Whatsapp & Co: Wie Sprachnachrichten unsere Kommunikation verändern

Die erste kam an einem Sonntag im Sommer 2015. Wir lagen gerade am Schlachtensee, später wollten wir noch zur Thaiwiese, wie man das an sonnigen Sommersonntagen in Berlin so zu tun pflegt. „Pling“ machte das Telefon. Whatsapp-Nachricht von einer Freundin, die wir bei Programmpunkt Nummer zwei auf einen Papayasalat treffen wollten. Die Nachricht kam jedoch nicht in Form des üblichen Zwei- bis Zwanzigzeilers, sondern als Audioaufnahme. Dreizehn Sekunden lang erklärte die Freundin, wo wir sie wann treffen könnten. „Das macht sie jetzt öfters“, erklärte meine Begleitung.

Und nicht nur sie. Tatsächlich hat die Sprachnachrichtenfunktion auf Whatsapp, seitdem sie 2013 eingeführt wurde, eine steile Karriere hingelegt und erfreut sich großer Beliebtheit vor allem bei der jüngeren Generation, bei den sogenannten Millennials und Kindern.

Wer mit dem so genannte Voice-Messaging noch nicht so vertraut ist, mag sich vielleicht schon gewundert haben, warum Menschen ihr Smartphone häufig wie ein Nutellabrot halten, während sie hineinsprechen. Ganz einfach: Wer diese Haltung einnimmt, ist gerade dabei, eine Sprachnachricht aufzunehmen. Trägt man diese mit den Lippen direkt vorm Mikrophon vor, das sich bekanntlich an der unteren schmalen Kante von Smartphones befindet, verbessert das die Audioqualität. Und Hören muss man beim Aufnehmen ja sowieso nicht. Bei Sprachnachrichten sind die Rollen schließlich klar verteilt: Der eine spricht, der andere hört. Für die später geschickte Antwort gilt das Gleiche. Anders als beim Telefonat oder auch beim Chat handelt es sich also nicht um einen Dialog. Sprachnachrichten haben vielmehr den Monolog in die Alltagskommunikation eingeführt und außerdem – neben Formaten wie Podcasts – der medial vermittelten gesprochenen Sprache zu einer neuen, ziemlich überraschenden Blüte verholfen. Überraschend, da die junge Generation mit dem Handy zwar ausgiebig kommuniziert, aber vor allem tippenderweise. Wenn das Smartphone eines Teenagers klingelt, sind meistens die Eltern dran.

Bemerkenswert sind Sprachnachrichten noch aus einem weiteren Grund: Sie brauchen in unserer vom Tempo der sozialen Medien geprägten Welt, in der nichts so alt ist wie der Post von vor zwei Stunden, viel Zeit. Es dauert, eine Sprachnachricht aufzunehmen – zumindest, wenn man zu den Nutzern gehört, die sich einen Spaß daraus machen, diese dramaturgisch aufzubauen und sogar musikalisch unterlegt zu inszenieren.

Es dauert aber auch, sie sich anzuhören. Den Inhalt einer Textnachricht hat man meist schon erfasst, wenn sie eintrudelt. Zum Abhören der Voice Message muss man die App öffnen, sich für die Dauer der Nachricht aufs Zuhören beschränken und sich dann auch noch überlegen, wie man antwortet.

Der Sprachwissenschaftler und Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Peter Schlobinski, beschreibt Voice Messages deshalb als asynchrone Kommunikation: „Jemand hinterlässt eine Nachricht und dann kann man darauf auf unterschiedliche Weise reagieren. Das geschieht zeitversetzt und ist daher nicht vergleichbar mit einem Telefonat, bei dem wir interaktiv miteinander sprechen können“, sagt er. Für ihn macht das Sprachnachrichten in gewisser Weise mit Anrufbeantwortern vergleichbar.

Die Älteren werden sich erinnern. Anrufbeantworter waren, als sie ab Ende der 1980er-Jahre in die Haushalte zogen, in Zeiten, als Jugendliche noch stundenlang an der wortwörtlichen Strippe hingen, ein wahrer Segen. Endlich konnte man ohne Angst, etwas zu verpassen, das Haus verlassen. Die Hölle waren sie aber auch. So bedauerlich ist es darum nicht, dass Anrufbeantworter gemeinsam mit dem Festnetztelefon längst einer anderen Zeit anzugehören scheinen: weil sie, wie Mailboxen, sowieso nicht abgehört werden; und weil es noch nie so richtig Spaß gemacht hat, draufzusprechen.

Mehr als erstaunlich ist es so gesehen, dass sich der Mensch von heute absolut freiwillig aufnimmt, obwohl doch jeder weiß, dass man dann schnell klingt wie ein stotternder Erstklässler. Vielleicht sind Audionachrichten ja gerade deswegen so beliebt. Zwar entspricht das Monologisieren natürlich dem Hang zu Narzissmus und Selbstinszenierung digital aktiver Zeitgenossen, andererseits macht doch gerade das Holprige so manche Nachricht erst richtig charmant. Außerdem kann man auch so lange an der Nachricht feilen, bis sie sitzt. Anders als beim Anrufbeantworter nimmt man erst auf und schickt dann.

Auch Peter Schlobinski kann nur mutmaßen, was die Voice Messages so attraktiv macht. Studien zum Thema existieren noch nicht, nur in Münster beschäftigen sich gerade Germanisten mit der Theatralität von Audiopostings.

Schlobinskys Beobachtungen nach übernehmen Sprachnachrichten vor allem zwei Funktionen: „Vorausgesetzt, dass die entsprechende Gelegenheit gegeben ist, scheint es einfacher und schneller zu gehen, komplexe Sachverhalte gesprochen darzustellen, als diese lange zu tippen.“ Des Weiteren gehe es bei Sprachnachrichten um die sogenannte phatische Kommunikation, darum also, mit einer Person in Kontakt zu bleiben und die soziale Beziehung immer wieder herzustellen.

Klar, so persönlich wie von der vertrauten Stimme ausgesprochen, sind Textnachrichten einfach nicht, da kann man noch so hübsche Emojis einbauen. Eben das scheint das Geheimnis der Sprachnachrichten zu sein: Sie besetzen den Raum zwischen Telefonat und Textnachricht.

Wo das hinführen wird? Zeigt vielleicht ein Blick nach China. Die dort beliebte Nachrichten-App WeChat erlaubt das Voice-Messaging bereits seit 2011. Was zunächst als Kommunikationsmittel digitaler Connaisseure galt, ist mittlerweile zum Feld der Alten geworden. Die haben schließlich Zeit. Und schlechte Augen. Und erinnern sich noch, wie schön es war, stundenlang an der Strippe.