Selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftreten, dafür setzt sich Tijen Onaran ein.
Foto:  Randam House/Urban Zintel

BerlinVor allem beruflich wird es immer wichtiger, sich im Netz zu positionieren. Die Autorin Tijen Onaran spricht von „Social Me“, vom sozialen Ich also, das seine persönliche Marke („Personal Branding“) entwickelt. Sie hat darüber das Buch „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ geschrieben. Wir drucken einen Auszug.

Spätestens im digitalen Zeitalter müssen sich alle Menschen mit dem Thema „Personal Branding“ auseinandersetzen. Allein angesichts der unfassbaren Fülle an Informationen ist eine Personenmarke ein hilfreiches und effektives Tool, um deine Geschichte, deine Fähigkeiten und Ziele zu kommunizieren. 

Zudem müssen wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, was es bedeutet, heute ein „Social Me“ zu haben beziehungsweise zu sein. Man kann fast täglich beobachten, welche Folgen ein unreflektierter Umgang mit der eigenen Marke nach sich zieht. Die Konsequenzen können durchaus drastisch sein und fallen nicht selten in die Kategorie „Kleine Ursache, große Wirkung“.

Nehmen wir beispielsweise einen Like. Es ist ein Klick, nichts weiter. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde – doch dieser kann eine Karriere beenden, wie ein Fall aus dem Jahr 2016 zeigt: Damals hat ein CDU-Politiker einen Post und die Facebook-Seite der AfD mit einem Like gewürdigt. Auch wenn er die beiden Likes später wieder zurücknahm, war die Nominierung für einen Ministerposten weg.

Ist das nun übertrieben oder gerechtfertigt? Ich finde, dass eindeutig Letzteres der Fall ist. Viel zu oft nehmen wir die Aktivitäten, die in Social Media stattfinden, auf die leichte Schulter. Aussagen wie „Ist doch eigentlich gar nicht so gemeint“ oder „Wird man ja wohl gut finden dürfen“ dürfen im Ernstfall nicht als Ausreden gelten.

Die Autorin

Tijen Onaran ist 35 Jahre alt und Gründerin des Unternehmens „Global Digital Women“. Mit ihrem Unternehmen engagiert sie sich für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche und berät Unternehmen in Diversitätsfragen und bei der Kommunikation. Ihr zweites Buch „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ ist im Goldmann-Verlag erschienen und kostet zwölf Euro.

Jeder Like und jeder Kommentar sind eine Aktion, die mit uns und unserem Markenkern in Verbindung stehen. Das muss allen bewusst sein, und darum ist es so wichtig, sich auch in der Interaktion klar darüber zu sein, wem ich ein Like oder einen Kommentar hinterlasse. Daher muss man eine Sensibilität für sein Verhalten in sozialen und beruflichen Netzwerken entwickeln. Jede Positionierung kann drastische Folgen haben. Negative ebenso wie positive.

Ein Social Me muss also mit einer gewissen Verantwortung gepflegt und verwendet werden. Ich mache mir vor jedem Like Gedanken, ob ich es wirklich setze und was es bedeutet. Likes lassen sich durchaus auch strategisch einsetzen: Sie können ein Mittel sein, um Aufmerksamkeit zu signalisieren, sich inhaltlich zu positionieren und einen Kontakt anzubahnen.

Ich habe das Gefühl, dass Likes und Kommentare viel zu beliebig eingesetzt werden. Dadurch verlieren sie an Bedeutung, können Personenmarken verwässern und ziehen im schlimmsten Fall ungewollte Folgen nach sich. Eine gute Personenmarke ist die Basis für Zusammenarbeit in der neuen Arbeitswelt. Klar ist, dass die Digitalisierung unsere Arbeitskultur bereits nachhaltig neu prägt. Es gibt also eine gewisse Notwendigkeit, neue Arbeitsweisen und Methoden anzuwenden. Zwar sprechen alle über die Möglichkeiten von New Work wie Innovationsfähigkeit und Work-Life-Balance. Meist geht es dabei jedoch um Software-Tools und um Technik.

Sehr viel seltener spielt das Thema Personal Branding eine Rolle. Meiner Ansicht nach muss aber der Fokus sehr viel stärker auf diesen Aspekt der Unternehmens- und Arbeitswelt gesetzt werden. Insbesondere die doppelte Rolle als Mitarbeiter*in in einem Unternehmen und zugleich als eigene Persönlichkeit stellt eine Herausforderung dar. Denn als Vertreter*in eines Unternehmens spricht man nicht nur für sich selbst, sondern immer auch für jemand anderen: für die beziehungsweise den CEO, für interne und externe Influencer*innen, für Journalist*innen oder für Produkte. Darum muss der bewusste Umgang mit einer Personenmarke in Unternehmen intern vorbereitet und begleitet werden.

Als Personenmarke und insbesondere als Repräsentant*in deines Unternehmens bist du immer auch zugleich ein Vorbild. Deine Worte haben Gewicht, andere Menschen möchten von dir hören, wie bestimmte Sachverhalte kommuniziert und argumentiert werden. Kaum jemand kann so genaue Einblicke in den Arbeitsalltag sowie in Dienstleistungen oder Produkte geben. Potentiell können alle Mitarbeiter*innen ein Unternehmen repräsentieren.

Jede*r kann zur Personal Brand beziehungsweise zur Corporate Influencer*in werden – ob online oder offline. Es geht aber dabei nicht nur darum, den ohnehin schon langen Tätigkeitslisten einen weiteren Punkt hinzuzufügen. Vielmehr erreichst du dein volles Potential im Rahmen der neuen Arbeitswelt erst dann, wenn du dich als Personal Brand positionierst.

Ein Problem für arbeitende Mütter

Darüber hinaus ist die heutige und zukünftige Arbeitskultur geprägt von Diversität und Vielfalt. Mehr Diversität in Teams, Abteilungen und Unternehmen insgesamt bedeutet zunächst mehr Reibung, mehr Diskussion und die Notwendigkeit zu mehr Kommunikation. Personenmarken helfen dabei, die eigenen Bedürfnisse und Herausforderungen im Arbeitsumfeld zu artikulieren. Änderungsprozesse können dadurch vermehrt von unten angestoßen werden, weil jedem Einzelnen mehr Macht zukommt. Ein Beispiel, an dem sich dies veranschaulichen lässt, sind arbeitende Mütter. Sie führen viel zu häufig ein Schattendasein in Unternehmen. Aufgrund ihrer geringen Anzahl sind sie in Netzwerken schon rein quantitativ unterrepräsentiert.

Die Gründe dafür sind offensichtlich, und nicht selten ist es ihre Doppelrolle, die dazu führt, dass für Personal Branding und Netzwerken am Ende des Tages keine Zeit bleibt. Dass sie und ihre Anliegen zu selten sichtbar werden, ist wiederum ein Problem für andere arbeitende Mütter. Denn häufig fehlen hier positive Vorbilder. Sichtbarkeit ist also einer der Schlüssel für die Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse. Als Social Me können sie mit ihren Gedanken, Herausforderungen und Erfolgen wahrgenommen werden. Damit schaffen sie ein Bewusstsein für ihre Lage. Sichtbarkeit ist die beste Voraussetzung dafür, andere zu motivieren, auf Probleme hinzuweisen und Lösungswege aufzuzeigen.

Sichtbarkeit ist der erste Schritt auf dem Weg zur Veränderung. Diversität in Unternehmen wird dann zum Erfolg, wenn alle Mitarbeitenden gleichermaßen wahrgenommen werden. Oft stellt Zeit gerade für Gruppen wie arbeitende Mütter einen hinderlichen Faktor dar. Dabei genügen am Anfang bereits kleine Maßnahmen, um die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen. Beispielsweise ein eigener Twitter- oder LinkedIn-Account, der ausschließlich für berufliche Zwecke genutzt wird. Diese Plattformen lassen sich sowohl dazu nutzen, das eigene Netzwerk zu erweitern, als auch dafür, sich selbst und sein Thema zu positionieren.

Denn die Social Media eignen sich hervorragend dazu, die eigene Botschaft nach außen zu tragen. Und wer sich am Anfang mit der Äußerung seiner persönlichen Meinung schwertut, kann Artikel oder Beiträge teilen und inhaltlich darüber diskutieren. Personal Brands erfüllen also unterschiedlichste Zwecke. Sie können Minderheiten dabei helfen, auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Schwierigkeiten hinzuweisen. Sie dienen aber auch dazu, die Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter effektiv zu gestalten. In jedem Fall geht es darum, zu kommunizieren und sich auszutauschen. Abstrakt ausgedrückt geht es um den Transfer von Wissen und Informationen.

Frauen fühlen sich oft nicht abgeholt

In diesem Zusammenhang sind Mentoring-Programme eine ideale Institution in Unternehmen, um Mitarbeitende bei der fachlichen Weiterentwicklung oder dem nächsten Karriere-Step zu unterstützen. Ich bekomme allerdings oft die Rückmeldung, dass es zwar solche Programme gibt, diese aber nicht funktionieren. Insbesondere von Frauen höre ich häufig, dass die Programme insgesamt nicht laufen oder dass sie sich von ihnen nicht abgeholt fühlen. Das kann mehrere Gründe haben.

Einer der häufigsten ist das Fehlen eines festen Ansprechpartners. Oft werden genau die Personen zu Mentor*innen berufen, die ohnehin schon tausend andere Aufgaben übernehmen. Das Thema „Mentoring“ landet bei ihnen dann nicht oben auf der Liste, sondern in der Regel ganz unten. Dass Mentoring-Programme in solchen Fällen nicht funktionieren und keine Relevanz im Unternehmen haben, ist nicht verwunderlich.

Erfolgreiche Mentoring-Programme zeichnen sich dadurch aus, dass es feste Spielregeln gibt, die vorab definiert wurden. Diese geben allen Maßnahmen, die innerhalb des Programms stattfinden, eine feste Struktur. Sowohl die Mentor*innen selbst als auch die Mentees müssen vorab gebrieft werden. Im ersten Gespräch sollte dann über die Erwartungen gesprochen werden – so werden Enttäuschungen auf beiden Seiten minimiert.