt natürlich für Computerspiele.

Microsoft-Manager Lars Knoke sieht die Industrie als Hauptnutzer der neuen Technologie. So würden Autohersteller wie Mercedes schon heute mittels Hologrammen Reparatur-Anleitungen für Bremsen weltweit zur Verfügung stellen. Thyssen-Krupp könne Kunden gleich im Haus vorführen, wie der Treppen-Lift aussehen würde. Auch in der Kundenwerbung würde immer stärker mit „Virtual Reality“ gearbeitet: So wolle BMW mit Hologrammen neuer Modelle junge Leute zurück in die Autohäuser holen. Den meisten dürfte indes ein holografisches Selfie mit dem neuen Sportwagen genügen, und auch der „Tatort“ darf ruhig im Bildschirm bleiben und muss sich nicht im gesamten Wohnzimmer ausbreiten.