Leibniz hat geschrieben und geschrieben, Seite um Seite, Jahr für Jahr, meist in Latein, Französisch und Deutsch. Über höhere Mathematik, Philosophie, Medizin, Technik, Sprachwissenschaften, Physik, Theologie, Politik, Geschichte. Dabei war Gottfried Wilhelm Leibniz von einem ganz anderen Fach, ein promovierter Jurist. Wie umfassend seine Gedanken waren, wie gern er sich austauschte, diskutierte und stritt, ließ sich schon zu seinen Lebzeiten erahnen. Er pflegte etwa 1 100 Briefkorrespondenzen. Die Briefe, die Leibniz an seine Briefpartner weltweit verfasste, schrieb er für sich selbst noch einmal ab.

Viele dieser Korrespondenzen wurden nach seinem Tod in seinem Nachlass entdeckt. „Insgesamt sind es etwa 15.000 Briefe. Doch sein gesamter Nachlass an Aufzeichnungen ist noch viel größer: etwa 200.000 Blatt“, sagt Harald Siebert. Er leitet die Berliner Arbeitsstelle für die Edition der Leibniz-Schriften an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Siebert und seine beiden Mitarbeiter erstellen eine textkritische Fassung der naturwissenschaftlichen, medizinischen und technischen Schriften von Leibniz. Seine Aufzeichnungen wurden bereits Anfang des 19. Jahrhunderts erschlossen, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bannte man sie auf Mikrofilme. Alle originalen Handschriften lagern in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover, mittlerweile können sie sogar online abgerufen werden. Seit 2007 gehört der Nachlass von Leibniz zum Unesco-Weltdokumentenerbe.

Gigantische Aufgabe

Inhaltlich sind die Aufzeichnungen in acht Themen aufgeteilt, darum hat die Edition von Leibniz’ sämtlichen Schriften und Briefen acht Reihen. Siebert und seine Kollegen bearbeiten die Reihe acht. Sie wird zwölf Bände haben, jeder davon etwa 800 Seiten dick. „Um einen Band zu editieren, braucht ein Bearbeiter ungefähr acht bis zehn Jahre“, sagt Siebert. Der Wissenschaftshistoriker arbeitet seit 2013 mit an der Edition.

Eingearbeitet hat ihn Eberhard Knobloch, der wiederum seit den 1970er-Jahren am Nachlass von Leibniz gearbeitet und die Reihen sieben und acht gegründet hatte. Siebert zufolge hat die Einarbeitung etwa zwei Jahre gedauert. Generell scheint die Überarbeitung, Kommentierung und Digitalisierung von Leibniz’ Nachlass eine gigantische Aufgabe zu sein. Der erste Band erschien 1923, das Ende des Editionsprojekts ist auf das Jahr 2055 datiert. Dann sollen alle Aufzeichnungen des Gelehrten für die Nachwelt gesichert sein.

Siebert öffnet auf seinem Bildschirm eine riesige Excel-Tabelle. Gut 20 Spalten nebeneinander, endlos viele Zeilen darunter, einige gelb markiert, andere weiß gelassen, Felder mit einem x, Bezeichnungen auf Latein und Französisch. In dieser Tabelle sind alle Aufzeichnungen von Leibniz, die Siebert und seine Kollegen edieren müssen. „Das sind 14.000 Scans. Wir haben sie alle gesichtet und geordnet“, erzählt er. Das habe etwa ein Jahr gedauert. Nun wissen sie, dass in den kommenden Jahren sechs Bände zu Naturwissenschaften erscheinen, also zu Mechanik, Astronomie, Akustik, Geologie, Optik und Chemie. Zu Medizin und Technik wird es jeweils zwei Bände geben.

„Doch der nächste Band widmet sich ausschließlich dem Thema Stoß“, sagt Siebert. „Zu Leibniz’ Zeiten waren die Stoßgesetze brandaktuell und stark diskutiert. Es ging vor allem um die Frage, wie Materie aufeinander wirkt.“ Leibniz habe sich mit dem Thema intensiv befasst. Seine Aufzeichnungen dazu werden etwa 600 Seiten füllen. Geordnet werden die Dokumente von Leibniz erst inhaltlich, und dann chronologisch. Zum Beispiel Unterthemen wie den Grund von Zusammenstößen, von welcher Seite der Stoß kam, und ob sich Materie dabei elastisch verhalten hat. „Die zeitliche Einordnung seiner Handschriften ist schwierig“, sagt Siebert. „Anhaltspunkte für uns sind Wasserzeichen. In seiner Pariser Zeit schrieb Leibniz auf Papier, das wir so datieren können. Aber das ist eher selten.“

Alles wird beim Editieren beibehalten

Manchmal schrieb Leibniz auch einfach auf einen Briefumschlag oder ein bedrucktes Stück Papier. Vermutlich wollte er einfach keine Zeit verlieren und seinen Gedanken schnell aufschreiben, sagt Siebert. Ähnlich sieht das auch Vincenzo De Risi vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. „Vermutlich war Schreiben auch Leibniz’ Art zu denken“, sagt der Forscher. „Denn eigentlich schrieb er die ganze Zeit. Leibniz verbrachte Tage am Schreibtisch, schlief kurz ein und schrieb gleich weiter, wenn er aufwachte. Er schrieb, wenn er mit der Kutsche durch Europa reiste. Und auch während er aß. Wir haben Essensreste auf seinen Aufzeichnungen gefunden.“

Doch Leibniz hielt seine Gedanken nicht nur fest, er kommentierte sie, er fügte neue Ideen ein, er strich andere weg. „Selbst, wenn kaum noch Platz auf dem Papier war, hat Leibniz seine Anmerkung noch irgendwo hingekritzelt. Hauptsache, sie war inhaltlich an der richtigen Stelle“, sagt Siebert. Leibniz mochte offenbar den Prozess des Überarbeitens und Verwerfens. „Er hat keine Seite weggeworfen, selbst wenn er merkte, dass seine Überlegungen nicht stimmten“, erklärt Siebert. „Wir können aber nicht nachvollziehen, wann Leibniz diese Ergänzungen gemacht hat – ob Minuten oder Jahre später.“

Leibniz hatte beim Schreiben ein bestimmtes Schema. Er nutzte eher nur die linke oder rechte Hälfte einer Seite, damit er daneben Platz für Anmerkungen hatte. Das hielt ihn aber nicht davon ab, einfach mitten auf der Seite anzufangen, einen langen Kommentar zwischen Zeilen zu quetschen, Zeilen an den Rand zu schreiben und mit Strichen an den richtigen Ort des Textes zu verweisen. Oder alles durchzustreichen.

Von all diesen Änderungen geht in der Edition nichts verloren. „Wir nehmen jeden Kommentar und jedes durchgestrichene Wort auf. Wir schreiben erst, was der ursprüngliche Text war und schauen dann, was Leibniz verändert und hinzugefügt hat“, erklärt Siebert. „In der edierten Version stehen am Ende jeder Seite die verschiedenen Varianten zum Text.“ Doch der Historiker schreibt die Texte nicht nur ab. „Wir korrigieren auch Fehler, zum Beispiel, wenn Leibniz Wörter doppelt oder falsch geschrieben hat.“ Manchmal beschreibe Leibniz im Text Zeichnungen und geometrische Figuren, die er daneben aufgemalt hat – dort aber falsch beschriftet. Außerdem rechnen Siebert und seine Kollegen alle Formeln und Tabellen nach. Sie müssen die Ausführungen von Leibniz also auch inhaltlich verstehen – nicht nur lesen können. „Die Schreibschrift von Leibniz unterscheidet sich kaum von unserer heutigen“, sagt Siebert. „Manchmal hat er ordentlich geschrieben, meistens aber nicht.“

Hochkomplexes Verfahren

Einige wenige Texte zu technischen Themen habe Leibniz auf Deutsch verfasst. „Wahrscheinlich kannte er da die Fachbegriffe am besten“, vermutet Siebert. Meistens schrieb Leibniz aber auf Latein und Französisch, den damaligen Kommunikationssprachen.

„Für eine Seite brauchen wir ungefähr ein bis drei Tage“, sagt Siebert. Damit meint er das inhaltliche Verstehen, das Entziffern und das Abtippen der Handschrift für den Band. Dazu nutzen Siebert und seine Kollegen kein gängiges Schreibprogramm wie Word, weil sich damit keine Formeln und mathematischen Zeichen abbilden lassen. Sie nutzen LaTeX, ein darauf spezialisiertes Programm.

Siebert öffnet am Computer ein Fenster, darin ist die Seite zu sehen, die er gerade bearbeitet: \noindent Les poids \textit{C}. \textit{B} estant en raison reciproque des distances \textit{AC}. Der Text sieht in dem speziellen Programm aus wie eine komplizierte Programmiersprache. Siebert muss einzelne Befehle für Absätze und Layout händisch eingeben. Immerhin hat er sich dafür eine Art Handbuch angelegt und kann bestimmte Befehle einfach kopieren und einfügen. Doch fehlt eine Klammer, stimmt das ganze Konstrukt der Seite nicht mehr. Zeichnungen geometrischer Figuren müssen in einem anderen Programm angefertigt und eingefügt werden. Siebert kann aber kontrollieren, ob seine Angaben richtig waren. Er kann sich die Seite so anzeigen lassen, wie sie später im Band erscheint.

„Gedruckt werden die Bände in einer Auflage von 300 Exemplaren“, sagt Siebert. „Es sind fast ausschließlich Bibliotheken, die sie kaufen. Wir stellen die edierten Seiten aber auch online zur Verfügung. Aber nicht erst, wenn sie fertig sind, sondern schon während des Prozesses.“ Der dauert schließlich ein paar Jahre. Vermutlich, sagt Siebert, hätte Leibniz die Aufteilung seiner Aufzeichnungen nach unterschiedlichen Themen nicht gefallen. Er hätte sie als Einheit gesehen.