BerlinMit dem eigenen Ruhepuls die Forschung unterstützen – die Corona-Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts (RKI) macht das möglich. Nutzer stellen dort täglich ihre Vitaldaten, die per Fitnessarmbänder und Smartwatches gesammelt werden, zur Verfügung: die Schrittanzahl, die Schlafdauer, den Ruhepuls. Die Daten sollen Hinweise auf Symptome einer Infektion mit dem Coronavirus liefern.

Paul Burggraf, Friedrich Lämmel und John Trimpop sind die drei Unternehmer, die hinter der Technologie stehen. 2017 gründeten sie ihr Start-up Thryve in Berlin. Ihre Idee: Die wertvollen Daten, die Fitnesstracker täglich sammeln, sollen von der Gesundheitsbranche und der Forschung genutzt werden.

Eine Fieberkurve für ganz Deutschland

Als sich das Coronavirus Ende Februar auch in Deutschland immer weiter verbreitete, waren sich die drei Gründer sicher: Sie können mit ihrer Technologie helfen. Also kontaktierten sie das RKI und schlugen eine Zusammenarbeit vor. Ihr Vorschlag: eine Fieberkurve für ganz Deutschland zu erstellen, um die Ausbreitung des Coronavirus erfassen zu können. 

Per Fitnessarmband Fieber messen? „Das funktioniert“, erklärt Dirk Brockmann, Epidemiologe vom RKI und wissenschaftlicher Leiter des Corona-Datenspende-Projekts. Erst im Januar dieses Jahres haben Wissenschaftler des Scripps Instituts in den USA eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass man mithilfe von sogenannten Fitnesstrackern Fieber messen kann. „Wenn etwa der Ruhepuls höher als gewöhnlich ist, kann Fieber vermutet werden, und Fieber ist ein Hauptsymptom von Covid-19“, sagt Brockmann. Auch Veränderungen bei der Bewegung und der Schlafdauer werden zur Symptomerkennung herangezogen.

In nur vier Wochen entwickelte das Team von Thryve die Corona-Datenspende-App – Start war im April. „Wir waren sehr schnell. In so kurzer Zeit ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, ist schon besonders“, sagt Paul Burggraf. „Schon nach unserem ersten Aufruf haben 300.000 Menschen teilgenommen“, so der Unternehmer. Mittlerweile nehmen mehr als eine halbe Million Nutzer teil.

„Die Daten helfen uns bei unserer Forschung sehr weiter“, sagt Brockmann. Thryve sei dabei für die Technologie zuständig. Das RKI mache die wissenschaftliche Auswertung. Dennoch sollte man die Ergebnisse auch immer mit Vorsicht genießen, meint Brockmann. Fieber ist auch ein Grippesymptom. Außerdem kann der Ruhepuls hochgehen, ohne dass dies gleich bedeutet, dass der Nutzer Fieber hat.

Je mehr Daten, desto besser

Je mehr Menschen ihre Daten liefern, desto genauer werden auch die Ergebnisse. „Wir müssen außerdem alles zusammen betrachten: Unsere Fieber-Ergebnisse, die Testungen“, so Brockmann. Zur Veranschaulichung der Ergebnisse hat das RKI zudem eine täglich aktualisierte Fieberkurve für Deutschland und alle Bundesländer erstellt. Dort werden die tagesaktuellen Berechnungen aus der Corona-Datenspende-App und der weitere Trend in Fieberkurven gezeigt.

Dabei fällt auf: Die Fieberkurve verläuft ähnlich zu der Kurve der aktuellen Corona-Fälle. „Wenn unsere Kurve ansteigt, kann man davon ausgehen, dass die Kurve der Corona-Fälle ein paar Tage später auch ansteigen wird“, so Brockmann. „Unsere Kurve zeigt quasi die Entwicklung der Corona-Pandemie in Echtzeit.“ 

Quelle: https://corona-datenspende.de
Die Statistik zeigt, dass die Zahl der Fälle von erhöhter Temperatur zuletzt deutlich angestiegen ist. Ähnlich wie die Zahl der gemeldeten Corona-Infektionen.  

Zweite Welle war vorhersehbar

Der große Erfolg des Teams: Sie konnten die zweite Welle vorhersehen. Auch aktuell stimme die Fieberkurve der Datenspende-App mit der Entwicklung der Corona-Fälle überein: Beide steigen weiter an.

Auch wenn die App laut der Thryve-Gründer und Brockmann ein Erfolg ist, kommt auch immer wieder Kritik auf, Stichwort: Datenschutz. Immerhin laden Menschen ihre privaten Gesundheitsdaten auf der App hoch. Im April nahm der  Chaos-Computer-Club Stellung zu der App. Seine Kritik: Die App weise mehrere technische Schwachstellen auf, sie sei leicht angreifbar und damit unsicher.

„Wir haben alle technischen Schwachstellen beseitigt“, sagt Thryve-Gründer Burggraf. Von Anfang an hätten sie mit dem Datenschutzbeauftragten des RKI zusammengearbeitet. Auch Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) habe das RKI im Vorfeld zur App beraten. „Wir können keine weiteren datenschutzrechtlichen Bedenken einwenden“, sagt ein Mitarbeiter des BfDI. Letztlich sei es immer die freie Entscheidung der Menschen, die Tracking-App zu nutzen, so Burggraf.

Ein Konzept mit Potenzial

Krankheiten und ihre Verläufe verstehen – ein Konzept mit Potenzial, glaubt Wissenschaftler Brockmann. Die erstellten Gesundheitsdaten der Fitnesstracker könnten nicht nur in der Corona-Krise helfen. Auch für andere Entwicklungen und Studien seien die Daten hilfreich. „Wir können mit diesen Daten wichtige Erkenntnisse gewinnen. Bereits jetzt können wir etwa beobachten, dass der Ruhepuls in Ostdeutschland höher ist, als in Westdeutschland.“ Auch andere Informationen zum Thema „Schlaf und Psyche“ könnte man aus den Daten generieren. „Dafür ist es wichtig, immer transparent zu kommunizieren“, sagt Brockmann. „Das Ganze basiert auf Vertrauen.“

Aber da geht offensichtlich noch mehr: Schon heute arbeitet das Start-up mit einer Plattform für digitale Rehakliniken zusammen, um etwa die Bewegung der Patienten zu regulieren. Sie kooperieren zudem mit der Charité und der FU Berlin im Bereich der Onkologie. Nach überstandener Krebserkrankung können die Patienten mithilfe von Fitnesstrackern aus der Ferne betreut werden. „Die Ärzte und Betreuer können die Daten der Patienten verfolgen und immer eingreifen. Das bietet den Patienten auch ein Stück Selbstständigkeit und Freiheit“, so Burggraf.

Doch das Thryve-Team weiß auch: Das Thema Datenschutz in Bezug auf Gesundheitsdaten wird auch in Zukunft sicherlich immer wieder aufgegriffen werden. Der vermessene Patient – es ist ein Bild, das bei vielen Menschen sicherlich Unbehagen auslösen könnte.