So sieht es aus, wenn Daten,  mit denen das RKI arbeitet,  auf dem Dashboad von Motionlogic angezeigt werden.
Foto: privat

BerlinDas Robert-Koch-Institut (RKI) nutzt Mobilfunkdaten, um die Ansteckung durch das Coronavirus zu simulieren und schließlich einzudämmen. Dabei arbeitet das RKI dafür mit der Firma Motionlogic zusammen, einer Tochter der Deutschen Telekom. RKI-Chef Lothar Wieler hatte am Dienstag davon gesprochen, dass so die Zahl  möglicher Kontaktpersonenen von Infizieren besser berechnet werden könnte. Anfang März hatte die Telekom die Zusammenarbeit noch dementiert.

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Der Berliner Zeitung liegt ein Screenshot der Applikation vor. Er zeigt, wie Nutzer an einem digitalen Cockpit Personenströme nachvollziehen können. Die Visualisierung erinnert an Aufnahmen einer Wärmebildkamera. Auf einer Karte lassen sich die Daten nach Geschlechtern differenzieren. Kategorien wie Tag, Woche, Monat, Jahr und einzelne Zeitfenster können gewählt werden. Auch die Besucher pro Stunde lassen sich aufrufen.

Einzelne Profile sind dabei ausgeschlossen

Nicole Schmidt, Sprecherin der Telekom

Die Mobilfunkdaten werden dabei aggregiert, also zusammengefasst. Individuelle Informationen über einzelne Personen, die von Handys erfasst werden, seien daraus aber nicht ablesbar. „Einzelne Profile sind dabei ausgeschlossen“, sagte Telekom-Sprecherin Nicole Schmidt der Berliner Zeitung. Es handele sich um Datenpakete mit einer Mindestgröße von je 30 Mobilfunknutzern, sogenannte Schwarmdaten. RKI-Chef Wieler hatte am Dienstag gesagt, dass es mithilfe der Applikation möglich wäre, „zielgenauer diese Person zu kontaktieren“, die Kontakt mit Infizierten hatten. Die Frage, ob da nicht ein Widerspruch bestehe, ließ das Institut bislang unbeantwortet.

Heinrich-Hertz-Institut lässt Anfragen unbeantwortet

Die Internetseite Golem hatte berichtet, dass auch das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer Gesellschaft daran beteiligt sei. Das Institut beantwortete Anfragen der Berliner Zeitung nicht. Die Telekom selbst teilte mit, nur mit dem RKI zusammenzuarbeiten und die Daten kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Ein weiteres Datenpaket soll das RKI schon in der kommenden Woche bekommen. Echtzeitdaten liefert die Firma aber aus rechtlichen Gründen nicht. Das RKI hatte für ein älteres Projekt bereits vor einigen Jahren von einer anderen Tochterfirma der Telekom aggregierte und anonymisierte Daten zu Bewegungsströmen in Berlin gekauft.

Motionlogic war vor sieben Jahren in Berlin gegründet worden und vertreibt „Analysen von Verkehrs- und Bewegungsströmen, die auf anonymen Signalisierungsdaten aus dem Mobilfunknetz basieren“, heißt es bei der Firma. Sie bietet ihre Dienste nach eigenen Angaben auch in Schweden, Finnland und Norwegen an. In Berlin wurde die Dienstleistung von Visit Berlin genutzt, um Touristenströme mit Routenempfehlungen besser durch die Stadt zu lenken. In Darmstadt arbeitet Motionlogic mit an Verkehrsanalysen. Auch hier stellte die Firma die Mobilfunkdaten zunächst kostenlos zur Verfügung. „Die gelieferten Daten weisen eine extrem hohe zeitliche und räumliche Auflösung auf, die neue Möglichkeiten der Mobilitätsanalyse für Darmstadt zulassen“, hieß es in einer Auswertung des Projekts.

Laut Telekom sei ein „lückenloser Datenschutz“ sichergestellt. „Die Signalisierungsdaten werden in Echtzeit anonymisiert, aggregiert, in Massenstatistiken umgewandelt und stehen erst nach Abarbeitung dieser Arbeitsschritte zur Auswertung bereit“, heißt es bei der Telekom. Diese Prozesskette sei „gemeinsam mit den Datenschutzbehörden erarbeitet“ worden und von der damaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Andrea Voßhoff als „datenschutzkonform bewertet worden“, so die Sprecherin. Der ehemalige Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert betont, dass Funkzellendaten kein Problem seien und dass die Rechtsprechung in den vergangenen Jahren freigiebiger geworden sei. „Wenn eine Zweckbindung beim Robert-Koch-Institut sichergestellt ist, halte ich das für sinnvoll“, so Weichert zur Berliner Zeitung. Die Zweckbindung sei aber „absolut notwendig“.

Der Verein Digitalcourage, der sich für Bürgerrechte einsetzt, fordert, „der Versuchung zu widerstehen, jetzt an eine Kooperation mit Google auch nur zu denken“, so der Vorstand und Netz-Aktivist padeluun, der nur unter Pseudonym in der Öffentlichkeit auftritt. Google ist dafür bekannt, dass das Unternehmen die Bewegungsdaten ihrer Nutzer besonders präzise ermitteln kann. Der Netzaktivist ergänzte noch: „Wir können uns vor der Infektion nicht mehr abschotten, wir können nur noch die Verbreitung verlangsamen – und wie das geht, wissen wir.“

Nach Recherchen der Washington Post arbeitet die US-Regierung in den USA mit Facebook und Google zusammen, um mit persönlichen Nutzerdaten die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen. Google teilte dagegen mit: "Wir untersuchen Möglichkeiten, wie aggregierte anonymisierte Standortinformationen im Kampf gegen Covid-19 helfen können." Weiter hieß es, dass das Unternehmen seinen  Datenschutzvorgaben folgen werde, die den Austausch von Daten über den Standort, die Bewegung oder die Kontakte einer Person nicht erlauben.