Vier spannende und absurde Begegnungen bei der Re:publica:

Die Whatsapp-Familiengruppe

„Dann wird das hier also eine Selbsthilfegruppe“, bemerkt der Moderator, als der halbe Saal sich auf die Frage meldet, wer eine Familiengruppe bei WhatsApp habe. Die Journalistin Lisa Altmeier hat zum Panel „Familienchats aus der Hölle“ geladen und dafür vorher bei Facebook dazu aufgerufen, ihr die skurrilsten Dialoge mit den lieben Verwandten zu schicken. Diese authentischen Erfahrungen zeigt sie nun – anonymisiert und sortiert wie eine Typologie. Es gibt den Trollpoeten (ständig reimender Vater), die humorfreien Geschwister, die Emoji-süchtige Mutter, den Geburtsticker (zur Verkündung von Schwangerschaften), und – laut Altmeier die schlimmste Form von allen – den Todesticker: „Opa hat Krebs und ist im Krankenhaus. “ – „WTF?“ – „Er lebt noch!“ – Yeah!“ Ihre Bilanz: WhatsApp-Gruppen sind gut, um seinen Eltern, die „ja nicht so viele Internetfreunde haben“, Digitalkompetenz beizubringen. Und weil sie Nähe suggerieren, wenn man weit weg wohnt. Was – auch das zeigen die Chats – auch gut so ist. Maike Schultz

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Handy als Lebensretter

Drei zentrale Fragen treiben Menschen auf der Flucht um, erklärt  der Medienforscher Noor Nazrabi: Wie geht es meiner Familie? Wie komme ich weiter? Und woher bekomme ich Geld? Bei all dem  hilft das Smartphone. Mit Apps zur Navigation, Erinnerungsfotos und Aufnahmen wichtiger Dokumente für das Asylgesuch. Für eine Studie der Universität Siegen befragt der Leiter des Afghanistikverlages derzeit  800 Geflüchtete zu ihrer Handynutzung. Auch nach der Ankunft im Zielland ist das Gerät für sie unverzichtbar: „Die Erreichbarkeit vermittelt Sicherheit, Musikhören schafft ein Stück Privatsphäre in den vollen Unterkünften. Deshalb ist der meistumkämpfte Platz dort auch nicht die Küche, sondern die Steckdose.“ Die Studienergebnisse sollen im Sommer präsentiert  werden und zur Entwicklung von Apps für eine bessere Integration dienen – denn zu lernen gibt es noch viel. „Gerade für junge Flüchtlinge birgt das Smartphone auch Risiken, weil es kein Bewusstsein für Datenschutz und Kosten gibt“, sagt  Nazrabi. Maike Schultz

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Embryo im Ei

So etwas kann bei der Re:publica schon mal passieren. Eigentlich war ein Treffen der Cyborgs angekündigt. Das sind Typen, die sich Technik unter die Haut implantieren lassen, um körperliche Defizite auszugleichen oder sich das Leben leichter zu machen. Alles noch im Anfangsstadium, deshalb so spannend. Doch an diesem Mittag ist von den Cyborgs keine Spur, nur eine Frau wartet am Treffpunkt, die sich als „Anti-Cyborg“ vorstellt. Christiane Hütter (34) heißt sie und trägt ein buntes Ei, so groß wie das Spielgerät beim Rugby, mit sich herum. Sie bezeichnet das Ei als künstliche Gebärmutter. Irgendwann, so glaubt sie, wird es nicht nur technische Hilfe bei der künstlichen Befruchtung geben und Lebensrettung im Brutkasten, irgendwann wird ein Embryo auch außerhalb des Körpers reifen. So reist die Computerspiele-Entwicklerin mit ihrem Modell durch die Welt und muss feststellen, dass viele auf ihre Idee noch nicht vorbereitet sind. In Köln durfte sie mal nicht ins Flugzeug, weil die Beamten fürchteten, dass Sprengstoff in dem Ei sei. Jörg Hunke

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Kombucha 2.0

Der Stand der Maker ist jeden Tag von staunenden Menschen umringt. Maker, das sind die, die sich etwas Neues ausdenken und es auch gleich selbst anfertigen. Gerade ist das Projekt Olabi aus Rio de Janeiro an der Reihe. Rebeca Duque Estrada kippt ein riesiges bauchiges Glas, groß wie ein Aquarium, zur Seite und gießt den Umstehenden die gelbliche Flüssigkeit in Plastikbecher. „Das ist Kombucha“, sagt sie freundlich und reicht wirklich jedem ein Getränk. Die Zuschauer halten die Becher unschlüssig in der Hand, manche nippen höflich. Das Gebräu sieht einfach zu seltsam aus. Oben im Aquarium schwimmt eine gallertartige Masse, der Teepilz. Trocknet man ihn, dann entsteht ein ledriges Gewebe, fast wie eine steife Haut. Daraus fertigt Rebeca Duque Estrada Armbänder mit Leuchtdioden. Wer Lust hat, darf auch welche machen. Sie zeigt ein fertiges Exemplar, das wie ein Handschuh ohne Finger aussieht. „Wenn man damit Hände schüttelt, leuchten die Dioden“, erklärt sie. Wearables mit Ökotouch. Christine Dankbar