Berlin - Kinder wollen die Welt entdecken, das weiß Till Weitendorf nur zu gut. Der ehemalige Geschäftsführer des Oetinger-Verlags ist selbst Vater zweier Töchter. Und diese hören wie die meisten Kinder gerne Geschichten und Musik. Früher, als Weitendorf selbst ein kleiner Junge war, gab es dafür Kassettenrekorder. Die Sache hatte zwei Nachteile: Es bestand immer die Gefahr von Bandsalat und zudem war die Auswahl an guten Aufnahmen begrenzt.

Weitendorf suchte also nach einer modernen Alternative. Warum? Er ist mit Geschichten groß geworden. Als Kind hat er unter anderem die bekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren und den Schriftsteller Paul Maar getroffen, der „Das Sams“ geschrieben hat. Der Grund für diese außergewöhnlichen Begegnungen: Weitendorf ist der Enkel von Friedrich und Heidi Oetinger, die Gründer des Kinder- und Jugendbuchverlags Oetinger in Hamburg. Er sagt: „Geschichten begleiten uns von klein auf als Bücher oder Hörspiele. Kinder entwickeln mit ihnen Fantasien. Das ist auch der große Unterschied zum Fernsehen.“

Hörvergnügen ohne Kassettenrekorder und Bandsalat

Weitendorf leitete den Oetinger-Verlag als Geschäftsführer, bis er entschied, seinen eigenen Weg zu gehen. „Mir ist es schwergefallen, von der Arbeit im Verlag Abschied zu nehmen. Es war eine spannende Zeit, die ich nicht missen möchte“, sagt Weitendorf im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Aber er hatte ein neues Ziel. Er wollte den Kindern das Hörvergnügen auch in der digitalen Zeit ermöglichen, nur ohne Kassettenrekorder und Bandsalat. Dafür aber mit der Möglichkeit, dass die Kinder selbstständig entscheiden können.  

Was gar nicht so einfach ist in der digitalen Zeit. Erlauben die Eltern ihrem Nachwuchs, Smartphones zu nutzen, besteht die Gefahr, dass die Kleinen sich irgendwo beim Surfen im Netz verlieren. Die Alternative: ständige Kontrolle. Das aber widerstrebte Weitendorf. „Man sieht es ja schon bei Pippi Langstrumpf. Kinder wollen eigenständig Entscheidungen treffen – auch bei Hörbüchern und Musik.“ Mit seiner Beobachtung ist er nahe bei der Autorin des Kinderbuch-Klassikers, Astrid Lindgren, die so blitzgescheit über ihre Kindheit schreiben konnte und einmal sagte, was diese Zeit so unvergessen machte: „Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit.“

Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Martin Kurzhals, ebenfalls Vater, entwickelte Weitendorf daher die Tigerbox Touch, eine bunte Lautsprecher-Box mit einem integrierten Streamingdienst. Die Idee: Kinder können Hörspiele in Form von bierdeckelgroßen festen Karten, sogenannten Tigercards, auswählen und dann in die Box stecken – schon wird das Hörbuch abgespielt.

Die Kleinen können aber auch ganz ohne Karten auf die Online-Mediathek mit mehr als 6000 Hörspielen und Songs zugreifen. Diese Streaming-Angebote reichen von Hörbuchklassikern wie „Bibi Blocksberg“ und „Benjamin Blümchen“ über Karnevalslieder bis hin zu Meditationsübungen. Auch lernen können die Kinder mit der Box: Mathe, Biologie, Sprachen und andere Schulfächer. Auch das funktioniert nach dem Prinzip des Geschichtenerzählens.

Erste Streaming-Lösung für Kinder

Um die Mediathek nutzen zu können, müssen die Eltern eine Art Prepaidkarte kaufen, die bis zu zwölf Monate gilt. Auf einem Touchscreen können die Kinder dann Titel auswählen, vorspulen oder die Lautstärke regeln. So kleine Kisten wurden in den vergangenen Jahren schon beispielsweise mit der Toniebox zu einem erfolgreichen Unterhaltungsangebot im Kinderzimmer, aber eine Streaming-Lösung gab es bisher nicht. 

Foto: tigermedia
Die Tigerbox: Kinder können Hörspiele in Form von Karten in die Box stecken und abspielen.   

Ein wenig Kontrolle darf aber auch sein: So können Eltern auf einer App nachsehen und einschränken, was die Kinder auf der Box hören und sie können selbst Titel hinzufügen. Und wenn die Familie ohne Box unterwegs sein sollte, bietet die App die Möglichkeit, Hörspiele und Songs abzuspielen. 

Seit Ende 2019 ist die Box auf dem Markt und die Nachfrage ist groß. „Die Nutzungsdauer ist unglaublich. Durchschnittlich wird die Tigerbox mehr als zweieinhalb Stunden pro Tag gehört. Manche hören die Box vier Stunden lang“, sagt Weitendorf. Das sei zum einen auch der Corona-Zeit geschuldet. Denn viele Kinder würden im Lockdown zu Hause sitzen. „Sie können weniger Freunde treffen und wollen sich dennoch beschäftigen.“

Foto: tigermedia
Martin Kurzhals (l.) und Till Weitendorf haben die Tigerbox Touch ins Leben gerufen. 

Bleibt aber die Frage: Warum hat sich Weitendorf bei seinem persönlichen Neustart wieder auf die Kinderliteratur gestürzt? „Ich liebe Bücher, sie sind etwas Wunderschönes. Aber ich wollte eben auch die Qualität dieser Geschichten ins Digitale führen und den Kindern zur Verfügung stellen, das Morgen mitgestalten“, lautet seine Antwort. „Wir haben in Deutschland eine große Geschichten- und Hörbuchtradition. Sie darf nicht verloren gehen.“ Er befürchtet zudem, dass Onlinekonzerne – wie etwa Amazon – eben diesen Markt bestreiten würden.

Seine und Kurzhals Kinder haben die Tigerbox übrigens von Anfang an getestet. „Sie sind die besten Kritiker“, so Weitendorf. Was seine beiden Töchter zurzeit hören würden? „Unter anderem ein Hörspiel zu Haustieren. Das ist gerade ein großes Thema bei uns. Die beiden wollen am liebsten einen Hund, ein Schwein und ein Schaf haben.“